Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit
Gegründet 1947 Montag, 17. Februar 2020, Nr. 40
Die junge Welt wird von 2228 GenossInnen herausgegeben
Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit
Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit
Aus: Ausgabe vom 10.02.2020, Seite 2 / Inland
Protest gegen »Quo Vadis«-Kongress

»Kapital gibt nicht umsonst soviel Geld aus«

Profiteure der Wohnungsnot treffen sich im Berliner Hotel Adlon bei »Quo Vadis«-Kongress der Immobilienlobby. Ein Gespräch mit Tim Riedl*
Interview: Jan Greve
D19D0406Mietenprotest132025.jpg

Im Berliner Edelhotel Adlon findet am Dienstag und Mittwoch der Immobilienlobbykongress »Quo Vadis« zum mittlerweile 30. Mal statt. Um was handelt es sich dabei?

Der Charakter dieser Veranstaltung wird deutlich, wenn man sich die Eintrittspreise von mehr als 3.000 Euro vergegenwärtigt. Wer unter 35 Jahre alt ist, kann allerdings »aufatmen«: Dann sind nur gut 2.000 Euro pro Nase fällig. Daran erkennt man, für welches Klientel dieser Kongress gedacht ist. Dort lassen sich auch gerne hochrangige Politiker blicken. Im vergangenen Jahr waren CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer sowie der Kovorsitzende der Grünen, Robert Habeck da. In diesem Jahr hält der Chef der Reichenpartei FDP, Christian Lindner, die Eröffnungsrede.

Bei dem Kongress würden »400 Top-Entscheider« zusammengebracht, heißt es. Dazu zählen dann auch Lobbyvertreter des Immobilienkapitals?

So ist es. Es gibt auch stets Unterhaltungsprogramm, wie etwa den letztjährigen Vortrag des ehemaligen Fußballprofis Oliver Kahn. Beworben wird die Veranstaltung vor allem mit »Face-to-Face«-Gesprächen, bei denen sich die verschiedenen Akteure kennenlernen und vernetzen. Der Kongress ist gut organisiert, nicht umsonst gibt das Kapital dafür soviel Geld aus. Fast 30 Jahre lang ist diese Zusammenkunft nicht groß aufgefallen, bis wir beim letztjährigen Treffen erstmals unseren Protest auf die Straße gebracht haben (jW berichtete).

Was planen Sie in diesem Jahr, auch angesichts der Erfahrungen von 2019?

Am morgigen Dienstag gibt es um 17 Uhr vor dem Hotel Adlon eine Kundgebung. Im vergangenen Jahr hatten wir eigentlich nichts Großes gemacht. Wir standen vielleicht mit 60, 70 Leuten auf dem Pariser Platz. Das reichte schon aus, dass die Veranstalter ihren traditionellen Spaziergang vom Hotel Adlon zur Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft (überparteiliche Vereinigung von Abgeordneten verschiedener Parlamente, jW) abgebrochen haben. Dieses Jahr fällt der Programmpunkt aus, soweit wir informiert sind. Wir sehen einmal mehr: Das Kapital ist ein scheues Reh.

Unter anderem ist auch ein Auftritt des Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert angekündigt, der in einigen bürgerlichen Medien als strippenziehender Sozialist in der SPD dargestellt wird. Wäre dem so, müsste man ja beinahe vermuten, Ihr Bündnis habe Kühnert dort eingeschleust.

Nein, von dem Auftritt hatte ich zuvor noch nichts gehört. Klar ist, dass die dort erprobten Formate davon leben, verschiedene Personen einzubinden. Kühnert gehört mittlerweile zu dem Teil der politischen Klasse, der die soziale Karte spielt und weniger brachial daherkommt – eine mit Blick auf die aktuelle Verfasstheit der SPD durchaus nachvollziehbare Taktik. Auch der spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte einst als Juso-Vorsitzender große Reden geschwungen, um später Krieg und Sozialabbau zu verantworten.

Schröder soll in jungen Jahren gesagt haben: »Ja, ich bin Marxist.«

Klar, solche Leute können sich zu hervorragenden Kapitalisten entwickeln. Die wissen ja dann, wie es läuft.

»Menschen, die unsere Denkweisen herausfordern« – dieses Motto steht über dem »Quo Vadis«-Kongress in diesem Jahr. Von dem zynischen Gehalt dieser Formulierung abgesehen: Wie wollen Sie die Immobilienlobby herausfordern?

Wir verfolgen verschiedene Ansätze. Wir sind solidarisch mit allen, die Verbesserungen für Mieterinnen und Mieter zu erreichen versuchen. Wir von »Zwangsräumung verhindern« werden etwa aktiv, wenn einzelne aus ihren Wohnungen geworfen werden sollen. All die unterschiedlichen Kämpfe in der Stadt haben dazu geführt, dass nun der »Mietendeckel« vom Berliner Senat beschlossen worden ist. Unabhängig davon, dass dieses Gesetz im parlamentarischen Betrieb zerrieben wird, sehen wir doch: Eine soziale Bewegung mit langem Atem kann materielle Fortschritte erzwingen.

Das reicht uns aber nicht aus: Das Grundproblem bleibt das Privateigentum an Wohnraum. Wir werden uns weiter vernetzen – nicht nur bundesweit, sondern auch in Europa. Derzeit mobilisieren wir für den »Housing Action Day« am 28. März und für die bereits ab dem 20. März beginnenden Aktionstage.

Tim Riedl (* Pseudonym) ist Sprecher des Bündnisses »Zwangsräumung verhindern«, das sich am Berliner »Bündnis gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn« beteiligt

Regio:

Endspurt der Aktion »Dein Abo zur rechten Zeit«: jetzt bestellen!