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Aus: Ausgabe vom 08.02.2020, Seite 8 / Ansichten

Geschasster des Tages: Christian Prokop

Von Oliver Rast
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Kalt abserviert: Christian Prokop ist nicht mehr Bundestrainer der Handballmänner

Ein Beben soll es gewesen sein. Eines im Mikrokosmos des deutschen Handballsports jedenfalls. Bis Donnerstag mittag deutete seismologisch indes nichts darauf hin. Dann erschütterte eine Meldung die virtuellen Kanäle: Christian Prokop, Cheftrainer des Deutschen Handballbundes (DHB), sei nicht mehr im Amt. Ganze elf Tage nach der halb verpatzten Europameisterschaft mit Rang fünf im Endklassement.

DHB-Vize und Exmentor von Prokop, Bob Hanning, überbrachte als Botschafter die Entlassungsurkunde, bekannte er auf der DHB-Pressekonferenz am Freitag. Per Telefonat. Es soll bislang sein »beschissenstes« gewesen sein.

Prokop hätte vorgewarnt sein müssen. Verbale Jobgarantien bedeuten bekanntlich rein gar nichts. Wie sagte DHB-Sportvorstand Axel Kromer noch nach der EM: »Wir werden natürlich mit Christian in Richtung Olympia gehen.« Intern habe es »nie eine Diskussion« gegeben. Alles Lüge.

Spieler reagierten teils entsetzt, viele bekundeten Beileid. EM-Shootingstar Timo Kastening etwa: »Christian hat es mir ermöglicht, mein erstes Turnier zu spielen. Dafür werde ich immer dankbar bleiben«, sagte der Rechtsaußen am Donnerstag. Ausgerechnet Kasting, will man meinen. Denn: Richtmikrofone sind teuflisch, halten bei einer EM selbst den Smalltalk am Seitenrand zwischen Trainerstab und Spielern fest. »Äh, äh – wie heißt du?«, fragte Prokop sichtlich hilflos bei einem Timeout. Er meinte Kaste­ning, kam bloß nicht drauf. Eine Szene mit Symbolgehalt. Prokop wirkte in solchen Situationen des Turniers oft fahrig, klammerte sich an seine Taktiktafel, schob Magnetsteinchen hin und her, seine Schützlinge schauten derweil ins Leere. Wer sein Team mental nicht mehr erreicht, fliegt halt.

Nach der Eruption im Verband heißt der Neue Alfred Gislason, vormals Serienmeistermacher beim THW Kiel.

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