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Aus: Ausgabe vom 12.02.2020, Seite 12 / Thema
Literatur

Hölderlins roter Stern

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Ein Mann der Linken? Wahnsinnig oder in einer verrückten Gesellschaft der einzig Vernünftige? Ein verhinderter Jakobiner? Figur des Friedrich Hölderlin im Denkmal »Hölderlin im Kreisverkehr« von Peter Lenk in Lauffen am Neckar

»Ich sagte, gut werde es erst stehen um Deutschland, und dieses werde sich selbst ­gefunden haben, wenn Karl Marx den Friedrich Hölderlin gelesen haben werde.«
Thomas Mann, Kultur und Sozialismus, 1928

Bei Suhrkamp erschien 1969 ein schmales, unauffälliges Bändchen, der Umschlag in sanftem Pink-Lila. Sein unaufgeregter Titel »Hölderlin und die Französische Revolution« wurde keineswegs dem gerecht, was Autor und Buch bald darauf auslösen sollten. Der französische Offizier, Résistance-Kämpfer, Politiker und Germanist Pierre Bertaux war der Autor. Die deutsche Hölderlin-Forschung fühlte sich herausgefordert von dessen Thesen (wie überhaupt vom gefühlten Affront des Franzosen, den deutschen Forschern Friedrich Hölderlin abspenstig zu machen) und organisierte Tagungen und Kongresse, um Bertaux zu widerlegen oder wenigstens mit ihm Schritt zu halten. Hölderlin ein radikaler Jakobiner und verhinderter Revolutionär, der den Geisteskranken – nicht nur, aber auch – »gespielt« habe, um der drohenden Verhaftung aufgrund seiner Verstrickung in ein Geheimkomplott um die Absetzung des schwäbischen Adels und die Gründung einer Republik im Südwesten des Landes zu entgehen? »Hölderlin war Jakobiner: Mit dieser These schockiert und belebt Pierre Bertaux, der namhafte französische Germanist, die Hölderlin-Forschung seit dem Gedächtnisjahr 1969, in dem sich eine neue gesellschaftsbezogene Literaturwissenschaft daranwagte, Klassiker zu analysieren.«¹ Doch nicht nur die »neue gesellschaftsbezogene Literaturwissenschaft«, die literarische Linke überhaupt fühlte sich herausgefordert. Hatte man Hölderlin etwa als Gewährsmann und Bezugspunkt einer poetischen wie politischen Revolution bisher übersehen? Wie konnte das sein? Der FAZ-Autor Kurt Reumann stellte 2001 die Frage: »Welcher Autor hätte sich besser geeignet, um den Krieg der Generationen auf wissenschaftlicher Ebene fortzusetzen?«

Wozu Dichter in dürftiger Zeit?

Das Stück von Peter Weiss (1970), die Erzählung von Peter Härtling (1976) und natürlich die von KD Wolff, Dietrich Eberhard Sattler und wenigen anderen besorgte historisch-kritische Hölderlin-Ausgabe im Verlag Roter Stern waren hier nur einige relevante Wegmarken der linken Hölderlin-Rezeption in den 1970er Jahren, die sich mühte, Hölderlin »von nationalistischer Tünche« (Reumann) zu befreien und ins linke politische Feld (zurück) zu holen. Reumann: »Für Hölderlin, den ›missverstandenen Revolutionsdichter‹«, schwärmten jedenfalls bald »linke Schriftsteller und Komponisten«. Und auch die »fortschrittliche« Germanistik zeigte sich begeistert, wie »überraschend unmittelbar« Hölderlin »am Gespräch seiner und unserer Zeitgenossen teilhat«.² Noch bevor die darauf einsetzende »linke« Hölderlin-Forschung zum Steckenpferd jener »fortschrittlichen« Germanistik der 1970er Jahre werden konnte, wurde der einsame, (vermeintlich) wahnsinnige (und doch in einer verrückten Gesellschaft einzig vernünftige, so die Deutung), der emotionale und pathetische Dichter im Tübinger Turm, aus dem er auf die Welt so geistvoll schimpfte, der verhinderte Jakobiner zu einer Identifikationsfigur, zum Leitbild der übriggebliebenen intellektuellen, literarischen Linken.

