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Aus: Ausgabe vom 08.02.2020, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Horvath schreibt an die schöne Nachbarin

Von Pierre Deason-Tomory
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Weimar, Leibniz-Allee X, 8. Mai 2019

Sehr geehrtes Fräulein Nachbar!

Am Samstag hat der Fahrer von UPS bei mir geklingelt. Ich habe so getan, als wenn ich nicht da wäre. Leider stand die Haustüre offen, und so hat er mich schließlich unter dem Küchentisch gefunden. Ich musste ihm zwei Pakete abnehmen, die für Sie bestimmt sind.

Das hätte eigentlich der Concierge tun sollen, der in der Beletage hausen darf und behauptet, gar keiner zu sein und nicht zufällig mit Zunamen genauso zu heißen wie der Herr von Mückenbach, dem ich die Miete überweisen muss. Lächerlich. Dieser Tagedieb hat gestern auch wieder verbaselt, die Mistkübel vor das Tor zu stellen. Kein Wunder, dass bei mir alles voller Fliegen ist, mit einer solchen Bagage in der Nachbarschaft.

Zu Ihren Sachen. Ich darf Sie zu Ihrer Wahl beglückwünschen. Ich habe das dunkelblaue Kleidchen von Peek und Cloppenburg gleich anprobiert und sah aus wie Tante Ludmila aus Prag in ihren besseren Tagen! Interessant auch der Duft von Dior aus dem zweiten Päckchen. Vielleicht etwas schwer, aber nun im Ernst, Ihr Geschmack ist wirklich so außerordentlich wie Ihre Anmut, meine Liebe.

Ich habe noch etwas vom Parfum aufgetan, bevor ich gegen Nachmittag das Haus verließ, und schon auf der Sternbrücke drehten sich aufreizende Pensionärinnen nach mir um. Als ich in diesem dunkelblauen Hauch von Nichts am Schloss in Richtung Stadt vorbeilief, rissen sich zwei kleine Buben von ihren Eltern los und folgten mir jubilierend.

Die frühsommerliche Schwüle machte mich, unter den Achseln unrasiert den Marktplatz überschreitend, transpirieren, und Ihr Duft umgab mich jetzt in seiner ganzen Pracht. Vögel und Fliegen fielen vom Himmel, und ein Kutscher überfuhr verzückt einen Touristen aus Osaka.

Ich bin noch drei Tage so durch die Stadt gelaufen. Aber dann war ich es leid, weil andauernd irgendwelche Straßenköter versucht haben, mich zu begatten. So habe ich gestern damit aufgehört.

Sie können Ihre Packerl jetzt abholen. Das Abendkleid ist beinahe unversehrt, und ich glaube, es ist auch noch etwas vom Parfum übrig.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Horvath

PS: Das ist übrigens schon meine dritte Nachricht an Sie, meine liebe Claudia, auf die Sie vermutlich wieder nicht antworten werden. Manchmal denke ich, Sie haben einen anderen.

*

Weimar, Leibnizallee X, 26. Mai 2019

Sehr geehrtes Fräulein Nachbar!

Sie wissen, ich träume täglich von Ihnen und sogar nachts. Ich möchte Ihnen daher meine allerbesten Wünsche zum Geburtstag übermitteln. Ihrem Ehrentag widme ich die Fliege, die ich gerade am Garderobenspiegel erschlagen habe.

Geburtstage sind besondere Tage. Sie haben die Angewohnheit, uns daran zu erinnern, dass unsere Zeit läuft. Haben wir zu oft Geburtstag, läuft die Zeit ab. Es gibt daher Menschen, die Geburtstage nicht mögen. Wie zum Beispiel meine Tante Ludmila aus Prag. Sie mag besonders die Geburtstage anderer Leute nicht. Das liegt daran, dass sie nicht gerne etwas verschenkt. Deshalb feiert sie vorsichtshalber auch nie ihren eigenen Geburtstag. Sie ist inzwischen tot.

Eine Alternative wäre, nur noch Todestage zu feiern. Das war früher die Regel, aber inzwischen ist man davon abgekommen, weil es sehr kompliziert ist.

