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Aus: Ausgabe vom 11.02.2020, Seite 12 / Thema
Kritische Theorie

Terror und Schein

Siegfried Kracauer hat vorgeführt, wie kapitalistische Medien und faschistische Propaganda funktionieren
Von Jürgen Pelzer
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»Wie ist es möglich, die Massen, zu resorbieren?« Körperformationen in tayloristischer Präzision: Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg, Aufmarsch der Leibstandarte Adolf Hitler, 9. September 1934

Siegfried Kracauers Werk ist immer noch viel zuwenig bekannt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Er gehörte keiner Schule an, auch nicht dem Frankfurter Institut für Sozialforschung, deren Repräsentanten er zwar gut kannte, ohne dass es aber zu einer langfristigen Kooperation gekommen wäre. Eine Rolle spielt sicher sein »extraterritorialer« Status, der dafür sorgte, dass er als politischer Journalist nicht den üblichen akademischen oder literarischen Gruppen oder Zirkeln angehörte. Die Rückkehr ins westliche Nachkriegsdeutschland blieb ihm verwehrt, wobei fraglich ist, ob er, der nach seiner Übersiedlung in die USA konsequent auf englisch publizierte, überhaupt hätte zurückkehren wollen. Die Angst, überall auf alte Nazis zu treffen, verließ ihn nicht. So ungewöhnlich sein Entwicklungsgang, so breit waren seine Interessen und so beeindruckend der quantitative Ausstoß seiner Arbeiten – für die der Ausdruck feuilletonistisch verharmlosend wäre. Am wichtigsten ist dabei sicherlich, dass Kracauer bereits Ende der zwanziger Jahre zu einer Methodik gelangte, welche die konkrete Analyse der untersuchten Gegenstände – namentlich der noch neuartigen Filmindustrie und Phänomene des modernen Alltags – mit soziologischen Einsichten, zeitdiagnostischen Einschätzungen und oftmals auch mit geschichtsphilosophischer Reflexion verband. Doch nur wenige seiner Arbeiten sind heute in preiswerten Ausgaben zugänglich, das sorgfältig edierte Gesamtwerk ist nur für Betuchte erschwinglich.¹

Politischer Journalismus

Dabei wollte Kracauer wirken. Er verstand sich spätestens seit seiner Übersiedlung nach Berlin, wo er im Frühjahr 1930 die Feuilletonredaktion der Frankfurter Zeitung übernahm, als politischer Journalist. Den Beruf des Journalisten hatte Kracauer 1921 – damals 32 Jahre alt – bewusst gewählt. Vorangegangen waren Jahre der Orientierungssuche: ein Studium der Architektur, das er mit Diplom und Dissertation abgeschlossen hatte; philosophische Studien und namentlich die Bekanntschaft mit Georg Simmel (1858–1918), mit dem er 1907 in Kontakt gekommen war. Dessen philosophische Soziologie – bekannt wurde vor allem die »Philosophie des Geldes« – beeindruckte ihn so sehr, dass er ihm 1919 eine Studie widmete, der er 1922 ein Buch über die »Soziologie als Wissenschaft« folgen ließ, in dem er seine Idealvorstellungen von der damals noch neuen Wissenschaft konkretisierte. Diese sollte im Sinne Simmels den Wechselwirkungszusammenhang der Oberflächenphänomene erfassen und, davon ausgehend, zugleich die seelische Verfasstheit einer krisenhaften Übergangszeit in den Blick nehmen. Simmel war es darum gegangen, wie er in der Einleitung schrieb, »dem historischen Materialismus ein Stockwerk unterzubauen«, um so auch die Ursachen der geistigen Kultur in ihrem Eigenwert, ja ihrer originären Wirkungskraft zu belassen.

Die eigentliche Aufgabe der Soziologie besteht nun für Kracauer darin, das »Leben der sozial miteinander verbundenen Menschen«, die »Art der Vergesellschaftung« zu ergründen und letztlich den Ort des Menschen in der als sinnentleert empfundenen Moderne in der Epoche des entwickelten Kapitalismus zu bestimmen. Vor allem letzteres konnte von einer sich nur zögerlich entwickelnden bürgerlichen Soziologie kaum erwartet werden. Dafür konnte Kracauer gerade als Journalist Feldstudien betreiben, den in der Regel ignorierten Oberflächenphänomenen nachgehen und deren gesellschaftliche Symptomatik beleuchten. Das gelang ihm vor allem auf dem Gebiet eines neuen (und damals noch nicht voll anerkannten) Unterhaltungsmediums: des Films, dessen Formen und Inhalte er ideologiekritisch durchleuchtete. Doch auch andere Formen der neuen »Kulturindustrie« interessierten ihn.