Jürgen Habermas urteilte 1979 rückblickend, es habe nur wenige »Ausbruchsversuche« aus dem linken »Ghetto« gegeben, nur wenige Projekte, die über die linke Szeneöffentlichkeit hinaus in die breite Öffentlichkeit ausstrahlten und in die Gesellschaft der Bundesrepublik hineinwirkten – und ihm fielen wirklich nur wenige ein, darunter aber zuerst »die Hölderlin-Ausgabe des Roten Stern«. Diese Edition ist so angelegt, dass der Benutzer »nicht der Autorität des herausgebenden Philologen unterworfen wird, sondern die Entstehung der Texte selbst mitvollziehen kann.«³ Ein junger Germanist, der rückblickend sein »Leben in Heidelberg« in den späten 1960er Jahren beschrieb, klagte 1979, er habe zu Beginn seines Studiums »alles von Orientierungssystemen und Interpretationen zugestellt« vorgefunden: »Die Erfahrungen sind bereits begrifflich. Sie legen sich über die Erscheinungen. Fast unmöglich, die literarischen Entsprechungen herauszugraben, imaginative Sätze, Bilder, die neben den großen Ereignissen liegen und noch nicht Klischee geworden sind.«⁴ Ein programmatisches »Zurück zu den Quellen!« schien vielen jungen Germanisten in dieser Zeit unumgehbar. Die Edition traf also ein Bedürfnis und den Zeitgeist zugleich.

Bereits im ersten Satz des Vorworts der Edition, von Sattler, Wolff und Michel Leiner gemeinsam verfasst, spiegelten sich die bisherigen Generationserfahrungen der 1968er im Leben und der Zeit Hölderlins: »Gemessen an bürgerlichen Normen, ist Hölderlins Leben misslungen.« Wer wollte da nicht aufhorchen in einer Zeit, in der in der Tat, wenn auch nur einen kurzen historischen Moment lang, die (meist) großbürgerliche Jugend daran dachte, den ihr zugedachten Weg zu verlassen, auf Karriere und materielle Anreize zu verzichten, und so den Bruch mit den unverständig zuschauenden Eltern riskierte? Doch der Weg hin zu einem »anderen Bewusstsein«, wie es Herbert Marcuse propagierte, war lang und steinig. Wohin sollte die Reise gehen? Psychologische Tautologien waren leicht zu haben in einer Zeit, in der jeder schon wieder mehr an sich selbst als an einer Umgestaltung der herrschenden Verhältnisse arbeiten wollte: »Die Schwierigkeit, die Hölderlins Texte dem Verständnis entgegensetzen, entspricht der Schwierigkeit, Zwang und Normen abzuwerfen. Die Mühe, Hölderlin zu verstehen, gleicht darum jener, die keiner schon hinter sich hat.«⁵

Das saß zweifelsohne. Und dennoch fragte man sich im Umfeld des Verlages Roter Stern recht bald (mit Hölderlin): wozu Dichter in dürftiger Zeit? Die Redaktion der Zeitschrift Erziehung und Klassenkampf, die ebenfalls bei Roter Stern erschien, schrieb ihrem Verlag: »Liebe Mitarbeiter des Verlags Roter Stern! Ihr habt den Hölderlin herausgebracht! Wie gut! Und nicht den verfälschten, sondern den wahren Hölderlin! Wie hilfreich! (…) Die Obdachlosen wissen jetzt, wie sie aus ihren Löchern rauskommen. Die arbeitslosen Jugendlichen zitieren Hölderlin auf dem Arbeitsamt und begeistern damit die Wartenden auf den Fluren. Das tapfer kämpfende Volk der Palästinenser trägt Hölderlin im Kampfgepäck (…). Allen linken Verlagen habt Ihr damit den Weg gewiesen, wie man trotz Konkurrenz, Bücherüberproduktion und wachsender Papierpreise überlebt: nämlich indem man Dichter, die begriffs- und gefühlsduselig antikapitalistisch waren, verlegt und den Linken als links und revolutionär und den Bürgern als ›nichtradikale Neueinschätzung‹ (FAZ) verkauft. Überleben ist gut, Überlebenwollen um jeden Preis korrumpiert.«

24 grüne Bände mit rotem Stern

Auch auf einer Tagung des Verbandes des linken Buchhandels VLB begriff man den Schritt von »Wir – die Tupamaros« (1974 bei Roter Stern) hin zur Hölderlin-Ausgabe im Folgejahr nicht ganz. Im VLB-Info von 1975 wird konstatiert: »Wenn wir allerdings dann demnächst 24 grüne Hölderlin-Bände mit rotem Stern vertreiben, fragt es sich, wann wir endgültig im Abseits oder Aus stehen. Politische Identifikation mit unserer Arbeit wird dann nur noch zur Schizophrenie führen.«

KD Wolff selbst erklärte sich die innerlinken Angriffe auf das Hölderlin-Projekt im nachhinein so: »Die Wut, mit der von manchen diese Angriffe gegen uns geführt wurden, hatte vielleicht damit zu tun, dass (…) die meisten Leute, die an der Studentenrevolte irgendwie beteiligt gewesen waren, versuchen mussten, wieder persönliche Perspektiven zu finden. Für die meisten war das wohl mit Fragen verbunden, die mit Privatautonomie gegenüber politischem Geschehen zu tun hatten – und auch mit Verrat und Treue. So waren in der Intensität der Vorwürfe doch oft abgespaltene Selbstzweifel zu spüren. Wir haben das damals nicht begriffen, wir waren hell entsetzt. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet (…). Wir hatten das Gefühl, die Revolte an einem neuen Punkt inhaltlich fortzusetzen.«

Doch derlei Kritiken stellten eher Randerscheinungen dar. Bei der westdeutschen Linken entstand durch Bertauxs Aufsätze, Weiss’ Stück, Härtlings Erzählung, einen Essay von Martin Walser und nicht zuletzt durch die Frankfurter Edition ein Hölderlin-Bild, das zwar wenig mit seinen Werken und Schriften, dafür aber viel mit biographischen Projektionen und politischen Stellvertreterkämpfen auf akademischen Bühnen zu tun hatte. Um es auf den Punkt zu bringen: Es handelt sich beim »Zeitgenossen Hölderlin« im »roten Jahrzehnt« vor allem um ein besonderes, zeittypisches Rezeptionsphänomen. Peter Weiss antwortete 1972 in einem Interview auf die Frage nach seinen Vorrecherchen zum Stück, dass sein Hölderlin-Verständnis sich »gänzlich aus dessen Briefen« ergeben habe und ihm Hölderlins Werke, besonders der »Hyperion«-Roman, eigentlich nur »poetisch verhüllt« erschienen.

Er blieb in seiner Deutung weitgehend Georg Lukács verbunden, der Hölderlin und seinesgleichen zu ihrer Zeit in einer politisch schwierigen Lage sah, die darin bestand, dass »das Land selbst zu einer faktisch bürgerlichen Revolution noch lange nicht reif war, dass sich aber in den Köpfen seiner besten Ideologen die heroische Flamme dieser ›Selbsttäuschungen‹ entzünden musste«. Ging es Hölderlins Wiedergängern in den »Années 68« nicht ähnlich? Und auch in der folgenden Einschätzung spiegelte sich deren Situation. Lukács: »Hölderlin geht an der kapitalistischen Schranke, an den kapitalistischen Widersprüchen der bürgerlichen Revolution achtlos vorbei. Seine Gesellschaftstheorie muss sich deshalb in Mystik verlieren, freilich in einer Mystik der verworrenen Vorahnungen einer wirklichen Umwälzung der Gesellschaft.« Einzig: Was im 18. Jahrhundert noch Mystik war, wurde zur Mitte des 20. Jahrhunderts in einen noch bedauernswerteren Schrumpfzustand – Esoterik, Ratgeberpsychologie, Hippiemode – versetzt.