Neulich erst wollte ich meine besten Freunde einladen zu meinem 47. Todestag, konnte aber nicht herausfinden, an welchem Datum er stattfindet. Deshalb musste die Sache ausfallen. Was mache ich jetzt mit den ganzen Papierschlangen und Pappnasen, frage ich Sie? Wer soll die fünf Torten essen, die ich selbst habe kommen lassen?

Aber ich schweife ab.

Jedenfalls wünsche ich Ihnen, dem elfengleichen Wesen, neben dem zu wohnen ich das Glück habe, noch viele Geburtstage, bis Sie dann sowieso alt werden und nicht mehr so fesch sind wie heute und dann sterben müssen.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Horvath

PS: Ich darf Sie übrigens daran erinnern, dass mein Angebot zu einem Glas Wein auf meinem Bankerl vor dem Haus noch steht. Glauben Sie mir, mein liebes Kind, Sie verpassen meine besten Jahre!

*

Weimar, Leibnizallee X, 19. Juli 2019

Sehr geehrtes Fräulein Nachbar!

Ich möchte Ihre schicksalhafte Nähe zu mir nicht über Gebühr strapazieren, meine Liebe, muss Sie aber dennoch um einen kleinen Gefallen bitten.

In der Werkstatt wechseln sie bei meinem Jaguar seit vier Wochen die Aschenbecher aus, eine heikle Sache. Außerdem hat mir vor zwölf Jahren ein Polizeibeamter aus nichtigem Anlass den Führerschein abgenommen und ihn bis heute nicht retourniert. Kurz: Ich habe gerade keine Fahrgelegenheit.

Ich wollte Sie deshalb fragen, ob Sie die Güte hätten und mit mir morgen zu IKEA fahren würden. Ich brauche einen neuen Sekretär. Den alten, ein teures Erbstück, hat dieser kleinliche Antiquitätenhändler beim Schloss gestern wieder abholen lassen wegen irgendeiner Panne mit dem Barscheck. Bei dem kaufe ich nie wieder.

Morgen also wäre gut. Wobei, eigentlich passt es mir morgen gar nicht. Vielleicht könnten Sie das auch ohne mich erledigen?

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Ich suche nichts Außergewöhnliches. Einen Sekretär. So einen mit einer hochklappbaren Tischplatte und kleinen Schubfächern oben. Unbedingt mit Schloss! Mein Großvater mütterlicherseits war auch Schlossbesitzer, Arpad Edler von Berekböszörmeny. Nein, es war Laszlo Edler von Mehkerek-Körösszakalknagyharsany. Jedenfalls hat er die Kommunisten anno 1919 nur mit Hilfe eines Tricks überlebt. Er steckte seinen treuen, alten Knecht Gabor in die eigene Paradeuniform und band ihn am Küchenstuhl fest, als Bela Kun und seine Spießgesellen kamen. Als sie wieder weg waren und die Fliegen kamen, hat Laszlo Gabors Einzelteile aufgesammelt und ihm für drei Kronen ein schönes Holzkreuz gestiftet. Das haben wir später für Onkel Ferenc wiederverwendet, nachdem der sich beim Rumänen-Pogrom in der Kreisstadt mit dem Säbel versehentlich das rechte Bein abgeschnitten hatte und drei Tage später an Wund- und Obstbrand gestorben ist.

Ach bitte, bevor ich abschweife, kaufen Sie nicht zu billig, man soll sich ja nicht schämen müssen. Ich würde für den Sekretär etwa 80 Euro investieren wollen. Wenn aber das Stück, das Sie aussuchen, doch teurer kommt, dann legen Sie mir bitte die Differenz aus, bevor Sie noch mit leeren Händen zurückkommen. Ich zahle natürlich prompt zurück.

