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Aus: Ausgabe vom 12.02.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
»Netzwerk Plurale Ökonomik«

Krise als Programm

Konferenz »Der nächste Crash als Chance« entwirft Alternativen zur »Megamaschine« im »Endstadium des Kapitalismus«
Von Simon Zeise
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Der Kapitalismus geht unter – die nächste Krise kommt gewiss ...

Wie wird das Kapital auf die nächste Finanzkrise reagieren? Vor wenigen Jahren galt es noch als undenkbar, dass Zentralbanken mit Nullzinspolitik und Staatsanleihenkaufprogrammen für Wachstumsimpulse sorgen. Heute ist dies der Normalzustand. »Szenarien und Reformpotentiale« wollte das »Netzwerk Plurale Ökonomik« am Freitag auf der Konferenz »Der nächste Crash als Chance« in Berlin diskutieren. Auf mehreren Podien und in zahlreichen Arbeitsgruppen wurde über die Zukunft des Finanzsystems und die Rolle des Euro, die Digitalisierung des Geldes und monetäre Aspekte der Klimakrise debattiert.

Helge Peukert, Professor an der Forschungsstelle plurale Ökonomik an der Universität Siegen, eröffnete die Konferenz. Man dürfe nicht leichtgläubig die »integrale Megamaschine« – Politik, Banken und Zentralbanken – als Bündnispartner betrachten. Die Marktmacht der Großkonzerne habe zugenommen, die Lohnquote sinke hingegen. Der Kapitalismus sei in einer Phase der Wachstumsschwäche angelangt, wo sogar Investoren vor neuem Schuldenabbau warnten, da ansonsten zuwenig Staatsanleihen als sichere Anlage zur Verfügung stünden. Geld werde nicht produktiv investiert, sondern in Steueroasen gebunkert. Um den sich ankündigenden Crash hinauszuzögern, werde Geld gedruckt, Steuern und Zinsen würden gesenkt, und man propagiere eine »grüne« Investitionsoffensive. Neue Finanzblasen seien vorprogrammiert, so Peukert. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warne bereits vor einer Renaissance verbriefter Kredite. 2008 waren es sogenannte Collateralized Debt Obligations (CDO), die für den Zusammenbruch des US-Hypothekenmarkts verantwortlich waren – heute werden Ramschpapiere in Collateralized Loan Obligations (CLO) gebündelt.

Auch unter den Teilnehmern der Podiumsdiskussion »Szenarien und Ziele für ein zukunftsfähiges Finanzsystem« herrschte Einigkeit darüber, dass »grüne« Anlageprodukte den Trend zur Deregulierung des Finanzsektors verstärkten. Reinhard Loske, früherer Bundestagsabgeordneter (Grüne) und heutiger Präsident der Cusanus-Hochschule im rheinland-pfälzischen Bernkastel-Kues, verwies auf die Produktpalette des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock. Dessen Strategie sei es, den Staat anzuhalten, private Investitionen zu mobilisieren, die den Ausbau der Infrastruktur voranbringen sollten. Dies habe zur Folge, dass Banken künftig staatliche Hoheitsaufgaben übernähmen.

Brigitte Young, emeritierte Professorin für internationale politische Ökonomie an der Universität Münster, machte nicht das billige Geld, die hohe Verschuldung oder niedrige Zinsen als Hauptgefahr eines neuen Crashs aus. Vielmehr sei der überbordende Sektor der Schattenbanken, der »Black Swan«, ein unkalkulierbares Risiko für das Finanzsystem. Der Sektor müsse geschrumpft werden. Als sie in den 70ern eine Arbeit über Finanzkrisen verfasst habe, sei niemand dafür zu begeistern gewesen, erzählte sie. »Boring banking« (langweiliges Bankwesen) habe es damals geheißen. Geldinstitute hätten eine dienende Funktion gehabt. Dahin müssten wir zurück, so Young. Die EZB könne sich durchaus an der US-Notenbank orientieren. Die Federal Reserve bezieht auch Beschäftigungspolitik in ihre geldpolitischen Ziele mit ein.

Hannes Böhm, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Finanzmärkte am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, mahnte, auch zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise könnten Banken mit dem Argument »Too big to fail« ihre Rettung erpressen. Die Entwicklung zu einem »Overbanking«, der »Finanzialisierung« der Gesellschaft, sei kein Schicksal. Hinter Altersarmut und explodierenden Mieten stünden politische Entscheidungen. Man müsse die staatlichen Ausgaben ins Verhältnis setzen: Die Regierung habe doppelt soviel Geld zur Rettung von Banken ausgegeben, wie sie für den »Kohleausstieg« bereitstelle. Für den Einstieg in die West LB habe der Staat dreimal soviel Geld in die Hand genommen wie für den Bau des Hauptstadtflughafens BER. Aktienbewertungen in den vergangenen 30 Jahren zeigten, dass es nicht darauf ankomme, was Unternehmen produzierten. Statt dessen fließe der Großteil der Profite in den USA in Aktienrückkäufe. Der Gesellschaft würden dadurch Innovationen vorenthalten. Dies sei »ein Zeichen dafür, dass wir in einem Endstadium des Kapitalismus sind, in dem uns nichts besseres einfällt«.

Aus der Reihe fiel hingegen Bestsellerautor Marc Friedrich (»Der größte Crash aller Zeiten«), der in seinem Vortrag »Negativszenario: Der Crash als Katastrophe« eine analytische Schärfe wie Lothar Matthäus darbot. Ein Zusammenbruch habe heilende Wirkung, wie man 1945 gesehen habe. Nachdem alles in Schutt und Asche lag, habe in Deutschland ein nie zuvor dagewesener Aufschwung eingesetzt, so Friedrich. Wenn die Bankentürme ins Wanken geraten, sollte man sich andere Krisenberater suchen.

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