Nur, ähnlich wie Peter Weiss, dem es nicht in erster Linie um Hölderlins Werke, nicht um Hölderlin als Poeten oder Literaten, sondern um dessen Lebensweg und politische Projektionen in seiner Zeit gegangen war, ging es auch den Herausgebern der Frankfurter Ausgabe. D. E. Sattler verkündete als Motiv die »oppositionelle Haltung« – und dies war durchaus auch als Verkaufsargument gemeint. So sei zu bedenken, »dass diese neue Edition gegen die Anfeindungen einer tiefbeleidigten Clique und ohne jede öffentliche Unterstützung« hergestellt werde; dies entspreche »der oppositionellen Haltung des Dichters, die, selbst unkorrumpierbar, all jene korrumpiert, die sich wie Fliegen auf seine Stirne setzen«, und also sei es nun so, »dass die Ausgabe auf diejenigen angewiesen ist, für die sie gemacht wird – nicht erst, wenn der Streit beendet ist, sondern jetzt schon, noch während sie erscheint.«⁶

Hölderlin aus dem Griff der Altvorderen, der »germanistischen Klassikverwalter« (KD Wolff), die Varianten seiner Schriften vermeintlich »unterdrückten« und sein Werk »in Agonie«⁷ verfallen ließen, zu befreien – dies war der Kampf, der nun ausbrach und für Herausgeber Sattler und andere noch weit darüber hinausging. Als Sattler 1976 zu einer Tagung der Hölderlin-Gesellschaft nach Bad Homburg geladen wurde, da herrschte er die Kritiker seiner Editionspraxis zu deren Überraschung an, es gehe überhaupt »nicht um Gedichte, sondern um das, was menschenmöglich ist«. Fünf Jahre später schrieb er: »Was mit Hölderlin geschieht, ist nicht belanglos. Ob es noch einmal anders wird in Deutschland, entscheidet sich hier.« Die bürgerliche Presse spiegelte solcherlei Halluzinationen als tatsächliche Fronten in einem umfassenden Kulturkampf um den »Besitz der Nation« wider. Eine Auseinandersetzung zwischen Alt und Jung, links und rechts, Frankfurt und Stuttgart, dem Verlag Roter Stern und der Deutschen Hölderlin-Gesellschaft.

Aktualität und Sozialismus

Pierre Bertaux spitzte seine Hölderlin-Deutung im Rahmen einer Tagung an der Evangelischen Akademie Hofgeismar am 21. November 1970 noch einmal zu: »War Hölderlin Jakobiner? Wie Sie wissen, lautet meine Antwort: ja (…). Dieser jakobinischen Gesinnung ist er zeitlebens treu geblieben. (…) Ich wäre nicht weit entfernt davon, Hölderlins ganzes Werk als eine durchgehende Metapher der Revolution und ihrer Problematik anzusehen. Diese These habe ich, wie ich glaube, durch Belege (mehr als genug) bekräftigt, als dass es sich lohnte, heute noch einmal darauf zurückzukommen.« Dieser nach Erachten Bertauxs »allgemein als diskutabel« geltenden These setzte er vor Ort eine neuartige hinzu: »Hölderlin war nicht nur Jakobiner, sondern darüber hinaus ein ›Neojakobiner‹ (wie man 1796 sagte) auf dem Weg zum Sozialismus.«

