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Aus: Ausgabe vom 14.02.2020, Seite 8 / Feminismus
»Rache am Patriarchat«

»Wir wollen, dass man uns ernst nimmt«

Frauen wenden sich gegen Grenzüberschreitungen und Ausbeutungsstrukturen. Ein Gespräch mit Fatma Kar
Interview: Gitta Düperthal
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Kommerz mit Herz: Für den Valentinstag dekoriertes Geschäft in Kiew (10.2.2020)

Ausgerechnet für den heutigen Valentinstag, den Tag der Verliebten, rufen Sie zur Rache am Patriarchat auf – warum?

Der Valentinstag ist ein Tag, der kapitalistisch vermarktet wird; mit einem Bild von aufgesetzter Romantik, nach der Beziehungen angeblich funktionieren sollen. Zugleich ist es ein Tag, der mit Klischees zu tun hat. Männer sagen sich: Wir erobern die Frau und schenken dann einmal im Jahr Blumen, am 14. Februar. Tatsächlich ist es aber so, dass Frauen in allen Bereichen ihres Lebens ausgebeutet werden. Das fängt an mit der Reproduktionsarbeit, den Kindererziehungszeiten; wenn die Frau berufstätig ist, wird ihre Arbeitskraft in der Regel schlechter bezahlt als die von Männern. Immer geht es darum, aus Frauen Kapital zu erwirtschaften. Ein weiteres Problem ist der Sexismus. Über unsere Köpfe hinweg wird entschieden, wie unsere Körper eingesetzt werden. Mit Gesetzen zur Abtreibung, zur Vermarktung durch Pornografie und so weiter. All das hat mit Grenzüberschreitungen und Ausbeutungsstrukturen in unserer Gesellschaft zu tun. Deshalb wollen Frauen an diesem Tag ein Zeichen setzen: Wir sind wütend. Wir wollen keine Blumen, sondern dass man unsere Anliegen ernst nimmt.

Patriarchat ist ein eher abstrakter Begriff, über den auch die 68er Frauenbewegung debattierte. Was verstehen Sie aktuell darunter?

Wir, die davon betroffenen Frauen, Lesben und Queers, sind viele, sehr unterschiedliche Personen. Deshalb kann ich nur meine persönliche Meinung darlegen. Aus meiner Sicht geht es nicht um das Verhalten eines einzelnen Mannes, der in irgendeiner Weise übergriffig wird: Er wird dazu geradezu ermutigt, durch unsere nach wie vor männlich strukturierte Gesellschaft, in der solche Täter kaum mit Konsequenzen rechnen müssen. Männer wähnen sich prinzipiell in der Verantwortung, für alle die Aufgabenverteilung vornehmen sowie die dafür notwendigen Machtverhältnisse für die Gegenwart und Zukunft weiterhin prägen zu können. Wer hierfür konkret in der Verantwortung steht und was aus frauenpolitischer Initiative dagegen zu tun ist, werden wir diskutieren.

Es gibt auch einen konkreten Anlass, weshalb Sie zur Demo am Freitag aufrufen?

Ja. Wir empören uns insbesondere über Filmmaterial von »versteckten Kameras«, das auf kommerziellen Pornoseiten verkauft wurde, von dem die davon betroffenen Frauen gar nichts wissen. Offenbar ist das Geschäft besonders profitabel, wenn die Vermarkter in die Intimsphäre gehen, ohne dass die gefilmte Person davon erfährt. Ausgerechnet beim Fusion-Festival, einem eher linken Festival in Lärz in Mecklenburg-Vorpommern, wo das freie Miteinander zelebriert wird, wurde im Sommer 2019 in Duschen gefilmt. Weiterhin gab es den Verdacht, dass das an der TU Darmstadt auf den Toiletten der Fall war.

Leute ohne ihr Einverständnis nackt zu filmen ist strafbar.

Nach Paragraph 201a des Strafgesetzbuchs drohen für die »Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen« eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe. Aber die Opfer der Straftat erfahren meist nichts davon, weil sie ja nicht auf Pornoseiten unterwegs sind. So kommt es kaum zur Anzeige, für die Täter bleibt es ohne Konsequenzen. Falls doch, fehlt es oft bei Polizei, Anwälten und Richtern an Sensibilisierung für solche Fälle.

Bildet sich nun eine neue Bewegung heraus?

700 Frauen haben sich im Chat zusammengefunden, um ihr Wissen zusammenzutragen und sich zu vernetzen. Wir machen eine reine Frauen-Lesben-und-Queers-Demo, um aufmerksam zu machen, dass es zu wenige Schutzräume gibt. Die Frauen in Chile haben ins Gedächtnis gerufen, dass Frauen mit Besitzanspruch gesehen werden. In der Türkei gibt es gerade einen Gesetzentwurf, nach dem eine Vergewaltigung nicht mehr strafbar sein soll, wenn der Vergewaltiger sein Opfer heiratet. Durch den aktuellen Rechtsruck erleben wir eine Rücknahme von Rechten, die schon erkämpft waren und die wir nun wieder erstreiten müssen.

Fatma Kar ist Sprecherin des Organisationsteams der Demo »Rache am Patriarchat«

Demo: Berlin-Neukölln, Hermannplatz, Freitag, 14. Februar, 18 Uhr

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