Ein aufschlussreiches Resümee seines Nachdenkens über die neuen Medien war der Aufsatz »Das Ornament der Masse«, der im Juni 1927 in der Frankfurter Zeitung erschien. Hier bestätigt er sein Credo, dass der »Ort, den eine Epoche im Geschichtsprozess einnimmt«, aus der »Analyse ihrer unscheinbaren Oberflächenäußerungen schlagender zu bestimmen (ist) als aus den Urteilen der Epoche über sich selbst«.² Gegenstand seiner Analyse ist in diesem Fall die populäre Revue der »Tillergirls«, die er als »Ornament der Massengesellschaft« analysiert, als Körperformation, die tayloristische Präzision aufweise, aber Erotik nur simuliere. Ähnliche Prozesse sieht er bei Paraden, Märschen und Choreographien in Fußballstadien. Für Kracauer zeigt sich an diesen Phänomenen – und hier gibt es Parallelen zu Ernst Bloch und vor allem zu Walter Benjamin – ein nach wie vor »mythologisches Denken«, das die (beschränkte) kapitalistische Rationalität, die »den Menschen nicht einbegreift«, nicht überwinden kann.³ Kracauer gelangt hier, ohne in kulturkritische Larmoyanz oder den Pessimismus der »Dialektik der Aufklärung« zu verfallen, zu einem nüchternen Befund der modernen Medienwirklichkeit und zu einer geschichtlich (noch) offenen Perspektive: Da der Kapitalismus nicht zuviel, sondern zuwenig rationalisiere, sei »durch den Kapitalismus hindurch« zu gehen, wie es in einer der bei Kracauer selten optimistischen, ja marxistisch inspirierten Formulierungen heißt.⁴

Doch Kracauer beschränkte sich nicht auf Medienkritik und geschichtsphilosophische Spekulation, sondern griff 1929 eine soziologische Thematik auf, deren politische Brisanz sich bald erweisen sollte: Er recherchierte – äußerst arbeitsaufwendig – die relativ neue, stark expandierende Schicht der Angestellten, denen eine Serie in der Frankfurter Zeitung gewidmet war, die im Januar 1930 auch als Buch erschien.⁵ Kracauer konnte hier zeigen, wie der Kapitalismus Menschen »bewirtschaftete« – in der Arbeit wie in der Freizeit. Berlin war dafür ein idealer Ort.

Angestellte, die es in der einen oder anderen Form schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts gab, unterscheiden sich von Arbeitern dadurch, dass sie nicht in der eigentlichen Produktion beschäftigt sind. Die Bandbreite war in den Zwanzigern recht groß, so dass manche von einer neuen Mittelschicht, einem Mittelstand sprachen. Ein erheblicher Anteil dieser Schicht der abhängig beschäftigten Nichtarbeiter, mehr als ein Drittel, waren Frauen. Für Kracauer war die Welt der Angestellten eine Terra incognita. Er wollte ihr soziales Verhalten erkunden, vor allem auch deshalb, weil er befürchtete, dass diese Schicht der Angestellten faschistischer Propaganda zugänglich sei. Dafür machte er zwei Gründe geltend: zum einen den Standesdünkel der Angestellten und ihrer Repräsentanten, zum anderen das Desinteresse der KPD und vieler marxistischer Intellektueller, die sich auf die traditionelle Arbeiterklasse stützten und die Proletarisierungstendenzen bei den Angestellten unterschätzten oder ignorierten. Kracauer konzentrierte sich vor allem auf die Diskrepanz zwischen ökonomischer Misere (niedriger, prekärer Bezahlung) und einem bürgerlichen Anspruchsdenken. Die eigentliche Kultur der Angestellten war Kracauer seit langem vertraut: Es war die Kultur der Zerstreuungspaläste, der Kinos, Lunaparks und Schlagermelodien, kurz: eine Kultur des Eskapismus, der manipulativen Scheinwelten. Ein proletarisches Bewusstsein ließ sie nicht aufkommen. All dies präsentierte Kracauer, am empirischen Material orientiert, in einer Form, die Reportage und soziologische Reflexion miteinander verband. Der schmale Band hat bis heute nichts von seiner Attraktivität verloren, von seiner überraschenden Aktualität ganz zu schweigen.

