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Aus: Ausgabe vom 07.02.2020, Seite 15 / Feminismus
Eva Strittmatter

»Ich bin noch auf der Reise«

Autorin zwischen Hingabe und Entfaltungswillen: Eva Strittmatter (1930–2011) zum 90. Geburtstag
Von Christiana Puschak
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Die 2011 gestorbene Schriftstellerin Eva Strittmatter (undatiert)

Zeitlebens blieb die in Neuruppin geborene Dichterin Eva Strittmatter ihrer brandenburgischen Heimat verbunden: »Mich rühren die sandigen Wege / Im alten sandigen Land. / Die Heckenrosengehege. / Die Holderbüsche am Rand.« Hohe Auflagen erzielten ihre Gedichtbände in der DDR, schrieb sie doch für eine breite Leserschaft und in einem volksliedhaften Ton. Im Westen dagegen kannten sie lange Zeit nur weibliche Lyrikliebhaberinnen. Den Grund für ihre Bekanntheit nannte Eva Strittmatter selbst: »Ich schreibe von der einfachen Sache: / Geburt und Tod und der Zwischenzeit.« Ihre Verse sinnen über existentielle Fragen nach, sind eingängig und berühren. In ihnen spricht die Dichterin immer wieder vom Unterwegssein und Weggehen sowie von der Natur als einer »Konstante« ihres Lebens und ihrer Lyrik. Einsamkeit, Liebe, Angst und immer wieder Hoffnung sind weitere Themen ihres lyrischen Schaffens: »Ich muss etwas tun, ich muss eine Schale sprengen. Ich kann mich nur befreien durch Sprache, nur durch Worte.« Ihr Schreiben wurde für sie existentielles Ringen: »dieses Gefühl, sich eine Haut aus Worten zu machen […], was einen schützt«.

Geboren als Eva Braun am 8. Februar 1930 in Berlin als Tochter eines Bankkaufmanns und einer Näherin wuchs die spätere Dichterin mit einem jüngeren Bruder auf. In dem bildungsfernen Haushalt gab es keine Bücher, »nicht mal die Bibel«. Dennoch schrieb Eva bereits als Kind unter den Eindrücken der Natur ihre ersten Gedichte: »Mit zwölf Jahren entdeckte ich die Bäume […], diese großen Bäume beschützen mich, ja, sie reden mich an.« Gegen den Willen ihres Vaters setzte sie den Besuch eines Gymnasiums durch.

Konfliktreiche Beziehung

Eigentlich wäre sie gern Schauspielerin geworden, hatte doch die Bühne etwas Magisches für sie. Statt dessen studierte sie Romanistik und Germanistik an der Humboldt-Universität. Mit 20 heiratete sie, bekam einen Sohn und arbeitete beim Deutschen Schriftstellerverband der DDR als Lektorin und Gutachterin. Daneben veröffentlichte sie literaturkritische Beiträge in Zeitschriften und war Lektorin beim Kinderbuchverlag der DDR. 1966 erschienen sieben Gedichte von ihr in der Zeitschrift NDL, ehe sie 40jährig mit dem Band »Ich mach ein Lied aus Stille« debütierte, der seiner Authentizität wegen, dem Benennen von Ohnmacht, von Freude und Mut, dem Aussprechen von Zweifeln, geschätzt wurde: »Ich will aber nicht weise, / Ich will lebendig sein. / Ich bin noch auf der Reise.«

Noch vor ihrer Scheidung hatte sie den 18 Jahre älteren Schriftsteller Erwin Strittmatter kennengelernt. Beide ließen sich auf eine Liebesbeziehung ein, heirateten 1956 und lebten im Stechliner Ortsteil Schulzenhof. Dass ihre Beziehung nicht frei von Konflikten war, dass Erwin in Eva eher die Hausfrau denn die Dichterin sehen wollte, belegt der Briefwechsel der beiden. Er zeigt eine Frau zwischen Hingabe und eigenem Entfaltungswillen (»Mir fehlen nur die Schuhe, / Um in die Welt zu gehen«). Zugleich zeigt er, wie sehr beide aufeinander angewiesen waren. Nichtsdestotrotz wehrte sich Eva Strittmatter gegen die Eigenwilligkeit ihres Mannes, wenn sie sagte: »Unablässig transponiere ich meine Lebensspannung in Poesie.«

In Zeiten des Umbruchs machen ihre Texte Mut als Gegenentwurf zum belastenden Alltag. In der fast klassischen Schönheit ihrer Verse finden Menschen Halt, weil sie benennt, was andere in sich vergraben: Wünsche und Leidenschaften, aber auch Schwächen und Ängste. Zugleich warnt sie vor Vereinnahmung: »Wie hätte ich denn ahnen sollen, / Als ich begann, Gedichte zu schreiben, / Dass nun so viele sich an mir reiben / Und plötzlich erklären sie mich zum Genie / Und beugen vor mir das kritische Knie.«

An ihrem Wohnort schuf Eva Strittmatter sich in der Natur ein »Zimmer für sich allein«. Dort, rund um den Schulzenhof, war ihr »Studio«, ein »Bereich […], verhältnismäßig eng, vielleicht fünf, sechs Kilometer […] Aber diese Landschaft habe ich mir mit Gedichten durchstichelt.«

Schwere Einschnitte

Wie sie 1980 einem Brief anvertraute, »verwarf« sie »die Furcht, sentimental zu wirken«. Ihr lag vor allem an einer verständlichen Sprache: »Ich will aber einfach bleiben / Und nah am alltäglichen Wort.« Und an anderer Stelle: »Nichts ist mir so fremd, wie der Gedanke, anderen Leuten Lehren erteilen zu wollen.« Statt dessen zeigt sie Wege auf, sich aus Abhängigkeiten zu befreien: »Es ist sehr schwer, sich abseits zu stellen / und sich als Eigenprodukt zu versteh’n / Und ohne Verzweiflung in sich die Quellen / Von Glück und Unglück springen zu seh’n.«

Einen Einschnitt stellen die Jahre 1993 und 1994 dar. Kurz hintereinander sterben Erwin Strittmatter, ihr Sohn Matti sowie ihre Mutter. Mit Versen wie »Es ist nichts gescheh’n / Es wird nichts gescheh’n. / Wir dürfen nicht schreien, wir dürfen nicht weinen. / Wir fangen nur an, anders auszuseh’n« versucht sie sich selbst Trost zuzusprechen.

Noch einmal erfährt sie das Glück einer Liebe, einer Liebe zu einem »Schönen« – es ist eine Liebe ohne Happyend, die aber laut Eva Strittmatter doch »beweist, dass ich lebe«.

Bis zuletzt war ihr Bestreben, poetisch Kräfte und Gegenkräfte ins Gleichgewicht zu bringen: »Nicht mit den Worten will ich spielen, / Sondern das Leben will ich zwingen, / Dass es sich in Gesang verwandelt: / So wie man handelt, wird es singen, / Und es bleibt stumm, wenn man nicht handelt.«

Nach längerem Leiden starb Eva Strittmatter am 3. Januar 2011.

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