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Aus: Ausgabe vom 15.02.2020, Seite 15 / Geschichte
Zweiter Weltkrieg

Strategischer Stützpunkt

Vor 75 Jahren begann mit dem Kampf um die Pazifikinsel Iwo Jima eine der blutigsten Schlachten des Kriegs zwischen den USA und Japan
Von Kai Köhler
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Ikonographie des Zweiten Weltkriegs: »Raising the Flag on Iwo Jima« (23. Februar 1945)

Die Pazifikinsel Iwo Jima ist nur etwa sieben Kilometer lang und drei Kilometer breit; einzige größere Erhebung ist mit 169 Metern der Suribachi-Berg. Es gibt dort nichts, worum es sich zu kämpfen lohnte. Dennoch begann hier am 19. Februar 1945 eine der blutigsten Schlachten des Kriegs zwischen den USA und Japan. Grund dafür war die geostrategische Bedeutung der Insel.

Der Krieg hatte am 7. Dezember 1941 mit dem japanischen Luftangriff auf die US-Marinebasis Pearl Harbor begonnen, der einen Großteil der US-Großkampfschiffe ausschaltete, jedoch nicht die wichtigste Schiffsklasse, die Flugzeugträger. Dieser halbe Erfolg erlaubte Japan in den folgenden Monaten eine enorme Expansion nach Osten und Südosten. Ein Großteil der pazifischen Inselwelt geriet unter japanische Kontrolle. Im Süden stießen japanische Truppen bis Indonesien und weit ins britisch kolonisierte Burma vor. Damit hatte Japan die kriegswichtige Rohstoffversorgung gesichert, aber um den Preis großer Kräftezersplitterung.

Inselspringen

Im Juni 1942 scheiterte der japanische Vorstoß auf die Pazifikinsel Midway. Das Kaiserreich verlor nicht nur vier Flugzeugträger, sondern auch Hunderte von Marineflugzeugen mit den bestausgebildeten Piloten. Nun war klar, dass Japan das US-amerikanische Festland nicht mehr angreifen konnte. Auf mittlere Sicht musste die Stärke der US-Industrie unabhängig vom Ausgang dieser oder jener Schlacht zu einer erdrückenden Übermacht an Schiffen und Flugzeugen führen.

Die US-Offensive beruhte auf einer Strategie des »Inselspringens«. Während die japanische Seite alle ihre Eroberungen absicherte, konnten sich die USA aussuchen, wo sie angriffen, und weniger lohnende Ziele umgehen. (Auf einzelnen Inseln harrten japanische Soldaten, die nichts vom Ende des Krieges erfuhren, bis in die 1970er Jahre aus.) Der Verteidiger muss seine Kräfte aufteilen, der Angreifer geht konzentriert vor – auf diese Weise geriet zwischen Juni und August 1944 der Marianen­archipel in US-amerikanische Hand.

Dies erleichterte die Bombardierung der japanischen Hauptinseln. Im Verlauf des Jahres 1944 flogen die USA Luftangriffe gegen Industrieanlagen und Flugplätze. Dadurch wurden die japanische Kriegsproduktion und Luftabwehr beeinträchtigt, jedoch nicht ausgeschaltet. Ende 1944 fiel die Entscheidung, auf ein Flächenbombardement umzustellen. Und damit rückte Iwo Jima in den Fokus.

Die Entfernung von den Marianen bis Tokio beträgt etwa 2.500 Kilometer. Auf halbem Weg liegt das mit Flugbahnen ausgestattete Iwo Jima. Der Stützpunkt bot der japanischen Luftwaffe die Möglichkeit, den Einflug der Bomber zu stören; im Falle einer Eroberung würden die USA hingegen von dort aus die Bomber mit Jagdflugzeugen schützen können.

Die japanische Führung hatte früh die strategische Bedeutung der Insel erkannt und ausgedehnte Befestigungen, die 18 Kilometer Tunnel einschlossen, anlegen lassen. Etwa 21.000 Soldaten waren dort stationiert. Sie sollten möglichst lange kämpfen, um Zeit für Verteidigungsvorbereitungen auf den japanischen Hauptinseln zu gewinnen. Kapitulation war auch in aussichtsloser Lage nicht vorgesehen. Dieser Befehl wurde befolgt, so dass sich die Einschätzung der USA, die Insel innerhalb einer Woche unter ihre Kontrolle bringen zu können, als zu optimistisch erwies.

Der Landung am 19. Februar ging ein dreitägiger Beschuss der Insel durch Kampfschiffe voraus, die aber die tief in den Untergrund verlegten japanischen Bunkeranlagen nicht entscheidend trafen. Die ersten US-Soldaten, die anlanden wollten, erfuhren, wie mangelhaft die Aufklärung gearbeitet hatte: Sie fanden sich auf Aschefeldern wieder, in denen ihre Fahrzeuge steckenblieben. Die japanischen Verteidiger warteten, bis sich auf diesem ungünstigen Gelände eine gewisse Dichte von Angreifern gesammelt hatte, und feuerten erst dann, mit teils verheerender Wirkung: In einigen Landungssektoren fielen über 80 Prozent der US-Soldaten.