In Berlin

Die Erwartungen, die Kracauer bei seinem Umzug nach Berlin hegte, sollten sich freilich nicht erfüllen. Er hatte gehofft, sich als politischer Journalist weiter profilieren zu können. Doch die Chancen für eine solche Entwicklung sollten sich angesichts der politischen Konstellation verringern. Zum einen radikalisierte sich die faschistische und antisemitische Agitation in dieser Zeit, zum anderen beließ es das bürgerliche Lager bei einer Hinhaltetaktik. Es war bereit, die liberale Demokratie zugunsten einer Präsidialdemokratie oder eines autoritären Regimes aufzugeben. Auch innerhalb der Redaktion der Frankfurter Zeitung wie in linksbürgerlichen Kreisen kam es zu Spannungen und Differenzen, was die Einschätzung der damaligen Situation und den Charakter des heraufziehenden Faschismus betraf. Man stritt über das weithin akzeptierte Ende der liberalen Demokratie. War dies (nur) auf den krisenhaften Kapitalismus zurückzuführen?

Kracauer nahm schon früh die »bestialischen« Züge des Kapitalismus wahr, wie sie besonders in Deutschland zutage traten und einen schockierenden Mangel an Humanität verrieten. Er führte diesen Mangel, den er in Ländern wie Frankreich nicht erlebte, auf die negativen Erfahrungen der Kriegsjahre oder aber tieferliegende Konstanten der deutschen Geschichte zurück. Im Februar berichtete Kracauer noch über den Reichstagsbrand, den er zu Recht als Fanal, als definitive Verabschiedung der liberalen Demokratie empfand. Als am 10. Mai 1933 faschistische Studenten in Berlin und anderen deutschen Städten von ihnen verachtete Literatur verbrannten, war auch Kracauers Buch »Die Angestellten« dabei. Es hatte eine sehr positive Resonanz erfahren und war wohl gerade deshalb den Nazis verhasst, die in ihm lediglich ein »volksfremdes« Elaborat sahen.

Kracauer befand sich zu dieser Zeit bereits im Exil, das für ihn wie für viele andere eine Zeit äußerster Entbehrungen und existentieller Unsicherheit bedeutete. Die Stelle bei der Frankfurter Zeitung hatte er verloren, er suchte sich mit anonymen Artikeln und einem Buch über Jacques Offenbach über Wasser zu halten. Die Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozialforschung, dessen Stiftungskapital rechtzeitig nach Genf transferiert worden war und das sehr bald nach New York übersiedeln sollte, gestaltete sich schwierig, doch schließlich wurde vereinbart, dass Kracauer eine großangelegte Studie zur »fascistischen Propaganda« vorlegen sollte. Sie sollte ganz oder zu Teilen in der Zeitschrift des Instituts publiziert werden. Den Forschungsplan skizzierte er in einem Exposé »Masse und Propaganda«, das im Dezember 1936 geschrieben wurde. Die Studie zur »Totalitären Propaganda«, so ihr Titel, selbst lag im darauffolgenden Mai vor, wurde aber ebensowenig gedruckt wie das Exposé vom Dezember, wofür wohl hauptsächlich Theodor W. Adornos negatives Gutachten, das geheim blieb, verantwortlich war. Kracauer gelangte erst 1940 mit seiner Frau nach New York, wo er sich mit Stipendien über Wasser hielt, diverse Analysen der filmischen Nazipropaganda lieferte und an dem Filmbuch »From Caligari to Hitler« (Von Caligari zu Hitler) arbeitete, das in den USA (nicht in der BRD) zu einem Klassiker avancierte.

