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Aus: Ausgabe vom 15.02.2020, Seite 8 / Ansichten

Quellenfuchs des Tages: Rainer Rother

Von Alexander Reich
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Nein heißt nein? Von wegen: Rainer Rother

Alles wieder gut. Der rote Teppich für die Eröffnungsgala der 70. Berlinale am Donnerstag kann ohne Bedenken ausgerollt werden. Vor drei Wochen hatte ein Hobbyhistoriker via Die Zeit eine Art Ursünde des Festivals aufgedeckt, das 1951 in der Frontstadt eingerichtet wurde. Auf Initiative der USA. Als »Schaufenster zur freien Welt«. Auftragsgemäß posierte Alfred Bauer, Festivalchef von 1951 bis 1976, mit Stars wie Gina Lollobrigida. Ihm zu Ehren vergab die Berlinale seit den 80ern einen Alfred-Bauer-Preis, etwa an Alain Resnais, Regisseur des Dokumentarfilms »Nacht und Nebel« über die Vernichtungslager der Nazis.

Was der Hobbyhistoriker im Berliner Landesarchiv über Alfred Bauer herausbekommen hatte, war da schon etwas unangenehm: Als »eifriger SA-Mann«, von dem »voller Einsatz für Staat und Bewegung (zu) erwarten« sei, machte »Parteigenosse Bauer« ab 1942 Karriere in der Reichsfilmintendanz, dem zentralen Steuerungsorgan der Nazifilmwirtschaft. Nach dem Krieg ließ er sich von seinem Friseur eine »antifaschistische Einstellung« bescheinigen und erklärte einer Entnazifizierungskommission, er habe seine »SA-Zugehörigkeit bagatellisiert, weil ich nicht viel damit zu tun gehabt habe. – Sie gehörten der Reichsfilmintendanz an. – Nein.« So steht es im Protokoll der Verhandlung vom 18. Oktober 1946. Aber das muss man auch erst mal lesen können, wie Rainer Rother, Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek und Leiter der Berlinale-Retrospektive, gegenüber dpa erläuterte. »Es war überhaupt nicht sein Bestreben, seine Rolle in der Reichsfilmintendanz zu verbergen«, wurde der Filmhistoriker am Freitag von der Agentur zitiert. »Dass Alfred Bauer weißgewaschen werden sollte, ist vollkommener Unsinn.«

Hat sich Bauer also ständig schwerster Verbrechen beschuldigt, und niemand wollte es wahrhaben? So ungefähr wird es gewesen sein. Sagt Rainer Rother, der auf der Berlinale auch schon mal eine Reihe namens »Selling Democracy« kuratiert hat.

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