Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit
Gegründet 1947 Sa. / So., 22. / 23. Februar 2020, Nr. 45
Die junge Welt wird von 2229 GenossInnen herausgegeben
Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit
Endspurt: Dein Abo zur rechten Zeit
Aus: Ausgabe vom 10.02.2020, Seite 1 / Titel
Attentat von Halle

Hilflos in Uniform

Video von antisemitischem Anschlag in Halle zeigt: Die Polizei ließ Opfer liegen und den Täter entkommen
Von Susan Bonath
RTX76TW5 Kopie.jpg
Aus dem Weg gegangen: schiefgelaufener Polizeieinsatz während des antisemitischen Anschlags von Halle am 9. Oktober 2019

Viel zu spät eintreffende Polizisten, die sich weder um das verblutende Opfer kümmern noch den vorbeifahrenden Täter verfolgen, und Passanten, die weitergehen: Der Süddeutschen Zeitung (SZ), dem WDR und dem NDR ist ein Video des Anschlags auf die Synagoge in Halle im vergangenen Oktober zugespielt worden, das genau dies zeigt. Der SZ-Reporter Ronen Steinke sprach in einem am Freitag abend veröffentlichten Beitrag von »minutenlanger gespenstischer Stille« am Tatort.

Die Aufnahmen von der Überwachungskamera der Synagoge waren bisher öffentlich nicht bekannt, obwohl das Bundeskriminalamt das Video bereits kurz nach der Bluttat des Neonazis Stephan Balliet sichergestellt hatte. Sie zeigen die Vorgänge vor der Synagoge, in der sich die jüdische Gemeinde zu diesem Zeitpunkt versammelt hatte, aus einer neuen Perspektive. Nach Angaben des Innenministeriums von Sachsen-Anhalt begann der schwerbewaffnete Täter seinen Anschlag um 12.01 Uhr. Zwei Minuten später ging der erste Notruf aus der Synagoge bei der Polizei ein. Zugleich habe eine Anwohnerin gemeldet, dass Schüsse gefallen seien und der Täter Granaten einsetze.

Um 12.11 Uhr fuhr der erste Streifenwagen vor, drei Minuten später der zweite. Laut Video stieg eine Beamtin aus. Sie habe weder Helm und Schutzweste getragen noch eine Pistole in der Hand gehalten, berichtete der Reporter. So sei sie einmal um das in einer Blutlache liegende Opfer herumgegangen, ohne zu prüfen, ob es noch lebte. Es habe gewirkt, »als warte sie auf weitere Anweisungen«. Einen Rettungswagen habe die Polizei nicht gerufen. Die Aufnahmen widersprechen der Darstellung von Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU). Dieser hatte bisher behauptet, die Polizei habe den Tod der Niedergeschossenen festgestellt.

Zu sehen ist noch mehr: Während die Beamten vor Ort waren, fuhr der Täter nach einem zweiten Mord an einem 20jährigen in einem Dönerimbiss noch einmal vorbei. Weder hielt ihn die Polizei an, noch versuchte sie ihn durch Schüsse in die Reifen zu stoppen, noch forderte sie umgehend Verstärkung für eine Verfolgung an – obwohl das Kennzeichen zu diesem Zeitpunkt bereits über Polizeifunk durchgegeben worden war und der Tatort mitten in der Innenstadt lag. Darüber hinaus sollen Passanten ungerührt vorbeigegangen beziehungsweise Fahrzeuge vorbeigefahren sein. Ein Briefträger habe auf der anderen Straßenseite weiter die Post ausgetragen.

Der Neonazi Balliet hatte seinen Anschlag am 9. Oktober 2019 im voraus geplant, selbst mitgefilmt und live im Internet gestreamt. Als es ihm misslungen war, mittels selbstgebauter Sprengsätze in die Synagoge einzudringen, schoss er auf die zufällig vorbeikommende Passantin, die daraufhin zusammenbrach. Wenig später fuhr er mit seinem Auto weiter, drang dann in den Imbiss ein und tötete den 20jährigen. Schon früh hatte es Kritik an der Polizei gegeben. Sie habe die Hinweise nicht ernst genug genommen und sei zu spät und mit zu wenigen Beamten eingetroffen. Die Linksfraktion beklagte den fehlenden Schutz der Synagoge, die sich auf eigene Sicherheitsmaßnahmen verlassen musste. Ohne die verstärkte Tür zum Gelände, die der Täter nicht überwinden konnte, wäre es vermutlich zu viel mehr Opfern gekommen.

Ein Untersuchungsausschuss soll sich nun damit befassen. Die erste Sitzung ist für den 24. Februar geplant. Rüdiger Erben, Vorsitzender der SPD-Fraktion, sagte am Samstag der Deutschen Presseagentur, das Gremium müsse nun schnell mit der Aufklärung beginnen.

Debatte

  • Beitrag von Thomas P. aus B. ( 9. Februar 2020 um 21:58 Uhr)
    Untersuchungsausschüsse kosten viel Zeit und bleiben – wie immer – folgenlos (z. B. von der Leyen)! Warum ermittelt kein Staatsanwalt?

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Regio: