Gegründet 1947 Freitag, 3. April 2020, Nr. 80
Die junge Welt wird von 2267 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 12.02.2020, Seite 1 / Titel
Afghanistan

In Kabul wartet der Krieg

Trotz Bombardements, Anschlägen und niederschmetternder Zahlen zu Gewalt: Wieder Abschiebungen nach Afghanistan geplant
Von Matthias István Köhler
dpa_Story_Abschiebef_62235392.jpg
Abschiebeflug nach Kabul: Ein Polizeibeamter sitzt in Leipzig neben einem abgelehnten afghanischen Asylbewerber (30.7.2019)

Wie nie zuvor bomben die USA in Afghanistan, Taliban und Dschihadisten verüben regelmäßig Anschläge – und die Bundesrepublik schiebt weiter unbeirrt in das Kriegsland ab. Während die täglichen Meldungen zu Kampfhandlungen in afghanischen Provinzen ohnehin nicht abbrechen, hat es jetzt auch wieder die Hauptstadt Kabul getroffen: Mindestens sechs Menschen starben, als sich ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte, wie das Innenministerium des Landes am Dienstag mitteilte. Mindestens 13 weitere Personen wurden verletzt. Unter den Getöteten sind vier Soldaten und zwei Zivilisten. Laut Innenministerium wurde in der Gegend auch eine Autobombe gefunden und von Einsatzkräften entschärft. Bis jW-Redaktionsschluss hat sich zu dem Anschlag niemand bekannt.

Es ist der schwerwiegendste Anschlag in Kabul seit November vergangenen Jahres. Damals waren die Friedensgespräche zwischen US-Regierung und Taliban wiederaufgenommen worden, über den aktuellen Stand gibt es außer Zweckoptimismus aus Washington keine offiziellen Angaben. 2019 waren bei Attentaten allein in Kabul mehr als 250 Menschen getötet und über 1.100 verletzt worden.

Das hindert Berlin allerdings nicht, eifrig abzuschieben. Am Donnerstag morgen wird in der afghanischen Hauptstadt ein weiterer Flieger mit abgelehnten Asylbewerbern erwartet, wie ein Behördenvertreter des Landes am Dienstag laut dpa sagte. Seit den ersten Abschiebungen Ende 2016 sind 837 Männer aus der Bundesrepublik abgeschoben worden. Nichts deutet darauf hin, dass sich das in Zukunft ändert.

Die Informationen zur Situation in Afghanistan werden immer spärlicher. Ob beispielsweise die Regierung oder die Taliban einen Bezirk kontrollieren, dazu werden keine Daten mehr erhoben. Was an Zahlen aber bekannt wird, macht deutlich, wie niederschmetternd die Lage ist, seitdem Washington im Herbst 2001 seinen Krieg in dem Land begann. Am Dienstag gab der US-Generalinspekteur für den Wiederaufbau in Afghanistan (SIGAR) bekannt, dass bei den »Bemühungen um den Wiederaufbau in Afghanistan« seit 2002 mehr als 2.200 Menschen ums Leben gekommen sind – darunter fast 1.600 Afghanen und 248 US-Bürger. Weitere mehr als 2.900 Menschen wurden laut dem Bericht verletzt, fast 1.200 entführt oder sind verschwunden. In dem Bericht sind nur die Opfer enthalten, die überwiegend den Auftrag zu »Wiederaufbau und Stabilisierung« hatten – jene, die bei Kampfhandlungen getötet wurden, tauchen darin nicht auf.

Dabei haben die »feindlichen Angriffe« laut SIGAR im letzten Quartal des vergangenen Jahres stark zugenommen. Am 31. Januar hieß es dazu in einer Erklärung, dass 8.204 Angriffe verzeichnet worden seien – gegenüber knapp 7.000 im gleichen Zeitraum des Jahres 2018. Und Washington blieb angesichts dessen nicht untätig: Laut US-Luftwaffe haben ihre Kampfflieger 2019 mehr Bomben über dem Land abgeworfen als in einem anderen vergleichbaren Zeitraum im vergangenen Jahrzehnt. Die UNO erklärte Ende Dezember, dass seit der systematischen Erfassung der zivilen Opfer des Krieges vor zehn Jahren mehr als 100.000 Menschen getötet oder verletzt worden seien.

Mit Blick auf die von der Bundesregierung geplanten Abschiebungen kommentierte am Dienstag die innenpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Bundestag, Ulla Jelpke: »Ein Großteil derjenigen, die in der Vergangenheit abgeschoben wurden, ist dort unmittelbarer Gewalt ausgesetzt, erlebt Anschläge, Misshandlungen und Bedrohungen und ist erneut zur Flucht gezwungen.«

Ähnliche:

Regio:

*** Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung: www.jungewelt.de/testen ***

Jetzt drei Wochen gratis im Probeabo!