Faschismus als Scheinlösung

Bei »Masse und Propaganda« handelt es sich, wie gesagt, nur um ein knappes Exposé.⁶ Doch es zeigt trotz aller Auflagen, die der Arbeit des Institut für Sozialforschung geschuldet sind (etwa hinsichtlich der Sprache und Begriffe), das Spezifische der Herangehensweise Kracauers. Er stellt zuerst das Neuartige der faschistischen Propaganda heraus, die nicht nur von blankem Terror begleitet ist, sondern eine Art Politikersatz darstellt. Um das Besondere der nazifaschistischen Propaganda zu ermessen, setzt er bei der ökonomischen Krise der Nachkriegszeit an, einer Krise, die sich mit der politischen verbunden und deshalb einen »totalen« Charakter angenommen habe. Diese Krise habe soziale Folgen, namentlich die Verelendung breiter Schichten – des klassischen Proletariats und des »proletarisierten Mittelstands«, womit er sowohl das abgesunkene, durch die Inflation besitzlos gewordene Bürgertum meint als auch jene Angestelltenschicht, die er 1930 in seinem Buch analysiert hatte. Als dritte Gruppe erwähnt er die Arbeitslosen. Zu den ideologischen Auswirkungen der Krise gehört – und dies scheint auch unter aktuellen Gesichtspunkten bedeutsam – der »Zerfall der bürgerlichen Werthierarchie«. Die Bourgeoisie habe ihre Selbstsicherheit verloren, ihr Lebensstil sei problematisch geworden. Statt dessen träten die »kapitalistischen Interessen nackt« hervor. Die breiten Massen lebten »ideologisch in einem Vakuum«, sieht man von jenen Segmenten ab, die sich am Sozialismus orientierten. Der Mittelstand in der obigen Definition – also als abgesunkenes Bürgertum oder proletarisierte Angestelltenschicht – sei trotz der ökonomischen Entwicklung in bürgerlichen Traditionen befangen und kämpfe deshalb erbittert gegen den Kommunismus. Er verweigere eine Einsicht in seine wahre Lage. Statt dessen optiere er für eine Änderung des Systems, freilich nichtrevolutionärer Art. Das Heer der Arbeitslosen lasse sich dagegen nicht mehr in die Gesellschaft eingliedern, es verhalte sich politisch erratisch, changiere zwischen rechts und links und tendiere überdies zur Wundergläubigkeit.

Kracauer lässt also auf die Krisendiagnose eine Klassenanalyse folgen, die freilich skizzenhaft (und sicher unzureichend) ist. Doch Ausgangspunkt ist die negative Haltung breiter Massen gegenüber dem Kapitalismus, wobei ihn nur Teile aktiv bekämpfen. Die Bourgeoisie selbst wird als »von Ohnmacht« geschlagen charakterisiert, was vermutlich dem Anschein geschuldet ist, aber wohl kaum ihrer wirklichen Rolle vor und nach 1933 gerecht wird. Doch geht es Kracauer vor allem um die Massen. Da die ökonomische Krise soziale und ideologische Auswirkungen hat und wirtschaftliche Prosperität nicht in Sicht ist, stellt sich die zentrale Frage: »Wie ist es möglich, die Massen, zu resorbieren?« Da eine sozialistische Revolution von großen Teilen der Bevölkerung abgelehnt wird, entsteht somit das Dilemma, die nicht integrierbaren Massen unter Beibehaltung des kapitalistischen Systems zu reintegrieren. Das erste Fazit seines Exposés lautet somit: »Nur eine Scheinlösung ist möglich. Der Fascismus ist eine Scheinlösung.«

Und damit hat Kracauer eine Basis für die weitere Analyse gewonnen. Der Faschismus unterstreicht den Charakter der Masse, die – als anonyme – bereits reintegriert sei. Zur Inszenierung der Scheinlösung sind einerseits Gewalt und Terror erforderlich, da die Klassengegensätze ja weiterbestehen und die Scheinlösung nur durch Gewalt erzwungen und bestätigt werden kann. Die Rolle der Propaganda besteht einerseits im fortgesetzten Kampf gegen den Kommunismus und dessen Gesellschaftskonzept, aber sie hat anderseits auch die Funktion, den Schein der Reintegration der Massen zu erzeugen, was ein unabschließbarer Prozess sei. Die Propaganda muss also ständig aufrechterhalten werden, sie ist integraler Bestandteil des faschistischen Systems, das ihrer ebenso bedarf wie des Terrors. Bewusst wird dabei die »Masse« in Szene gesetzt, etwa in dem man die Menschen dazu zwingt, »sich überall selbst zu erblicken«. Die Masse wird zum verführerisch arrangierten, inszenierten »Ornament«, wie Kracauer dies zuvor für die kapitalistische Kulturindustrie analysiert hatte. Der Rundfunk verwandelt auch die Wohnstube in einen öffentlichen Platz, der von Propaganda beherrscht ist. Um die Bedeutung der Masse als einer Masse zu unterstreichen, schlägt man außerdem »alle mythischen Kräfte« aus ihr heraus, so dass es vielen so scheint, als würden sie in der Masse über sich hinausgehoben. Auch der Personenkult ist zweckdienlich, da er den Sinn für die Realität schwächt und den Terror zu legitimieren scheint. Das Ziel besteht stets in der Reintegration der Massen, um sie steter politischer Kontrolle zu unterwerfen. Als Masse zusammengestellt, scheint die Bevölkerung das kommunistische Konzept des Klassenkampfs Lügen zu strafen. Der Appell gilt insbesondere der Jugend, die den Einfluss der Klassenverhältnisse möglicherweise noch wenig gespürt hat. Begriffe wie Volk, Nation, Ehre oder auch Rasse sind dem Konzept einer klassenmäßig differenzierten Gesellschaft entgegengesetzt.

