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Aus: Ausgabe vom 14.02.2020, Seite 2 / Inland
Arbeitswelt

Mindestlohn in BRD macht arm

Gesetzlich garantierte Gehaltsuntergrenze nur um 0,3 Prozent gestiegen
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Am Ende des Monats bleibt vielen Beschäftigten nur wenig Geld übrig

Deutschland hinkt beim Mindestlohn im Vergleich zu anderen EU-Ländern deutlich hinterher. Das ist das Ergebnis des Internationalen Mindestlohnreports, den das gewerkschaftsnahe Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung am Donnerstag veröffentlicht hat.

»Deutschland hat den Mindestlohn erst ziemlich spät und auf relativ niedrigem Niveau eingeführt«, sagte Tarifexperte Thorsten Schulten, der maßgeblich an der Auswertung beteiligt war, gegenüber dpa. Während die Untergrenzen in den 21 EU-Staaten und Großbritannien, in denen Mindestlöhne gelten, zuletzt um sechs Prozent stiegen, liegt Deutschland mit einer Erhöhung von gerade einmal 1,7 Prozent deutlich darunter. Rechnet man den Effekt der Inflation heraus, stiegen die Mindestlöhne EU-weit um 4,4 Prozent und hierzulande nur um 0,3 Prozent.

Der deutsche Mindestlohn war Anfang 2015 mit 8,50 Euro pro Stunde eingeführt worden. Mit dem seit Jahresbeginn geltenden Mindestlohn von 9,35 Euro steht Deutschland aktuell auf Platz sieben derjenigen EU-Länder, in denen ein Mindestlohn gilt – hinter dem Spitzenreiter Luxemburg (12,38 Euro), aber auch hinter Frankreich, den anderen Benelux-Staaten, Irland und Großbritannien, das inzwischen aus der EU ausgetreten ist.

Außerhalb Europas habe sich nach Bereinigung um Kaufkraftunterschiede die Spannweite der Mindestlöhne verringert. Der Abstand der Schwellenländer Brasilien (1,51 Euro) und Argentinien (3,81 Euro) zu »entwickelten Ländern« wie Australien (9,15 Euro) und Neuseeland (7,92 Euro) bleibe aber beträchtlich. Der außergewöhnlich niedrige Mindestlohn in den USA (5,22 Euro) liege exakt auf dem Niveau Litauens und falle damit selbst hinter das Niveau Südkoreas (6,51 Euro) zurück.

Ein Mindestlohn, der unter 60 Prozent des mittleren Lohns eines Landes liegt, gelte als armutsgefährdend. Deutschland liege mit seinem Mindestlohn zur Zeit bei 46 Prozent des mittleren Lohns. »Eine EU-weite Anpassung könnte zu einer erheblichen Erhöhung der Löhne führen«, meint Schulten. Auf Deutschland berechnet, würde das etwa zu einem Mindestlohn von zwölf Euro führen, wie ihn beispielsweise die Gewerkschaften fordern. (dpa/jW)

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