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Aus: Ausgabe vom 08.02.2020, Seite 2 / Inland
Christlicher Antisemitismus

»Verhöhnung der Juden unerträglich«

Christlicher Antisemitismus hat eine lange Tradition. Kontroverse um Schmähplastik an Kirche in Wittenberg. Ein Gespräch mit Uffa Jensen
Interview: Oliver Rast
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Antisemitische Schmähplastiken an christlichen Kirchen – hier: Lutherstadt Wittenberg

Das Oberlandesgericht in Naumburg, Sachsen-Anhalt, hat am 4. Februar entschieden, dass die antisemitische Schmähplastik »Judensau« aus der Zeit um 1300 an der evangelischen Stadtkirche in Wittenberg bleiben darf. Mit welcher Begründung?

Das Oberlandesgericht hat in seiner Begründung einerseits zugestimmt, dass diese »Judensau« oben am Gesims des Kirchenchors als solche eine Beleidigung darstellt. Es hat aber auch darauf verwiesen, dass die Gedenkplatte, die 1988 direkt darunter im Boden eingelassen wurde, den beleidigenden Charakter aufhebe, weil es somit als Ganzes ein Mahnmal darstelle.

Was wird eigentlich gezeigt?

Eine Sau, an deren Zitzen mehrere Juden saugen und deren Schwanz von einem Juden angehoben wird, um in ihren After zu schauen, in dem – so der Reformator Martin Luther in seiner Erläuterung der Plastik – der Talmud steckt. Das ist schon extrem ekelhaft, obszön und verhöhnend.

Wie bewerten Sie das lange diskutierte Gedenkkonzept der Gemeinde der Wittenberger Kirche?

Natürlich ist die verhöhnende Plastik am Kirchengesims wesentlich sichtbarer und markanter als die Gedenkplatte. Außerdem kann man schon anzweifeln, dass die Gedenkplatte wirklich den christlichen und vor allem lutherischen Judenhass kommentiert. Die Inschrift auf der Platte richtet den Fokus ja eher auf den Holocaust, was vor dem Hintergrund des Gedenkens in den 1980er Jahren auch sinnvoll erschien. Heute fragt man aber sehr viel genauer nach den historischen Traditionslinien des Antisemitismus, die bis in die Gegenwart nachwirken. Heute ist eine derart öffentliche Verhöhnung der Juden unerträglich.

Wie viele antijüdische Reliefs und Plastiken sind an christlichen Kirchen hierzulande bekannt?

Gezählt hat das, glaube ich, noch niemand. Es wäre auch extrem schwierig, weil Antijudaismus so durchgehend Teil des christlichen Selbstverständnisses war, dass es sich wirklich in vielen Symbolen zeigt. »Judensauen« gibt es zirka 40, eigentlich nur im deutschsprachigen Raum. Mich ärgert aber, dass in der Debatte über die Plastik in Wittenberg immer gleich alle anderen Fälle mitdiskutiert werden. Der Wittenberger Fall ist ein sehr besonderer, nicht vergleichbar mit den anderen. Die Wittenberger Stadtkirche war die Kirche Luthers, von der die Reformation ausging. Diese Plastik ist auch in Erinnerung daran 1570 erst an den heutigen Ort am Kirchengesims versetzt worden und erhielt zudem eine neue Überschrift: »Schem HaMphoras«. Das war der Titel der judenfeindlichen Schrift Luthers von 1543, in der er die Plastik sehr obszön beschreibt und begrüßt. Wir haben es hier eigentlich mit einer »Luthersau« zu tun, nicht mit einer einfachen »Judensau«. Wenn ich also dafür plädiere, diese »Judensau« zu entfernen, heißt das überhaupt nicht, dass ich das in den anderen Fällen auch fordern würde.

Welche mittelalterliche Bildersprache wird hierüber transportiert?

Beschimpfungen mit Schweinen sind sehr alt, wurden lange im Christentum genutzt, auch gegen Juden und Ungläubige. Gegen Juden eigneten sich solche Darstellungen besonders, weil Schweine in der jüdischen Religion als sehr unrein gelten. Das wussten Christen und nutzten dies häufig. Aber es gibt auch einen wichtigen Formenwandel. Die frühen Judensauen waren oft noch im Kircheninneren angebracht und sollten Christen vor jenem sündigen Leben warnen, wie es, dem christlichen Dogma entsprechend, Juden lebten. Erst mit der Zeit wurden diese Figuren auch außen angebracht und dienten dann vor allem der Verhöhnung der ortsansässigen Juden. Wenn man so will, war das die antijüdische Propaganda des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit.

Haben sich die evangelische und die katholische Kirche intensiv genug mit der Geschichte ihres Antijudaismus und Antisemitismus befasst?