Totalitäre Panoramen

Soweit die Ausgangsthesen Kracauers zu seiner Studie über die »Totalitäre Propaganda«, die sich namentlich auf Schriften und Reden etwa von Hitler oder Goebbels stützt und zum Vergleich auch italienische und französische Quellen heranzieht. Ursprünglich war wohl den Vorgaben zufolge eine Studie zur Propaganda in verschiedenen Systemen geplant, doch auch der ausgeführte Text geht nicht über Ansätze hinaus, etwa wenn betont wird, dass die kommunistische Propaganda andere Ziele verfolge als die faschistische und auch die »Reklame« genannte Propaganda in den liberalen Demokratien des Westens anderer Art sei. Doch am überzeugendsten ist Kracauer dort, wo er – im Anschluss an die Thesen des Exposés, aber bereits in den USA lebend – den Propagandacharakter der »Nazifeldzugsfilme« und Wochenschauen bis in die jeweiligen Präsentationsformen verfolgt.⁷ Diese äußerst geschickt arrangierten Produkte sind geradezu »totalitäre Panoramen«, »propagandistische Epen«, deren dramatische Effekte einer »inneren Architektur« entsprechen. Für Kracauer zeigt sich hier, »wie bloße Formen propagandistische Funktionen« annehmen können. Man denke an die »dynamisierten« Bilder, die Kameraschwenks, den Wechsel der Perspektiven, die eingefügten Landkarten, die ständig suggerierte militärische Bewegung, den Wechsel von Panoramablick zu Nahaufnahmen einzelner zu »Helden« monumentalisierter deutscher »Krieger«. Propagandistische Botschaften werden hier durch Bilder ausgedrückt. Die Realität wird manipuliert, um den Eindruck unbezwinglicher deutscher Militärmacht und erfolgreicher Blitzkriege hervorzurufen.

Kracauer taucht tief in die manipulierende Bildsprache dieser Filme und Wochenschauen ein. Wie bereits in seinen Filmanalysen der zwanziger Jahre beschränkt er sich nicht auf die ideologiekritische Entlarvung, sondern entziffert die manipulativen, kritisches Denken unterbindenden Mechanismen. Gerade hier liegt die Aktualität des Kracauerschen Verfahrens. Es gilt, den kritischen Blick auf eine uns permanent überwältigende Bilderflut zu schärfen, sei es, dass uns ausgerechnet Dokumentationen der Nazizeit ungefiltert und unkritisch serviert werden, sei es, dass uns – als Antwort auf eine neuerliche Krise in Permanenz – die nächsten Kriege als High­techabenteuer oder »humanitäre Aktionen« vor Augen geführt werden.

Anmerkungen

1 Die Ausgabe der Werke erschien in neun Bänden zwischen 2004 und 2012 bei Suhrkamp. Eine frühere Ausgabe der Schriften, ebenfalls bei Suhrkamp, wurde abgebrochen

2 Siegfried Kracauer: Das Ornament der Masse. Essays, Frankfurt am Main, 2014, S. 50

3 A. a. O., S. 57

4 Ebd.

5 Siegfried Kracauer: Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland, Frankfurt am Main, 2013

6 Zitiert wird nach Siegfried Kracauer: Exposé. Masse und Propaganda, in: Studien zu Massenmedien und Propaganda, hrsg. von Christian Fleck und Bernd Stiegler, Werke Band 2.2., Berlin, 2012, S. 9–16

7 Siehe etwa: Die Eroberung Europas auf der Leinwand. Die NS-­Wochenschau. 1939/1940, in: ders., a. a. O., S. 409 ff.

Jürgen Pelzer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 16. September 2019 über das Konzept des intellektuellen Engagements in der Literatur: »Wort und Tat«.

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