Doch Hölderlin selbst war es, der, nachdem sich alle Hoffnung auf die »schwäbische Republik« und eine Fortführung der Französischen Revolution in den deutschen Landen längst zerschlagen hatte, schrieb: »Die republikanische Form in unseren Reichsstädten ist tot und sinnlos geworden, weil die Menschen nicht so sind, dass sie ihrer bedürften, um wenig zu sagen.« Martin Walser, in den frühen 1970er Jahren politisch noch im Umkreis der DKP beheimatet, sekundierte für sich und seine Generationsgenossen: »Er hat in anderer Stimmung innig gehofft, dass es sich nur um einen Schlaf handeln möge, rundum, dass in der geschichtlichen Stagnation sich insgeheim etwas vorbereite, und an dessen Weckung wollte er mitarbeiten. Er hatte ja dieses schöne und riesige Vertrauen in den ›Genius des Volkes‹.«⁸ Walser schrieb der »neuen Linken« zudem ins Stammbuch, sie möge bei Hölderlin »zur Schule« gehen, um »Sozialismus innerhalb der deutschen Tür« aus lauter »Widerspruch« und »Übergang« in Perspektive zu erkämpfen.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seines Hölderlin-Textes stand Walser bereits in regem Briefkontakt zu seinem ihm aus Zeiten der Gruppe 47 gut bekannten damaligen Verlagskollegen und Genossen Peter Weiss, der sich nach wie vor im schwedischen Exil befand. Weiss schrieb im Stockholmer Hospital, in das er nach einem Herzinfarkt eingeliefert werden musste, an seinem Hölderlin-Stück, das die deutschen Bühnen ab 1971 erobern und dann zum meistgespielten Theaterstück des Jahres avancieren würde. Für ihn war der zeithistorisch-biographische Hölderlin-Stoff dabei wie eben auch für Walser »eine Problematik (…), die für mich aktuell ist« – »es ist weder ein dokumentarisches noch ein historisches Stück. Es ist ein Stück aus dem Gegenwärtigen.« In Weiss’ Notizen zur Konzeption des Stückes tritt stark der Konflikt Mensch/Subjekt versus »Unmenschlichkeit, (…) Ignoranz und Brutalität der Außenwelt« hervor. Für Weiss sind dies die signifikanten Reaktionen »der Außenwelt« auf Hölderlins Werk und Leben, mit denen er sich »über die Begrenztheiten, die Normen und Gesetze des realen Lebens« hinwegsetzte. Am Ende, so Weiss, streckte ihn jenes Außen zwar nieder, »ohne ihn jedoch zu besiegen«, denn »vielleicht ist er in seinem Turm von allen der am wenigsten Gebrochene«.⁹

Peter Härtlings »Hölderlin«-Roman wurde ab August 1976 ausgeliefert. In einer Notiz, die Rezensenten mit dem Leseexemplar des Romans erhielten, beschwor auch Härtling Hölderlin als »Zeitgenossen«: »Bei der Beschäftigung mit Hölderlins Leben und Werk endlich begriff ich, dass es um ein Beispiel geht, um die ebenso aufregende wie erschütternde Geschichte eines Menschen zwischen Rebellion und Restauration, eines Täters, der Denker bleiben musste.«

Rückzug und Tendenzwende

Dass sie wohl ob der gesellschaftlichen Verhältnisse Denker bleiben mussten, das sahen in den langen 1970er Jahren auch viele, die ehedem rebelliert hatten. Michael Schneider registrierte in Anbetracht von Tendenzwende, neuer Sensibilität und restaurativen Tendenzen in der BRD »Kulturzerfall« und Bewegungslosigkeit einer »melancholischen Linken«.¹⁰ Kommen sah er dies bereits in den späten 1960ern, denn »wir, über Nacht politisierte Studenten, Literaten und Schauspieler, erklärten nun öffentlich unseren Ekel vor dem, mit dem wir uns jahrelang beschäftigt hatten. Goethe, Schiller, Kleist, Hölderlin, Musil, Thomas Mann (…) wurden von den Regalen geräumt, an ihrer Stelle erschienen jetzt die blauen MEW-Bände, möglichst vollständig, damit auch sichtbar wurde, dass man mit seiner bürgerlichen Vergangenheit aufgeräumt hatte« denn »die APO setzte ihnen gewissermaßen die Pistole auf die Brust und zwang sie entweder für Jahre zur inneren Emigration oder zum sofortigen Berufs- und Fahnenwechsel; mit dem Erfolg, dass ehemalige Hölderlin-Spezialisten nun mit ›ganz eindeutigen‹ politischen Gedichten gegen die griechische Militärjunta kämpften und ehemalige Höllerer-Jünger (…) nun öffentlich für die schreibenden Arbeiter eintraten«. »Konkrete Poesie« und »Agitation« wurden zum Gebot der Stunde, der »bürgerliche Geniekult« hingegen sollte auf dem Müllhaufen der Literaturgeschichte landen. Doch, so Schneider, »der kulturrevolutionäre Anarchismus der ersten Stunde rächte sich schließlich an den radikalisierten Literaten und Künstlern selber. Denn als sie wieder anfingen, Gedichte und Theaterstücke zu schreiben, da standen sie erst mal vor dem kulturellen Scherbenhaufen, den sie sich selber bereitet hatten. Da sie das bürgerliche Kulturerbe noch immer allergisch abtaten, konnten sie es ästhetisch und politisch auch nicht umfunktionieren.« Die Rolle rückwärts bestand nun darin, den »vielzitierten Bruch mit der bürgerlichen Vergangenheit«, der ohnedies nur ein halber war, weitgehend zu kitten.