Übrigens: Die Nachnahme für die Briefmarkensendung gebe ich Ihnen bei Gelegenheit zurück. Ich war schon bei der Bank, um zu überweisen. Da war im Automaten aber kein Geld mehr. Und neben mir stand der Wirt vom »Schmalen Handtuch«, der abkassieren wollte. Also musste mir der Obdachlose mit dem Wikingerhelm die 150 Euro vorstrecken. Ein ganz feiner Mensch, der Herr Sandler. Geben Sie ihm etwas, wenn Sie ihn sehen.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Horvath

PS: Mir ist der Kinderwagen neben der Türe aufgefallen. Sagen Sie mir ehrlich: Haben Sie Kinder? Ist das nicht doch sehr lästig? Sie werden sie irgendwo abgeben müssen, wenn wir dann endlich zusammengekommen sind.

*

Weimar, Leibnizallee X, 23. Juli 2019

Sehr geehrtes Fräulein Nachbar!

Ich habe Ihren Kleinen gestern im Garten spielen sehen, meine Liebe, ein fescher Bub. Es ist doch ein Bub? Also, für einen Jungen schaut er ganz adrett aus, wirklich.

Wenn es ein Mädchen ist, nun ja, für ein Mädchen sieht das Kind scheußlich aus. Aber das wächst sich vielleicht noch aus, bis es groß wird. Wenn es denn groß wird. Es könnte natürlich sein, dass es klein bleibt. Das wäre unvorteilhaft, so kurzbeinig und schwach. Sagen Sie ehrlich, was soll denn aus dem Mädchen einmal werden, so wie es ausschaut? Die hässlichen Mädchen müssen später alle einen Postbeamten heiraten und werden dann zu Hause weggeschlossen oder vergiftet.

Wo wir wieder beim Thema sind, liebes Fräulein Nachbar! Warum heiraten Sie mich nicht? Ich verspreche, ich werde Ihnen keine weiteren hässlichen Kinder machen. Sogar gar keine! Und ich bin tatsächlich eine gute Partie! Ich wohne hier nur zum Schein in zweieinhalb Zimmern sous terrain. Meine delikaten Verpflichtungen zwingen mich, nicht als übermäßig exaltiert aufzufallen. Anders als damals in den Achtzigern in München, als mir noch der Konstantin W. den Koks besorgt hat.

Meine Aussichten sind übrigens phänomenal, allein schon wegen der noch ausstehenden Erbschaft von Tante Ludmila aus Prag, die vor 15 Jahren verstorben ist.

Die liebe tschechische Tante Ludmila war eine angeheiratete Berühmtheit in der Familie. Sie hatte 1939 in Budapest meinen Onkel Tibor geehelicht, einen Oberleutnant, was sich für sie wegen der weiteren politischen Entwicklung als Missgriff entpuppte. Nachdem sie ihn an die Rote Armee verpfiffen hatte, heiratete sie 1944 den Parteisekretär Conrad Weisz. Ein weiterer Fehler, er wurde 1949 als Titoist erschossen. Danach ging sie zurück nach Prag und machte als Ausdruckstänzerin mit Backenbart ein Vermögen in einem Nachtklub, in dem Geheimdienstler verkehrten und Fliegen in der Suppe schwammen.

Wie meine Tante Ludmila bin auch ich ein respektabler Mann, und meine Absichten sind ehrenhaft. Ich würde Sie, das begehrenswerteste Wesen seit der Salome Kratlerbauer aus Ottakring, mit den eigenen Händen schon morgen über den Traualtar tragen, römisch-katholisch natürlich. Schon Morgen! Und sobald meine Scheidung von Magdolna dispensiert worden ist, eine reine Formsache. Mit ihr war nicht viel, die Ehe blieb kinderlos. Von Zoltan, Zsombor, Zoltan 2 und Zoltan 3 mal abgesehen. Und dem Mädchen mit dem komischen Namen.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Horvath

PS: Jetzt habe ich die ganze Zeit von mir gesprochen, reden wir doch von Ihnen, mein Kind: Finden Sie mich schön?

*

Weimar, Leibniz-Allee X, 7. August 2019

Sehr geehrtes Fräulein Nachbar!

Ich hoffe eindringlich, dass Sie einen ganz wundervollen Urlaub verbringen. Drei Wochen Ostsee, toll! Bringen Sie mir ein Andenken mit von Rügen, ja? Eine Locke Ihres Göttinnen gleichen Haares?

