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Aus: Ausgabe vom 14.02.2020, Seite 1 / Titel
Neonazianschlag

Verdacht auf Naziterror

Brandstiftung im niedersächsischen Syke: Faschistische Symbole am Tatort
Von Arnold Schölzel
Rückfront des Restaurants in Syke am Donnerstag: Laut Polizei hinterließen die Brandstifter mehrere fremdenfeindliche Symbole, darunter zwei Hakenkreuze
Eines von mehreren faschistischen Symbolen am Ort der Brandstiftung in Syke

Eine Brandstiftung dieser Art sei »neu«, meinte Polizeisprecherin Franziska Mehlan gegenüber der lokalen Kreiszeitung in der niedersächsischen Kleinstadt Syke (rund 24.000 Einwohner) am Donnerstag morgen. Wahrscheinlich täuscht sie sich: Mord ist das übliche Geschäft von Neonazis, Brandstiftung eine ihrer leichtesten Übungen. Selten verüben sie allerdings Anschläge wie hier gegen Restaurants. Das am Donnerstag abgefackelte wird laut Polizei »von einem Syker mit Migrationshintergrund betrieben«. Nach Branchenauskunft ein Mann mit arabischem Namen.

Gegen 3.30 Uhr hatte ein Autofahrer einen Brand in dem italienischen Restaurant entdeckt. Das Lokal »Martini« liegt in der Innenstadt Sykes, rund 20 Kilometer südlich von Bremen, direkt an der Bundesstraße 6. Als die Rettungskräfte eintrafen, drohte das Feuer bereits auf ein angrenzendes Wohnhaus überzugreifen. Laut Polizei konnte das »durch das schnelle Eingreifen der Einsatzkräfte verhindert werden«. Das Haus wurde zunächst evakuiert, keiner der sechs Bewohner verletzt. Wenig später wäre der Rauch zu stark gewesen, um noch das Treppenhaus zu benutzen, erklärte die Polizeisprecherin. Im Restaurant hielt sich niemand auf. Insgesamt waren 100 Feuerwehrleute im Einsatz.

Auf der Rückseite des Lokals fanden die Ermittler eine eingeschlagene Scheibe und »fremdenfeindliche Symbole«, darunter zwei Hakenkreuze, vor. Vergleichbare Schmierereien habe es in der letzten Zeit in der Stadt nicht gegeben, erklärte die Sprecherin gegenüber NDR. Die am Brandort gefundenen Spuren deuteten auf eine Brandstiftung an zwei Stellen hin. Eine sofort eingeleitete Fahndung, unter anderem mit einem Hubschrauber, verlief ergebnislos. Am Donnerstag nachmittag teilte die Polizei mit, dass sich Staatschutz und die Brandsachverständigen der Polizeiinspektion Diepholz eingeschaltet hätten und eine Ermittlungsgruppe eingerichtet worden sei. Außerdem beteilige sich das Landeskriminalamt Niedersachsen an den Untersuchungen. Die Bevölkerung wurde um Mithilfe bei der Fahndung gebeten. Den Sachschaden schätzt die Polizei auf rund 150.000 Euro.

Erst am Mittwoch war bekanntgeworden, dass es gut vier Monate nach dem Terroranschlag des Neonazis Stephan Balliet in Halle an der Saale auf die dortige Synagoge eine Serie von mindestens neun Angriffen gegeben hat, bei denen laut Polizei eine Schusswaffe verwendet worden sei. Am Mittwoch wurde in dem am 9. Oktober angegriffenen Imbiss »Kiez-Döner« auch ein Loch in der Schaufensterscheibe entdeckt. Projektile wurden nicht gefunden, man gehe davon aus, erklärten Ermittler, dass keine scharfe Waffe benutzt worden sei.

Im Januar waren Löcher in einer Scheibe des Bürgerbüros des SPD-Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby in Halle festgestellt worden. In dem Fall ermitteln der Staatsschutz und die Staatsanwaltschaft. Diaby erhielt auch Morddrohungen. Außer seinem Büro waren unter anderem das Justizzentrum, ein Geschäft für E-Zigaretten, ein Café und mehrere Gaststätten Ziele ähnlicher Angriffe.

Als Balliet am 9. Oktober an der Synagogentür scheiterte, erschoss er erst eine 40 Jahre alte Passantin und dann in dem nahen Dönerladen einen 20jährigen Mann, der dort Gast war. Der 27 Jahre alte Attentäter, der die Taten gefilmt hatte, gestand den Anschlag und gab faschistische und antisemitische Motive an. Er sitzt in Untersuchungshaft.

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