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Aus: Ausgabe vom 14.02.2020, Seite 15 / Feminismus
Nach Jahrzehnten wiederentdeckt

Queere Widerstandskämpferin

Entging im Zweiten Weltkrieg nur knapp der Todesstrafe: Vielseitige Surrealistin Claude Cahun auf Jersey mit Briefmarkenserie geehrt
Von Kai Böhne
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Claude Cahun: Selbstportrait 1929

Zu Beginn der 1920er Jahre führte die französische Künstlerin Claude Cahun gemeinsam mit ihrer Stiefschwester und Lebensgefährtin Suzanne Malherbe ein exzentrisches Bohème-Leben in Paris. Beide pflegten eine unkonventionelle Partnerschaft und verkehrten in den Kreisen surrealistischer Künstler. Cahun publizierte Kurzgeschichten, Essays und lyrische autobiographische Texte, experimentierte mit Fotografie und betätigte sich als Kostümbildnerin, Schauspielerin und revolutionäre Aktivistin.

1954 verstarb Cahun auf der Ärmelkanalinsel Jersey. In den folgenden drei Jahrzehnten gerieten ihr künstlerisches Schaffen und ihre Person in Vergessenheit. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts begannen Kulturinteressierte und Feministinnen, das Leben der schillernden Künstlerin neu zu entdecken und zu recherchieren. 1995 wurden ihre Fotos in Paris, zwei Jahre später in München ausgestellt. Alice Schwarzer porträtierte die Fotografin im feministischen Magazin Emma.

Am 12. Februar veröffentlichte die Jersey Post eine achtteiligen Briefmarkenserie mit fotografischen Arbeiten der für ihre androgynen Selbstporträts bekannten Künstlerin. Einige ihrer Werke werden als die »verblüffend originellsten und rätselhaftesten fotografischen Bilder des zwanzigsten Jahrhunderts« bezeichnet. Rachel MacKenzie von der Jersey Post betont, das Werk Cahuns sei »bahnbrechend und ihrer Zeit sehr weit voraus« gewesen. Sie konzentrierte sich auf die Themen Identität, Geschlecht und das Unterbewusstsein. Dies seien Gegenstände und Fragestellungen, die auch heute noch von Künstlern erforscht und ausgelotet werden.

Jugend und Studium

Claude Cahun wurde am 25. Oktober 1894 unter ihrem bürgerlichen Namen Lucy Schwob in Nantes geboren. Sie wuchs bei ihrer Großmutter in einer jüdischen Intellektuellenfamilie auf. Ihre Onkel engagierten sich publizistisch und literarisch. Nachdem ihr Vater zum zweiten Mal geheiratet hatte, begann Lucy einen Briefwechsel mit Suzanne Malherbe (1892–1972), der Tochter von dessen neuer Frau. Später studierte Lucy an der Pariser Sorbonne Philosophie und Philologie und teilte sich dort eine Wohnung mit Suzanne, die als Modedesignerin und Malerin arbeitete. Suzanne hatte sich für ihre Arbeiten das Pseudonym Marcel Moore gewählt.

Später gab sich auch Lucy einen Künstlernamen. Sie nannte sich Claude Cahun, aus Bewunderung für ihren Großonkel, den Schriftsteller und Orientalisten Léon Cahun. Der Vorname Claude wird im Französischen sowohl an Jungen als auch an Mädchen vergeben. Die Wahl genau dieses Pseudonyms war Programm und bewusster Teil ihrer künstlerischen Auseinandersetzung. Die Namensgebung implizierte eine gewollte geschlechtliche Mehrdeutigkeit und bekundet ihr Interesse an Grenzüberschreitungen und der Verweigerung jeglicher Zuschreibungen und Festlegungen.

Die US-amerikanische Regisseurin Barbara Hammer (1939–2019) widmete den beiden Frauen ihren Dokumentarfilm »Lover Other. The Story of Claude Cahun and Marcel Moore«, der 2006 beim Filmfest Berlinale vorgestellt wurde.

Cahun und Malherbe standen in enger Verbindung mit den aufregendsten Künstlerkreisen ihrer Zeit in Paris: den Surrealisten um André Breton und den kosmopolitischen Frauen vom linken Seineufer, dem »Rive Gauche«, um die Buchhändlerinnen und Verlegerinnen Adrienne Monnier und Sylvia Beach. 1925 veröffentlichte Claude Cahun erstmals eine Sammlung von Kurzgeschichten. Einige Jahre später erschien ihr Hauptwerk »Aveux non avenus«, zu deutsch: »Nichtige Bekenntnisse«. Es bestand aus autobiographischen und poetischen Textfragmenten, die Suzanne Malherbe mit rätselhaften Fotomontagen illustrierte. Claude Cahun hatte Kontakt mit Man Ray, der als berühmter Kollege ihre Fotografien schätzte. Bei den meisten von Cahun in Szene gesetzten Selbstporträts in den unterschiedlichsten Masken und Kostümen stand Suzanne Malherbe hinter der Kamera. Ihre Fotos zeigten die Ambivalenz geschlechtlicher Identität. Neben ihren fotografischen Arbeiten spielte Cahun Theater und engagierte sich politisch. Beide Freundinnen betätigten sich ab 1932 in der antifaschistischen Künstlervereinigung »Association des Écrivains et Artistes Révolutionnaires«, zu deutsch »Vereinigung der revolutionären Schriftsteller und Künstler«, die eine Zeitschrift herausgab und sich gegen Krieg wandte. Als die Surrealisten 1933 ausgeschlossen wurden, verließ auch Cahun die Gruppe. Nach rund zwanzig Jahren in Paris erwarb Cahun ein Landhaus auf der Kanalinsel Jersey. 1937 siedelte sie mit ihrer Freundin auf die Insel über, auf der sie als Jugendliche Urlaube verlebt hatte. Als die Deutschen im Juli 1940 Jersey besetzten, leistete das Frauenpaar kreativen Widerstand, schrieb Flugblätter und gestaltete Plakate. Suzanne Malherbes gute Deutschkenntnisse nutzten beide Frauen, um Aufrufe zur Desertion zu verfassen und zu verteilen. 1944 wurden sie von der Geheimen Staatspolizei verhaftet und wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt. Im Februar 1945 wurden sie begnadigt und nach der Befreiung im Mai aus der Haft entlassen.

Werk zum Teil zerstört

Während ihrer Haftzeit wurde ihr Haus mehrmals durchsucht. Dabei wurden große Teile ihres Fotoarchivs und ihre künstlerischen Arbeiten zerstört. Nach dem Krieg nahm Cahun ihre Arbeit an Selbstporträts wieder auf. Ein letztes Mal traf sie sich mit André Breton in Paris. Eine geplante Rückkehr in die Hauptstadt scheiterte an ihrer schlechten gesundheitlichen Verfassung. Sie starb im Krankenhaus von Jerseys Hauptstadt Saint Helier. Seit Anfang der 1990er Jahre werden die Arbeiten Claude Cahuns im Rahmen der Diskussion um Sexualität und Geschlechterdifferenz wieder neu betrachtet und wissenschaftlich erforscht. Für die einen ist sie eine historische Ikone der Queergemeinschaft. Für andere geht ihre Bedeutung weit über ihre androgynen Fotos hinaus: Sie verlangt danach, auch die Dichterin, Übersetzerin, Essayistin, Schauspielerin und politische Aktivistin bei der Einordnung zu berücksichtigen.

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