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Aus: Ausgabe vom 15.02.2020, Seite 8 / Ansichten

Die Bank gewinnt immer

Dax erreicht neues Allzeithoch
Von Simon Zeise
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Die Börse sprudelt über: Das verwaltete Fondsvermögen war 2019 so hoch wie das Bruttoinlandsprodukt der BRD

Spekulanten können sich genüsslich zurücklehnen und den Ausblick genießen. Am Freitag erreichte der Dax zwischenzeitlich mit mehr als 13.788 Punkten ein neues Allzeithoch. Aus Geld mehr Geld machen zu lassen, scheint einfach wie nie. Das in Deutschland in Fonds verwaltete Vermögen hat sich im vergangenen Jahr um satte 15 Prozent vermehrt: 3,4 Billionen Euro zirkulierten außerhalb der Produktionssphäre auf der Suche nach Rendite. Eine Summe, fast exakt so hoch wie das Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik. Finanzinvestoren jonglieren also mit einem Wert, der sämtlichen hierzulande erarbeiteten Waren und Dienstleistungen entspricht. Der Finanzsektor explodiert: Binnen zehn Jahren hat sich das Fondsvermögen fast verdoppelt.

Auch die Managerkaste der Branche hat 2019 profitiert wie selten zuvor. Laut Zahlen der Nachrichtenagentur Bloomberg führt Chris Hohn, Vorsitzender des »The Children’s Investment Fund« (TCI), die Rangliste an. Der Brite »verdiente« kinderleicht rund 1,8 Milliarden Dollar damit, weltweit den Mehrwert der Erwerbstätigen umzuverteilen. TCI spuckte eine Rendite von 41 Prozent für die Anleger aus. Auch in Deutschland setzt der Fonds als aktivistischer Investor und mit Wetten auf sinkende Börsenkurse Konzerne unter Druck, um aus ihnen schneller höhere Renditen herauszupressen. Mit der Konsequenz, dass Unternehmen zerschlagen werden und Arbeiter zu Tausenden auf der Straße stehen. Hinter Hohn wurde James Simons mit 1,7 Milliarden Dollar zweitbestbezahlter Hedgefondsmanager. Er erlernte sein Handwerk zum Finanzhai im Krieg. Während der US-Invasion in Vietnam dechiffrierte er für das US-Verteidigungsministerium Codes der Kommunisten. Später erfand er ein mathematisches Modell, um die Entwicklung der Rohstoffpreise zu prognostizieren, und wurde mit einer Wette auf Soja reich.

Wenn es für die Herren im Casino rund läuft, bleibt wenig für Investitionen und Löhne übrig. Wie das statistische Bundesamt am Freitag bekanntgab, ist die deutsche Wirtschaft im letzten Quartal 2019 überhaupt nicht mehr gewachsen. Die schwarze Null steht fortan nicht mehr nur unter der Haushaltsbilanz. Stagnation ist der Preis für jahrzehntelanges Lohndumping, Privatisierung und staatliche Kürzungsorgien. Doch unbelehrbar setzt das deutsche Kapital weiter auf Exportüberschüsse. Mit Waren im Wert von 1,3276 Billionen Euro fluteten deutsche Konzerne Märkte im Ausland. Verhältnismäßig billige Arbeitskräfte im eigenen Land konkurrieren das Ausland nieder. Um auf Kurs zu bleiben, ist die Regierung nicht mal zu kleinen Zugeständnissen an die Lohnabhängigen, wie die Grundrente, bereit. Weil Unternehmen zu wenig produzieren und zu geringe Löhne zahlen, treiben Zentralbanken mit niedrigen Zinsen die bestehenden Vermögenswerte in die Höhe. Mehr hat der Westen nicht mehr aufzufahren. Und für Spekulanten gilt, wer ganz oben ist, fällt auch am tiefsten. Machen Sie Ihren letzten Einsatz. Denn bald heißt es: Nichts geht mehr.

Debatte

  • Beitrag von Florian B. aus L. (16. Februar 2020 um 02:24 Uhr)
    Kapital als Kapital wird zur Ware!

    Stößt das leihbare Geldkapital (und seine sämtlichen Abstraktionen als »Wertpapiere«) »auf Mangel an Anlagesphären, findet [...] Überfüllung der Produktionszweige und Überangebot von Leihkapital statt«. Dies beweist »nichts als die Schranken der kapitalistischen Produktion«.

    »Mit dem Wachstum des stofflichen Reichtums wächst die Klasse der Geldkapitalisten; es vermehrt sich einerseits die Zahl und der Reichtum der sich zurückziehenden Kapitalisten, der Rentiers; und zweitens wird die Entwicklung des Kreditsystems gefördert und damit die Zahl der Bankiers, Geldverleiher, Finanziers etc. vermehrt. – Mit der Entwicklung des disponiblen Geldkapitals entwickelt sich die Masse der zinstragenden Papiere, Staatspapiere, Aktien etc.« Gleichzeitig steigt aber auch »die Nachfrage nach disponiblem Geldkapital« einzig zu dem Zweck, damit Spekulationsgeschäften nachzugehen.

    »Mit der Entwicklung des Kreditwesens werden große konzentrierte Geldmärkte geschaffen, wie London, die zugleich Hauptsitze des Handels in diesen Papieren sind. Die Bankiers stellen dem Gelichter dieser Händler das Geldkapital des Publikums massenhaft zur Verfügung, und so wächst diese Brut von Spielern.«

    Quelle: Die Zitate habe ich mir erlaubt, aus »Das Kapital Band 3 von Karl Marx und Friedrich Engels« zu entnehmen.

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