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Aus: Ausgabe vom 08.02.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Ungarn

»Leichenfledderer, haut ab!«

Budapest: Antifa organisiert Widerstand gegen Neonazis aus ganz Europa, die »Tag der Ehre« feiern
Von Matthias István Köhler
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Der Faschistenaufmarsch zum »Tag der Ehre« vor zwei Jahren am 10. Februar 2018 in Budapest

An diesem Wochenende wird die ungarische Hauptstadt wieder Gastgeber eines der größten und wichtigsten Vernetzungstreffen europäischer Faschisten sein. Zum nunmehr 22. Mal werden aus Anlass des »Tags der Ehre« Neonazis am Samstag in Budapest demonstrieren, marschieren und auf eine »Nachtwanderung« gehen. Sie »gedenken« damit deutschen Wehrmachtssoldaten, Angehörigen der Waffen-SS und kollaborierenden ungarischen Truppen und Pfeilkreuzlern, die am 11. Februar 1945 aus der Belagerung der Budapester Burg durch die Rote Armee »ausbrachen«. Von den 20.000 bis 25.000 Soldaten überlebten nur wenige hundert.

Wie auch im vergangenen Jahr werden die Neonazis wieder im Varosmajor-Park in der Nähe der Budapester Burg demonstrieren. Das Polizeipräsidium der ungarischen Hauptstadt hatte die Veranstaltung wie zwei weitere zwar verboten. Wie die sozialdemokratische Tageszeitung Nepszava allerdings am vergangenen Sonntag berichtete, wurde das Verbot von einem Gericht aufgehoben. Die Bezirksverwaltung antwortete auf eine Anfrage der Zeitung, »der Bezirksbürgermeister hat keine gesetzliche Möglichkeit, die Veranstaltung zu verhindern«. Gleichzeitig veröffentlichte die Verwaltung am Samstag auf ihrer Homepage eine Notiz, in der sie ihre Verwunderung über das Gerichtsurteil zum Ausdruck brachte. Auch in diesem Jahr sei damit zu rechnen, »dass Personen, die in Angst auslösende Uniformen gekleidet sind und Symbole der Willkürherrschaft tragen, aufmarschieren und damit das Gedenken an Tausende Menschen entehren.«

Die zwei anderen Neonaziveranstaltungen waren für den Kapisztran-Platz in der Budapester Burg geplant, wie zuerst das linke Nachrichtenportal merce.hu gemeldet hatte. Die Polizei lehnte dies mit der Begründung ab, dass die Veranstaltungen eindeutig mit dem »Tag der Ehre« in Zusammenhang gebracht werden könnten, und aus diesem Grund mit dem Erscheinen »extremistischer Gruppierungen« zu rechnen sei. Die Reden, Musik und überhaupt die gesamte Veranstaltung könnten die öffentliche Ordnung gefährden.

Zur Begründung des Beschlusses zitiert die Polizei eine Rede des Organisators Tibor Karoly Papp, die der anlässlich des »Ausbruchs« im vergangenen Jahr gehalten hatte: »Bis in die Tiefe meiner Seele berührt, verneige ich mich vor der Heldenhaftigkeit der Verteidiger Budapests. Im Winter 1944/45, als die rote Pest unsere wunderschöne Hauptstadt belagerte, Erwachsene und Kinder zusammen kämpften, Junge und Alte, Zivile und Soldaten, Ungarn und Deutsche.« Nach einem Lob der Beziehungen zwischen Ungarn und Deutschen heißt es weiter: »Auch heute ist Europa wieder bedroht. (…) Wir müssen zusammenhalten, sonst werden wir untergehen, werden wir verschluckt von dem dunklen Strom, den die zionistischen Ränke über uns gebracht haben.« Zusammenfassend hieß es in der Rede im vergangenen Jahr: »Nur so können wir unser Ziel erreichen: das weiße Europa, in dem unsere Kinder und Enkel glücklich und in Sicherheit leben können.«

Wie in den letzten Jahren wurde allerdings auch diesmal die »Wandertour in Erinnerung an den Ausbruch« nicht verboten. Die Teilnehmer tragen unter anderem Wehrmachtsuniformen und beginnen ihre Wanderung in der Stunde, in der auch der sogenannte Ausbruch begann. Sie marschieren die 60 Kilometer, die die »Helden« 1945 zurücklegen wollten, um die deutsch-ungarische Linie zu erreichen.