Wahrscheinlich muss man am Ende konstatieren, dass ein wirklicher Mentalitätswandel jenseits aller bloß peripheren Verschiebungen, Brüche, Moden und Zeitgeisterscheinungen gar nicht zu konstatieren ist. Klassische bildungsbürgerliche Muster setzten sich letztlich durch, und wo diese sich nicht durchsetzen konnten oder wo die entsprechende Mentalität, das Bewusstsein, der Habitus (noch) nicht vorhanden waren, da wurden sie eben erlernt, adaptiert, begierig imitiert von den nachrückenden sozialen Aufsteigern, denen nun dank Hochschulreform der Zugang zu universitärer Bildung möglich war.

Während in den subkulturellen bis anarchistischen linken Milieus jener Zeit durchaus ein aggressiver Antiintellektualismus kultiviert wurde, bis hin zum blanken Hass auf vermittelte Wissensstrukturen – nur Erfahrung und daraus gewonnene Moral wurden als gültig und dem angelesenen Wissen gegenüber als absolut überlegen dargestellt –, leugnete die proletarisch gewendete, intellektuelle Linke kaum, wenigstens nicht allzu lange, ihren Ursprungs-, Bezugs- und Rückzugsraum: die Hochschule, die Welt der Wissenschaft, der Bibliotheken, der Bücher.

Die von »außen« kamen, die eigentlich auch »außen« bleiben wollten und sich doch in den Institutionen wiederfanden – und vielleicht dort »hängenblieben«: Ihr Reich, das waren doch letztlich Kant, Hegel, Feuerbach, Marx, Benjamin, Adorno, Bloch, Hölderlin. »Das Bildungsideal erhebt Anspruch auf reflexive Autonomie und Selbstverwirklichung. ›Bildung‹ ist gegenüber Politik und Ökonomie als Bereich der Freiheit konzipiert.«¹¹ Das ermöglichte es einer ganzen Generation 1968 ff., sich dort (noch einmal) einzurichten, die Universitäten als Lebens- und Erfahrungsräume in Anspruch zu nehmen – auch auf Umwegen via Benjamin oder Hölderlin.

»Der Hölderlin isch et verruckt gwä!«

Wieweit Hölderlin auch jenseits literarischer Kommunikation und akademischer Stellenkegel als »Zeitgenosse« akzeptiert wurde und wenigstens ein instrumenteller Bezug hergestellt wurde, mag jene Anekdote Rutschkys von einem »universitären Kolloquium« im März 1982 an »einer dieser Reformhochschulen« verdeutlichen, einer Diskussion über Fragen der literarischen Interpretation am Beispiel Hölderlins, bei der eine Studentin schließlich »mehr-minder empört« eingriff in die »bislang friedlich zwischen Gelehrten geknüpfte Aussprache«: »Bekanntlich sei Hölderlin nicht wahnsinnig gewesen, wird die Studentin ein wenig atem- und zusammenhanglos erklären, vielmehr habe er den Wahnsinn nur simuliert aus politischer Enttäuschung, dies sei die Aktualität Hölderlins. Sie erwähne nur die Berufsverbote, Brokdorf, Gorleben und die Startbahn West, die Atomkraftwerke, das Wettrüsten, den amerikanischen und den sowjetischen Imperialismus, in dieser ›unheimlich beschissenen Situation‹, würde die Studentin schließen, während ein kleiner Teil des Hörsaalpublikums frenetisch Beifall klopft, (…) in dieser ›beschissenen Lage‹, würde die Studentin schließen, könne man nicht derart ›abgehoben‹ über Hölderlins ›Friedensfeier‹ ›labern‹, gerade jetzt veranstalte die Sozialistische Gruppe ein Teach-in im Auditorium maximum über die Friedensbewegung …«¹² Die Zeit der Revolutionserwartung war ganz sicher vorüber.