Ich habe mir derweil erlaubt, täglich Ihren Garten zu gießen. Da hampelt zwar auch jeden Abend dieser schlacksige junge Kerl mit dem Schlauch umher, aber der macht das nicht richtig. Er ist außerdem nicht Ihr Typ, finde ich. Jedenfalls hat er Ihre Rosenhecke am Zaun absaufen lassen, so dass ich sie komplett ausreißen musste. Ich habe ihn dann verjagt. Keine Ursache.

Dort, wo die rote Rosenhecke stand, habe ich Bohnen und Tomaten angepflanzt. Bei der Gelegenheit habe ich auf den Rasen acht Tonnen grauen Kiesel schütten lassen, das schaut sehr edel aus und macht nicht soviel Mühe. Die Rechnung kommt, ich habe den Lieferanten gebeten, vier Wochen zu warten, weil Sie ja auch noch den Feuerwehreinsatz bezahlen werden müssen wegen des Brandes – habe ich den schon erwähnt?

Seien Sie unbesorgt, mein Kind, es ist nicht viel passiert. Beim Grillen auf Ihrer Terrasse hatte der Spiritus irgendwie den Aschenbecher entzündet, auf dem eine Fliege saß, die mich zur Weißglut gebracht hatte. Als ich den brennenden Aschenbecher mit einem dieser grünen Wasserkanister löschen wollte, brannte plötzlich der ganze Tisch. Dann die Hollywoodschaukel, der Schuppen und die Tanne. Die Feuerwehr war eilig da, das Haus ist weitgehend unversehrt. Mein weißer Leinenanzug dagegen: ruiniert! Sie haben eine Haftpflichtversicherung?

Aber das regeln wir, wenn wir beide wieder hier sind. Wegen ein paar unbedeutender Angelegenheiten werde ich im Ausland erwartet, der Möbelwagen kommt schon morgen. Sie werden mich also vorübergehend nicht antreffen. Bitte tun Sie mir den Gefallen und leeren Sie gelegentlich meinen Briefkasten. Die Post wird mein Exschwager abholen, der Franz. Sie werden ihn daran erkennen, dass er sehr dünn und zwei Meter groß ist und nur sieben Finger hat.

Er wird am 1. September aus dem Justizhospital Josefstadt entlassen und Sie sofort danach wegen der Post aufsuchen. Stellen Sie sich vor, meine Liebe, dort hat der arme Franz acht Jahre als pathologischer Fall bei den Verrückten sitzen müssen, nur weil er dreimal, jeweils beim Fischen am Stausee, versehentlich einen Damm gesprengt hat. Aber ich will Sie nicht weiter mit G’schichten aufhalten, ich muss nämlich los. Bitte bleiben Sie mir gewogen und denken Sie an meine Post.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Horvath

PS: Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich dem Franz ausrichten lasse, dass er ein paar Tage bei Ihnen auf dem Kanapee übernachten kann? Er hat doch niemanden. Er wird auch keine Umstände machen. Er kommt dann also am 1. September am späten Abend. Sie sind ein Engel.

PPS: Und öffnen Sie in nächster Zeit außer Franz niemandem die Tür. Niemandem! Aber keine Angst, das ist nur zur Vorsicht. Leben Sie wohl!

Pierre C. Deason-Tomory, geboren 1969, lebt in Weimar. Nach dem Schulabbruch war er Redakteur, Moderator und Formatschwein bei DT 64 und elf anderen Radiostationen, Arbeiter in einer US-amerikanischen Textilfabrik, Buchhalter in einer türkischen Baufirma, Callcenterboy in einem Berliner Umfrageinstitut und Bulettengrillmeister in Hamburgerbuden. Außerdem: Einheitssozialist, Wehrdienstdrückeberger, notorischer Betriebsratsgründer, Aktivist und Funktionär in der DKPPDSSPD. Heute ist er Hersteller ungereimter Dichtungen. Zuletzt erschien auf diesen Seiten am 15./16. Juni 2019 die Kurzgeschichte »Wenn es Zeit wird«.

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