Das finde ich schon. Ich beobachte auch, dass die Wittenberger »Judensau« unter vielen Christen heftig umstritten ist und viel Unbehagen hervorruft. Gleichwohl geht es manchmal auch um symbolische Handlungen der Distanzierung, nicht nur um eine inhaltliche Auseinandersetzung. Es gibt ja auch Stimmen in der evangelischen Kirche, welche diese »Judensau« abnehmen wollen, weil sie so eng mit dem Antisemitismus des Begründers ihrer Lehre verbunden ist.

Uffa Jensen ist Professor am Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus Hagen ( 8. Februar 2020 um 15:39 Uhr)
    Da steht explizit ab 1300 n. Ch.:"Judensau" und NICHT: "ANTISEMITENSAU" und Luthe ist Theologe und der Tallmud wird auch extra erwähnt, auch wen die Juden trotzdem als "Rasse" manchaml gesehen wurden.

    Wiso imr Anzsemitsmus geasagtwird, wo res um Juden gejt un due Arabe auch Semiten sind ist in sei mehr üblem AWbsichj schwer zu uenträtseln.

    In fre jUnge Welt hat dre Israleich Prfesor ZUckreamm ien Haugfe QArtikel sowir Bücvhr gechrieben, weil Linke als Antisemiten bezeichnet werden er persönlich auch! Duir CHrtsdme ud ngede die CDU sind an dda fein raus auds dre Judenverfolgung!

    "Das finde ich schon. Ich beobachte auch, dass die Wittenberger »Judensau« unter vielen Christen heftig umstritten ist und viel Unbehagen hervorruft. Gleichwohl geht es manchmal auch um symbolische Handlungen der Distanzierung, nicht nur um eine inhaltliche Auseinandersetzung. Es gibt ja auch Stimmen in der evangelischen Kirche, welche diese »Judensau« abnehmen wollen, weil sie so eng mit dem Antisemitismus des Begründers ihrer Lehre verbunden ist."

    Das wolil ich mekn WEt Luther als "intektuellen Giganten" und"Meistre" den Bibelkemeutikkrtiker un dThekigftekrtk Spinoza, Goezhe Einstein Buddha, den Yogis, Sufis, Marx und andern , der mern Phiospßhei udn Wissemnschaft insegdsamt, vorzieht sollte schon mit Direktzitatenknfrontiert werden'- in al ihr plumpem dREbeheit - es gab damals auch virl Analphebeten ud da elöbn war recht ländlich geprägt, ein Scheein war vileicht gar nciht als solche so überlnagesehen wie heute.

    Selbst heute bei dem viel Scvheiendfleidhcverzehrt, ist "Schwein" als Schinpmfwort twas "undankbar" da asmusu man schon sagen!

    "DEr Heidt ist willig undda Fleich ist achwach" steckt dahinter - wasw auf massive Sexualprdeie vewrweist.

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  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus Hagen ( 8. Februar 2020 um 15:39 Uhr)
    Da steht explizit ab 1300 n. Ch.:"Judensau" und NICHT: "ANTISEMITENSAU" und Luthe ist Theologe und der Tallmud wird auch extra erwähnt, auch wen die Juden trotzdem als "Rasse" manchaml gesehen wurden.

    Wiso imr Anzsemitsmus geasagtwird, wo res um Juden gejt un due Arabe auch Semiten sind ist in sei mehr üblem AWbsichj schwer zu uenträtseln.

    In fre jUnge Welt hat dre Israleich Prfesor ZUckreamm ien Haugfe QArtikel sowir Bücvhr gechrieben, weil Linke als Antisemiten bezeichnet werden er persönlich auch! Duir CHrtsdme ud ngede die CDU sind an dda fein raus auds dre Judenverfolgung!

    "Das finde ich schon. Ich beobachte auch, dass die Wittenberger »Judensau« unter vielen Christen heftig umstritten ist und viel Unbehagen hervorruft. Gleichwohl geht es manchmal auch um symbolische Handlungen der Distanzierung, nicht nur um eine inhaltliche Auseinandersetzung. Es gibt ja auch Stimmen in der evangelischen Kirche, welche diese »Judensau« abnehmen wollen, weil sie so eng mit dem Antisemitismus des Begründers ihrer Lehre verbunden ist."

    Das wolil ich mekn WEt Luther als "intektuellen Giganten" und"Meistre" den Bibelkemeutikkrtiker un dThekigftekrtk Spinoza, Goezhe Einstein Buddha, den Yogis, Sufis, Marx und andern , der mern Phiospßhei udn Wissemnschaft insegdsamt, vorzieht sollte schon mit Direktzitatenknfrontiert werden'- in al ihr plumpem dREbeheit - es gab damals auch virl Analphebeten ud da elöbn war recht ländlich geprägt, ein Scheein war vileicht gar nciht als solche so überlnagesehen wie heute.

    Selbst heute bei dem viel Scvheiendfleidhcverzehrt, ist "Schwein" als Schinpmfwort twas "undankbar" da asmusu man schon sagen!

    "DEr Heidt ist willig undda Fleich ist achwach" steckt dahinter - wasw auf massive Sexualprdeie vewrweist.

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