Trotzdem waren bis zum Abend zwei Hauptziele erreicht. Etwa 30.000 Marines waren auf der Insel gelandet, und Iwo Jima war an der schmalsten Stelle unter der Kontrolle von US-Kräften. Tatsächlich aber war die japanische Verteidigung nicht in zwei Sektoren gespalten, da die Tunnel die beiden Teile der Insel weiterhin verbanden. Mit Schusswaffen waren die Japaner in ihren Stellungen kaum zu bekämpfen. Handgranaten und Flammenwerfer töteten zwar die vorderen Reihen der Verteidiger, doch rückten aus tieferen Stellungen weitere japanische Soldaten nach.

Unter diesen Umständen rückten die US-Truppen trotz zahlenmäßiger Überlegenheit und Luftherrschaft nur langsam vor. Immerhin nahmen sie am 23. Februar mit dem Suribachi-Berg im Süden der Insel einen symbolisch wichtigen Ort ein. Nachdem auf dem Gipfel zunächst eine kleine Flagge gehisst worden war, entschied man sich noch am selben Tag dafür, diese durch eine größere zu ersetzen.

Das Foto davon, »Raising the Flag on Iwo Jima«, wurde nicht nur als Werbung für die 7. US-Kriegsanleihe ab Mai 1945 verwendet, sondern später für den US-amerikanischen Sieg im Pazifikkrieg ikonisch. Für Iwo Jima bedeutete die Eroberung des Berges hingegen wenig. Der größere Nordteil der Insel musste Meter für Meter erkämpft werden. Die Hauptgefechte dauerten bis zum 26. März, vereinzelter Widerstand erlosch erst Wochen später.

Flächenbombardement

Noch während der Schlacht um Iwo Jima wurde das Flächenbombardement auf Japan verstärkt. Der Luftangriff auf Tokio in der Nacht zum 10. März traf mit Brandbomben, einschließlich Napalm, das eng mit Holzhäusern bebaute Hafenviertel. Es war mit etwa 100.000 Toten der opferreichste Bombenangriff des gesamten Weltkriegs, der mit »konventionellen« Waffen ausgeführt wurde.

Doch diente Iwo Jima – wie auch die noch verlustreichere Eroberung von Okinawa zwischen April und Juni 1945 – der Rechtfertigung, Nuklearwaffen gegen Hiroshima und Nagasaki einzusetzen. Auf den Inseln kämpften die japanischen Soldaten auch in auswegloser Lage befehlsgemäß weiter. Auf Iwo Jima ergaben sich nur etwa 1.100 Japaner, mehr als 20.000 leisteten bis zum Ende Widerstand. Dies auf die japanischen Hauptinseln hochgerechnet, hätte tatsächlich eine fürchterliche Bilanz ergeben. Doch beweist die schnelle Abfolge der beiden Atombombenabwürfe, die der japanischen Seite keine Zeit ließ, Konsequenzen aus Hiroshima zu ziehen, dass es im August 1945 nicht nur um die japanische Kapitulation, sondern auch um eine Warnung an die Sowjetunion ging.

Alptraum in der Hölle

Die erste Nacht auf Iwo Jima kann nur als Albtraum in der Hölle beschrieben werden. Zum Teil lag es am Wetter. Iwo ist zu dieser Jahreszeit so kalt wie Ohio. Die Frontlinie hat sich von den Tropen in eine Region mit starkem Wind und langen Perioden ohne Sonnenschein verschoben. Bald schon werden sich US-Kämpfer nach den lieben alten dampfenden Dschungeln und den sonnengebrannten Atollen sehnen. Während dieser bitteren Nacht ließen die Japaner schwere Mörser und Raketen sowie Artillerie auf das gesamte Gebiet zwischen Strand und Flugplatz hernieder regnen. Zweimal trafen sie Feldlazarette am Strand. Viele Männer, die nur verwundet worden waren, wurden getötet. Der Kommandoposten eines der Angriffsbataillone wurde direkt getroffen, wobei mehrere Offiziere getötet wurden. Bei einem Artilleriebataillon in Strandnähe wurden zwölf Männer getötet. Eine Gruppe von Sanitätsleuten verkleinerte sich von 28 auf elf. Die Sanitäter nahmen es – wie üblich – hin.

Am Morgen lagen am Strand viele Tote. Gleich ob Amerikaner oder Japaner – sie hatten eines gemeinsam. Sie waren mit größtmöglicher Gewalt gestorben. Nirgendwo im Pazifikkrieg habe ich so stark verstümmelte Körper gesehen. Viele wurden genau in zwei Hälften geschnitten. Beine und Arme lagen etwa 15 Meter von jedem Körper entfernt. Nur die Beine waren leicht zu identifizieren – Japaner, wenn sie Khakigamaschen, Amerikaner, wenn sie Leinengamaschen trugen. An einer Stelle im Sand, weit weg von den nächstliegenden Toten, sah ich Eingeweide liegen, viereinhalb Meter lang.

Aus dem Bericht des Kriegsreporters Robert Sherrod, erschienen am 5. März 1945 im Time-Magazin

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