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Aus: Ausgabe vom 12.02.2020, Seite 6 / Ausland
Bolsonaros Unterwelt

Tote reden nicht

Brasilien: Bandenchef aus Rio de Janeiro mit Verbindungen zu Präsidentenfamilie von Polizei erschossen
Von Hannah Lorenz
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Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro und sein Sohn Flávio eng mit mafiösen Milizen verbandelt (Brasília, 21.11.2019)

Der Bolsonaro-Clan hat einen schwierigen Freund weniger. Am vergangenen Sonntag stürmten Spezialkräfte der Militärpolizei ein Landhaus in der Gemeinde Esplanada in Brasiliens östlichem Bundesstaat Bahía und erschossen den mutmaßlichen Bandenchef Adriano da Nóbrega, der sich dort versteckt hielt. Dieser war eine Schlüsselfigur im »Fall Queiroz« – den aufsehenerregenden, doch sich dahinschleppenden Ermittlungen gegen den ältesten Sohn des faschistischen Staatschefs Jair Bolsonaro. Über Jahre soll Flávio Bolsonaro, heute Senator, als Abgeordneter des Parlaments von Rio de Janeiro Teile der Gehälter seiner Angestellten unterschlagen, dubiose Immobiliendeals und Geldwäsche im großen Stil betrieben haben. Es gibt deutliche Indizien dafür, dass seine »rechte Hand« Fabrício Queiroz daran als »Buchhalter« beteiligt war. Der von den Behörden bislang unbehelligte Expolizist ist sowohl ein alter Freund des heutigen Präsidenten als auch des Verbrechers Nóbrega. Dessen Konten nutzte Queiroz für Geldbewegungen. Und auf Empfehlung von Queiroz hin setzte Flávio Bolsonaro sowohl Mutter als auch Ehefrau des nun Verblichenen auf die Lohnliste seines Abgeordnetenbüros. Zur Arbeit erscheinen mussten die beiden übrigens nicht.

Nóbrega soll sich bei der Aktion am Sonntag einer Festnahme widersetzt und geschossen haben. Schwer verwundet starb er kurz darauf im Krankenhaus, teilten die Behörden mit. Der frühere Hauptmann der Spezialeinheit BOPE der Militärpolizei von Rio de Janeiro galt als Kopf einer dort agierenden Gang von Auftragskillern, dem »Büro des Verbrechens«. Seit 2003 hatte er regelmäßig Ärger mit der Justiz, doch erst 2013 flog er aus dem Korps. »Hauptmann Adrianos« paramilitärische Gruppe mit Verbindungen in die Politik, eine sogenannte Miliz, besorgt ihre Geschäfte im Westen der Stadt am Zuckerhut. Die Behörden schreiben ihr neben Dutzenden weiteren auch den Mord an Rios Stadträtin Marielle Franco von der linken Partei PSOL und ihrem Fahrer Anderson Gomes im März 2018 zu. Zwei Tatverdächtige sitzen deshalb in Untersuchungshaft. Ganz nebenbei: Der mutmaßliche Schütze ist ein Nachbar des Präsidenten in Rios nobler Wohnanlage Vivendas da Barra.

Politischer Unterstützung durch die Bolsonaro-Familie erfreuen sich Rios Milizen, die sich vor allem aus aktiven oder früheren Polizisten und Feuerwehrleuten rekrutieren, bereits seit langem. Sie kassieren Schutzgelder, mischen im Drogen- und Waffenhandel mit. Teilen der Gesellschaft erscheinen sie als Ordnungsmacht, die andere Banditen und die Favelas in Schach halten. Nóbrega war seit mehr als einem Jahr untergetaucht und wurde seit Januar 2019 per Haftbefehl gesucht. Auf die Liste der landesweit meistgesuchten Verbrecher wurde er von Bolsonaros Justizminister Sérgio Moro bis zuletzt allerdings nicht gesetzt. Nach Medienberichten kam die Polizei nun durch Hinweise eines Leibwächters auf Nóbregas Spur. Dessen letztes Versteck gehört dem Lokalpolitiker Gilson Lima von der PSL. Das ist die Partei, für die Bolsonaro 2018 kandidierte. Dieser habe er sich bereits 2016 aus rein wahltaktischen Gründen angeschlossen, beteuert Lima. Mit Bolsonaro habe er nichts zu schaffen. Während der Polizeiaktion war der Hauseigentümer nicht in Bahía. Er hätte auch nicht gewusst, dass sich Nóbrega in seinem Haus versteckt. Der Mann weiß von nichts. Doch Nóbrega hätte der Welt sicher noch viel zu sagen gehabt.

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