Anmerkungen

1 Ingrid Riedel: Vorwort, S. 5, in: dies. (Hrsg.): Hölderlin ohne Mythos. Göttingen, 1973

2 ebd.

3 Ulrich Ott und Friedrich Pfäfflin (Hrsg.): Protest! Literatur um 1968 (Ausstellungskatalog). Marbacher Kataloge 51. Marbach am Neckar, 1998, S. 354

4 W. M. Lüdke (Hrsg.): Nach dem Protest, Literatur im Umbruch. Frankfurt am Main, 1979, S. 84

5 Michel Leiner, D. E. Sattler, KD Wolff: Vorwort, in: D. E. Sattler (Hrsg.): Friedrich Hölderlin. Sämtliche Werke. Frankfurter Ausgabe. Einleitung. Frankfurt am Main, 1975, S. 19

6 D. E. Sattler: Marginalien zur Frankfurter Hölderlin-Ausgabe. Überarbeitete Fassung eines auf der Jahrestagung der MLA Chicago 27.–30. Dezember 1977 gehaltenen Vortrags. Supplement (ohne Seitenangabe) zu: Fördergesellschaft für die Frankfurter Hölderlin-Ausgabe e. V.: Le pauvre Holterling. Blätter zur Frankfurter Ausgabe Nr. 3. Frankfurt am Main, 1978

7 Jochen Hieber: Unsere Schwierigkeiten mit Hölderlin. Kontroverse Positionen bei der Tagung der Hölderlin-Gesellschaft in Bad Homburg. Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 22.6.1976; in: Fördergesellschaft für die Frankfurter Hölderlin-Ausgabe e. V. (Hrsg.): Le pauvre Holterling. Blätter zur Frankfurter Ausgabe Nr. 2. Frankfurt am Main, 1977, S. 58

8 Martin Walser: Hölderlin zu entsprechen, in: ders. Wie und wovon handelt Literatur? Aufsätze und Reden. Frankfurt am Main, 1973, S. 62

9 Peter Weiss: Notizen zum Hölderlin-Stück; in: Thomas Beckermann und Volker Canaris (Hrsg.): Der andere Hölderlin. Materialien zum Hölderlin-Stück von Peter Weiß, Frankfurt am Main 1972, S. 128

10 Michael Schneider: Den Kopf verkehrt aufgesetzt oder: Die melancholische Linke. Aspekte des Kulturzerfalls in den siebziger Jahren. Darmstadt und Neuwied, 1981

11 Georg Bollenbeck: Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters. Frankfurt am Main, 1994, S. 310

12 Michael Rutschky: Schöner reden. Das unerwartete Wiederauftauchen der Poesie, in: ders.: Zur Ethnographie des Inlands. Verschiedene Beiträge. Frankfurt am Main, 1984, S. 63 f.

Sven Gringmuth schrieb an dieser Stelle zuletzt am 2.12.2017 über die Zeitschrift Kürbiskern. Er forscht zu einer Mentalitätsgeschichte der alten Bundesrepublik. Im Herbst 2020 erscheint seine Dissertation »Proletarische Wende. Eine Mentalitäts-/Begriffsgeschichte« im Verlag Westfälisches Dampfboot.

Debatte

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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