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Aus: Ausgabe vom 11.02.2020, Seite 11 / Feuilleton
Oper

Nichtigkeit, so schön

Abstieg ins Trübe verfehlt: André Hellers »Rosenkavalier« an der Berliner Staatsoper
Von Kai Köhler
Michèle Losier (Octavian) und Camilla Nylund (Feldmarschallin Fü
»Klugheit schützt vor Bejahung nicht«: Marschallin (Camilla Nylund) und Octavian (Michèle Losier)

Musikliebhabern gilt »Der Rosenkavalier« – im guten oder schlechten – als Inbegriff von Opernkulinarik. Allein der Titel und die hübschen Wiener Walzer! Eine – so der Untertitel – »Komödie für Musik«, uraufgeführt am Vorabend des Ersten Weltkriegs, ein sicherer Publikumserfolg, nachdem Richard Strauss mit den klanglich weitaus härteren Einaktern »Salome« und »Elek­tra« sich als Vertreter der musikalischen Moderne präsentiert hatte. Das riecht nach Reaktion.

Freilich sind gute Komödien nicht nur lustig. Im »Rosenkavalier« kreuzen sich zwei Liebeshandlungen. Der allzu derbe Baron Ochs von Lerchenau, von altem Adel, will die junge Sophie weniger aus Zuneigung heiraten als aus Interesse am Vermögen des Vaters, des gerade geadelten Kaufmanns Faninal. Dem sind die Gefühle seiner Tochter gleichgültig. Es geht ihm bei der Verbindung allein um seinen gesellschaftlichen Aufstieg. Verwandt mit Ochs von Lerchenau ist die Marschallin, die in Octavian einen jungen Geliebten hat, der auf ihren Vorschlag hin für den Baron als Brautwerber auftritt und dabei die silberne Rose überreicht, die der Oper den Titel gibt. Der Kontrast zwischen Brautwerber und Möchtegernbräutigam ist allzu offensichtlich, und erwartbar genug verlieben sich die beiden jungen Leute ineinander.

Das ist keine heitere Welt. Ehen dienen dem gesellschaftlichen Ranggewinn; Ochs gesteht zynisch seine Freude daran ein, den Widerstand von Frauen zu brechen, sie eine Zeitlang zu benutzen und dann wegzuschicken. Und den erfreulicheren Personen droht das Alter. Früh weiß die Marschallin, dass sie Octavian eines Tages verlieren wird, und ist am Ende nur erstaunt, wie schnell das geschieht. Sie reagiert mit kluger Resignation; der Baron aber – auch wenn er Sophie nicht ins Hochzeitsbett bekommt – wird mit seinem Rang und seiner Energie weitere Opfer finden. Schlimmer noch: Er blickt einmal mit Sympathie auf Octavian, der so sei wie er selbst in seiner Jugend. Nicht unwahrscheinlich, dass Octavian, der schnell lernt zu intrigieren, im Alter ein Ochs von Lerchenau wird.

Die Musik, die Strauss schrieb, lässt in einigen Konfliktszenen durchaus noch die Härten der Vorgängerwerke hören, ist aber vor allem Wohlklang. Die von Zubin Mehta geleitete Staatskapelle Berlin vermied bei der Premiere am Sonntag in der Staatsoper Unter den Linden allzu marmeladige Melodienseligkeit, setzte auf Klarheit und betonte, wo es sinnvoll war, musikalische Karikatur. Sie lud nicht zum Schwelgen ein, sondern zum aufmerksamen Hören. Dies war notwendig angesichts einer Inszenierung, die nicht nur Stärken hat.

»Der Rosenkavalier« ist eine Oper, die dem bürgerlichen Publikum seine Nichtigkeit vorführt: Liebe als Geschäft, rücksichtsloses Streben und die Sinnlosigkeit jedes Strebens angesichts von unvermeidbarem Alter und Tod. Sie führt die Nichtigkeit so schön vor, dass man sie genießen kann; Klugheit schützt vor Bejahung nicht. Mit bloßer Destruktion würde die Regie das Werk zerstören und eine Aufführung sinnlos machen. Sie kann Bilder für das Traurige im Schönen finden, muss dann die Figuren als Leidende im gesellschaftlichen System ernst nehmen – das ist ein gangbarer Weg.

Oder sie perfektioniert das Schöne. Diesen Weg wählt der österreichische Multimediakünstler André Heller, der mit Operninszenierungen kaum Erfahrung hat. Das muss nicht schlecht sein; die Berliner Staatsoper setzt in dieser Spielzeit auf Regisseure, die sich nicht an die schlechten Moden gegenwärtiger Opernpraxis gewöhnt haben, sondern von außen kommen. Der Film- und Fernsehregisseur Damián Szifron hat im Herbst mit »Samson et Dalila« von Camille Saint-Saëns bewiesen, dass auf diese Weise gute Ergebnisse möglich sind. Heller – seltener und lobenswerter Fall – will nicht alles besser wissen und hat sich mit Wolfgang Schilly einen erfahrenen Praktiker des Musiktheaters an die Seite geholt. Das eingestandene Ziel war, den Absichten von Strauss und seines Librettisten Hugo von Hofmannsthal gerecht zu werden. Das weckt Sympathie. Dem Werk zu vertrauen ist ein so richtiger wie heute seltener Ansatz.

Das Ergebnis ist manchmal zu schön. Die Figurenführung bleibt stets eng an der Musik; das ist grundsätzlich gut, nicht immer ohne Phantasie, verdoppelt aber zuweilen das Erklingende. In diesen Passagen verliert die Inszenierung an Spannung. Manchmal gibt es zuviel zu sehen: besonders im Schlussakt, wo Heller die Kneipe, in der Ochs von Lerchenau zusätzlich zur geplanten Heirat zu seinem Verhängnis auch noch ein Dienstmädchen ins Bett zu zwingen versucht, durch einen Palmengarten ersetzt und so den Abstieg ins Trübe verfehlt. Aber immerhin sieht man eine Aufführung, die ein des allzu Schönen verdächtiges Werk nicht denunziert, sondern die Kritik aus ebendiesem Schönen zu entwickeln unternimmt; und das ist heute viel wert.

Sängerisch überzeugte vor allem die Darsteller der Alten. Einem Bass, der mit der effektvoll komödiantischen Rolle des Ochs von Lerchenau keinen Applaus einzukassieren weiß, ist wohl kaum zu helfen. Günther Groissböck gibt der Figur eine bedrohliche Dimension, durchaus sadistisch, was die von ihm benutzten Frauen angeht, und gegenüber gleichrangigen Männern zwischen Jovialität und Gewalt schwankend. Hätte dieses Ekel doch nur nicht eine solche Lebenskraft! Camilla Nylund weiß alle Empfindungen der Marschallin zu schattieren, bis hin zum Ende, wenn sie zugunsten des jungen Liebespaars verzichtet – moralisch als Siegerin, aber real geschlagen. Die Sophie von Nadine Sierra hat starke Momente, wo es um Empfindsamkeit und drohende Resignation, doch kaum, wo es um eigenen Willen geht, den diese Rolle auch verlangt. Der Octavian von Michèle Losier wirkte zu Beginn bei starken Vibrato mal allzu schrill, mal allzu zurückgenommen. Doch gewann die Stimme im Verlauf der Aufführung und konnte Losier zuletzt den Beziehungswechsel, mit allen Ambivalenzen, überzeugend gestalten.

Nächste Aufführungen: 13., 16., 19., 22., 27., 29.2., jeweils 18 Uhr

Die Premiere wurde aufgezeichnet und soll am 21. März auf 3sat gesendet werden.

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