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Aus: Ausgabe vom 08.02.2020, Seite 11 / Feuilleton
Ideologiekritik

Wo hat Opa die Juden versteckt?

Schweres Geschütz gegen Germanomanie: Ein Sammelband mit Streitschriften des linken Polemikers Eike Geisel
Von Jakob Hayner
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Auf dem Weg zum Kranzabwurf: Helmut Kohl (l.) und Ronald Reagan (M.) am 5.5.1985 auf dem Militärfriedhof in Bitburg

Nachdem Eike Geisel 1997 verstorben war, musste sich die Nachwelt mit den Texten begnügen, die der Autor und Übersetzer zu Lebzeiten seiner Mitwelt passgenau an jene Stelle gehämmert hatte, hinter der sich bei den meisten Menschen mutmaßlich das Denkorgan befindet. Ein zarter Schreiber war Geisel selten, meist griff er zu den schwereren Geschützen der Polemik. Er wurde 1945 in Stuttgart geboren, wo man sich stillschweigend an dem Profit von »Arisierung« und Zwangsarbeit erfreute. Geisel war Teil der Protestgeneration um 1968, die dieses Schweigen brechen wollte. Wie auch sein Freund Wolfgang Pohrt polemisierte er später gegen die westdeutschen »Alternativen« als Verfallsform der 68er. Statt rücksichtsloser Kritik, wie Marx sie gefordert hatte, betrieben jene nämlich die Rückkehr ins nationale Kollektiv – so wurde der Frieden mit dem bundesdeutschen Kapital gemacht. Dass eine solche Heimkehr ins Reich der deutschen Ideologie kaum ohne antisemitische Unter- und Obertöne ablaufen konnte, blieb Geisel nicht verborgen. Spinnefeind war Geisel der »Germanomanie«, wie es der von Peter Hacks wieder zu Ruhm verholfene Saul Ascher schon vor über 200 Jahren ausgedrückt hatte, also jene krude Teutonenmischung aus romantischer Schwärmerei, Verachtung der Vernunft und juden- wie fremdenfeindlichen Ressentiments.

Vor ein paar Jahren hatte der Verleger Klaus Bittermann mit »Die Wiedergutwerdung der Deutschen« ausgewählte Werke Geisels wieder zugänglich gemacht. Nun hat er unter dem Titel »Die Gleichschaltung der Erinnerung« einen weiteren Band mit Texten aus den 70er bis 90er Jahren vorgestellt. Es handelt sich dabei um Essays, Vorträge, Gespräche und zahlreiche Artikel, die Geisel vor allem in der Taz, Konkret und der jungen Welt veröffentlichte. Eine solche Sammlung von Gebrauchstexten mit eingreifendem Charakter hat freilich den doppelten Nachteil, dass einerseits ihre Anlässe und Gegenstände teilweise kaum noch verständlich sind und sich andererseits manche Gedanken und Formulierungen wiederholen. So kann man aber immerhin mehrmals die hübsche Anekdote lesen, wie der liebe Herr Goethe einen Jakobiner vor dem Lynchmord durch konterrevolutionäre Getreue des Kurfürsten rettete. Geisels Denken ist deutlich geprägt von der kritischen Theorie Theodor W. Adornos und Max Horkheimers. Die in die BRD zurückgekehrten jüdischen Intellektuellen entzogen sich dem beredeten Schweigen und sprachen öffentlich über den Massenmord wie das Fortleben des deutschen Faschismus in der bürgerlichen Demokratie.

Als Helmut Kohl und Ronald Reagan 1985 mittels Kranzabwurf Angehörige der Waffen-SS in Bitburg ehrten und zugleich mit deren Opfern im KZ Bergen-Belsen gleichzusetzen versuchten, war das für Geisel ein weiterer Beweis für den Unwillen der BRD, sich mit den eigenen Fundamenten auseinanderzusetzen. Aus dieser Verdrängung entsprang für ihn ein neuer Hass auf die Opfer. Oft zitierte er den Satz: »Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen« (Zvi Rix). Die Staatsgründung Israels war für ihn eine Konsequenz aus dem Holocaust. Über deren Notwendigkeit diskutierte er nicht, über damit einhergehende Fehlentwicklungen durchaus – wie seine Auseinandersetzung mit den Arbeiten des israelischen Historikers Tom Segev zeigt. Geisel kannte das Land gut, sprach Hebräisch und publizierte in der linksliberalen Zeitung Haaretz. Wenig Verständnis hatte er für den bis heute anhaltenden Puschel deutscher Linker, sich durch möglichst rigorose Parteinahme im Nahen Osten als moralisches Weltgewissen aufzuspielen. Alles, was in dieser Hinsicht in Deutschland diskutiert wird, habe weit besser schon in Israel in der Zeitung gestanden, kommentierte Geisel lakonisch. Dass sich hingegen seine Epigonen inzwischen als Großkritiker des »linken« Antisemitismus inszenieren, und das ausgerechnet in der Springer-Presse, welche das rechte Rassisten- und Antisemitenpack hofiert, hätte ihn sicher sehr befremdet.

In dem titelgebenden Aufsatz »Die Gleichschaltung der Erinnerung« zeigt Geisel, dass sich das diffuse Interesse für die Vergangenheit bestens mit der Verdrängung deren politischen Implikationen verträgt. Neueste Untersuchungen geben ihm recht: Immer mehr Enkel der Nazis sind der Meinung, ihre Großeltern hätten Juden versteckt statt ermordet. Offenbar so gut versteckt, dass man sie nach Kriegsende nicht mehr wiedergefunden hat, wie es in einem bösen Witz heißt. Mit der Dämonisierung der untergegangenen DDR in den 90er Jahren sah Geisel eine weitere erinnerungspolitische Wende einsetzen: »Und es wird nicht mehr lange dauern, bis Honecker und Hitler in einem Atemzug genannt werden und etwa die Verstaatlichung von Produktionsmitteln als verschärfte Arisierung gelten wird. Da ist jeder Störenfried, der ernsthaft die Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus in der Demokratie prüft«. Die Vergangenheit und ihre Aufarbeitung waren für ihn kein Fetisch, sondern eine politische Aufgabe für die Gegenwart.

Eike Geisel: Die Gleichschaltung der Erinnerung. Kommentare zur Zeit. Edition Tiamat, Berlin 2019, 488 Seiten, 26 Euro

Debatte

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Gerhard Hanloser, Berlin: Differenziertere Rolle Jakob Hayner hat in seiner Rezension zu Eike Geisels Schriften leider einige Fehlinformationen über den großen Polemiker kolportiert, der ohne Frage typisch Deutsches gekonnt aufspießte. Falsch ist di...