Es gibt aber auch neue Entwicklungen, was den Widerstand gegen die Aufmärsche der Faschisten anbelangt. Wie die Bürgermeisterin des 1. Bezirks der Hauptstadt, Marta Naszalyi, gegenüber merce.hu sagte, werde der Bezirk zwischen dem 8. und 11. Februar eigene Veranstaltungen planen, um an die Belagerung Budapests zu erinnern. »Hier sind etliche Menschen unter unwürdigen Verhältnissen gestorben. An sie möchten wir erinnern,« zitierte das Portal Naszalyi am Montag. Genauere Angaben machte sie zunächst nicht, bekannt wurde, dass den Neonazis auch der Platz genommen werden soll, um aufmarschieren zu können.

Darüber hinaus ist wie in den vergangenen Jahren auch mit Gegendemonstrationen von antifaschistischen Gruppen und Romaverbänden zu rechnen. Die Gruppen »Autonomia« und »Antifainfo Budapest-Hun« beispielsweise haben in den »sozialen Medien« unter dem Motto »Leichenfledderer, haut ab!« zu Widerstand gegen die Neonazis aufgerufen. »Budapest ist kein faschistischer Versammlungsort!«, heißt es dort.

Der Artikel wurde mit Material und in Zusammenarbeit mit den Gruppen »Autonomia« und »Antifainfo Budapest-Hun« geschrieben.

Hintergrund: »Tag der Ehre«

Die erste »Gedenkveranstaltung« anlässlich des sogenannten Tags der Ehre wurde 1997 von der Organisation »Ungarische Nationale Front« (MNA) abgehalten. Geführt wurde diese Gruppe von dem 1940 geborenen Rechtsterroristen István Györkös, der im vergangenen Juni wegen des Mordes an einem Polizisten im Jahr 2016 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde.

Auch 1998 und 1999 marschierten die Faschisten in der Budapester Burg auf. 1999 kam es allerdings zu einer Schlägerei, als Spezialeinsatzkräfte bei einem im Anschluss stattfindenden Neonazikonzert eine Razzia durchführten. Während der ersten Regierungszeit Viktor Orbans (1998–2002) gab es keine weiteren »Gedenkveranstaltungen«.

Der nächste Aufmarsch wurde im Jahr 2003 auf dem Kossuth-Platz vor dem Parlament von der zwei Jahre später verbotenen Gruppierung »Ver es Becsület Kulturalis Egyesület«, dem ungarischen Ableger des »Blood and Honour«-Netzwerkes, organisiert. Danach wurde der »Tag der Ehre« bis ins Jahr 2012 auf dem Heldenplatz in Budapest abgehalten, mit immer wachsender Anzahl an Teilnehmern. Seitdem wird auch die »Ausbruchswanderung« organisiert, die bis heute stattfinden darf.

Nach längeren internen Querelen in der Neonaziszene gibt MNA 2012 bekannt, nicht mehr die zentrale Veranstaltung organisieren zu wollen. Dies wird übernommen von den Gruppierungen »Pax Hungarica« und der »Nationalen revolutionären Partei«.

Die Teilnehmer an den Aufmärschen und der »Nachtwanderung« sind neben Ungarn hauptsächlich Neonazis aus ganz Europa oder Weltkriegsveteranen, die mit dem Faschismus sympathisieren, oder deren Nachkommen. Vor allem aus der BRD sind in den vergangenen Jahren viele Faschisten zum »Tag der Ehre« nach Budapest gereist. (Antifainfo Budapest-Hun)

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