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Aus: Ausgabe vom 15.02.2020, Seite 5 / Inland
Wohnungslosigkeit

Vom Staat allein gelassen

Hunderte Jugendliche von der Straße geholt: Stiftung meldet drastische Zunahme hilfesuchender Minderjähriger und junger Erwachsener
Von Susan Bonath
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»Für eine Europa, in dem niemand untergeht«: 2017 waren schätzungsweise 37.000 unter 25jährige wohnungslos

Den Halt verloren, kein Dach über dem Kopf – und ein Staat, der dem Elend nur zusieht: In Deutschland landen immer mehr Jugendliche auf der Straße. Dies lässt eine neue Auswertung der Stiftung »Off Road Kids« vermuten, die gestrandeten Minderjährigen und jungen Erwachsenen Hilfe anbietet.

»Im Jahr 2019 haben wir für 740 junge Menschen eine Unterkunft gefunden, das waren so viele wie noch nie«, meldete die Stiftung in dieser Woche. Die Fälle, in denen Betroffene wieder auf der Straße gelandet seien, habe man davon bereits abgezogen. Den meisten Jugendlichen half die Stiftung in Dortmund (169), Köln (84) und Berlin (58). Die Zahl der erfolgreich untergebrachten wohnungslosen Jugendlichen habe sich damit gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt. 2018 habe die Organisation 400 Betroffenen geholfen, im Jahr 2006 hatte sie noch 177 Fälle verzeichnet.

Erfolgreiche Unterbringungen geben aber nicht die gesamte Realität wieder. So führten die Mitarbeiter von »Off Road Kids« 2019 insgesamt mehr als 9.100 Beratungsgespräche mit unter 25jährigen, die kein Dach über dem Kopf hatten, notdürftig bei Bekannten untergekommen oder von Obdachlosigkeit bedroht waren. In über 6.500 Fällen habe es sich dabei um Straßenkinder und sehr junge Erwachsene mit vielfältiger Problemlage gehandelt, teilte Markus Seidel, Geschäftsführer der Stiftung, mit.

Dass man mehr Jugendlichen habe helfen können, sei auch einer vermehrten Onlinearbeit seiner Organisation geschuldet, etwa über das Portal »Sofahopper.de«, erklärte Seidel. Mehr als die Hälfte der Betroffenen habe auf diesem Weg zu den Sozialarbeitern und Streetworkstationen gefunden. Grund sei die Zunahme der digitalen Kommunikation, die gegebenenfalls auch mehr Anonymität zulasse.

»Unser Ziel ist es, junge Menschen frühzeitig vor dem Absturz auf die Straße zu bewahren«, sagte Seidel. Liefen Jugendliche erst einmal von zu Hause oder aus Kinderheimen weg, gingen sie häufig nicht mehr zur Schule und es bestehe die Gefahr, dass sie sich schnell »vollständig entkoppeln«. Das bedeutet: Die Jugendlichen sind nicht mehr krankenversichert, gehen weder zum Arzt noch zur Schule, leben alleine vom Betteln, manchmal auch von Kleinkriminalität oder Prostitution.

Seit 1993 holte »Off Road Kids« nach eigenen Angaben mehr als 6.000 Jugendliche von der Straße. Für ehemalige Heimkinder sei die Gefahr besonders hoch, abzurutschen, wie die Stiftung und andere Hilfsorganisationen, etwa der Straßenkinderverein »Karuna«, seit Jahren warnen.

Jugendämter stellten oft aus Geldmangel die Hilfe am 18. Geburtstag der Betroffenen abrupt ein. Heime setzten zudem oft schon Minderjährige vor die Tür, wenn sie sich nicht an Auflagen halten, die in sogenannten Hilfeplänen von der Behörde festgelegt wurden. Die dann folgende teils repressive Bürokratie, ob beim Jugendamt oder Jobcenter, überfordere die meisten. Ein wachsendes Problem sei, dass bezahlbarer Wohnraum kaum noch zu finden sei, mahnte die Stiftung.

Der Staat baut auf das karitative Engagement. Inzwischen erhalte die Stiftung zwar auch finanzielle Mittel vom Bundesfamilienministerium. Diese reichten aber bei weitem nicht aus, so sei man weiterhin auf Spenden angewiesen, erläuterte Seidel und betonte: »Wir wollen bewirken, dass in Deutschland kein junger Mensch mehr auf der Straße leben muss.« Dafür bräuchte seine Organisation eigentlich noch viel mehr Personal. Das sei derzeit aber nicht finanzierbar.

Genaue Zahlen über Straßenkinder und -jugendliche in Deutschland gibt es nicht. Im Jahr 2017 schätzte das Deutsche Jugendinstitut, dass etwa 37.000 unter 25jährige kein eigenes Dach über dem Kopf haben – Tendenz steigend. Sozialarbeiter und Streetworker gehen darüber hinaus von einer hohen Dunkelziffer aus, da viele nirgendwo erfasst oder irgendwo gemeldet seien, wo sie längst nicht mehr leben.

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