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Aus: Ausgabe vom 05.02.2020, Seite 2 / Feuilleton
Medien im Faschismus

»Die Nazis waren immer die anderen«

Bauer-Verlag profitierte im Faschismus und ist für Tarifflucht und gewerkschaftsfeindliches Betriebsklima bekannt. Ein Gespräch mit Kersten Artus
Interview: Kristian Stemmler
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Verlagsgruppe »Bauer Media Group« ignoriert Firmengeschichte während des Faschismus

Viele Verlage haben sich mit ihrer Rolle im Faschismus befasst. Eine Ausnahme ist die »Bauer Media Group« in Hamburg. Recherchen von NDR und Spiegel haben ergeben, dass der Verlag vom Naziregime profitiert hat. Wie sah das aus?

Glaubt man den uns vorliegenden Dokumenten, wurden beide, Heinrich Bauer und sein Sohn Alfred, unter den Nazis reich: durch die Erlaubnis zur Herausgabe der Funk-Wacht und durch den Erwerb jüdischen Eigentums seit 1933. Die Funk-Wacht hatte das Monopol im Norden Deutschlands für das Rundfunkprogramm, und schon damals waren Zeitschriften eine Lizenz zum Gelddrucken, glaubt man einer steuerlichen Übersicht von 1933 bis 1935. Beide sammelten über die Zeit ein Vermögen von etwa einer Million Reichsmark an. Zum Vergleich: Arbeiter hatten damals ein Jahreseinkommen von bis zu 1.500 Reichsmark.

War die Funk-Wacht ein unpolitisches Projekt?

Wenn man die Funk-Wacht durchblättert, wird der Hitlerkult sehr deutlich. Arier wurden hofiert, und es wurde Kriegspropaganda betrieben. Dazwischen nette Unterhaltung. Die Funk-Wacht war meiner Einschätzung nach ein wichtiger Teil der NS-Medien- und Propagandastrategie. Alfred Bauer war NSDAP-Mitglied und soll Immobilien jüdischer Eigentümer zu günstigen Preisen erworben haben. Es gibt eine Übersicht der von ihm gekauften Häuser in der Nazizeit, von denen er mehrere ab 1935 von den jüdischen Besitzern erworben hatte. Bei den Häusern im Eppendorfer Weg 221, Hoheluftchaussee 91 und 93 war er der Käufer, aber im Namen der Heinrich Bauer OHG. Auch bei dem jüdischen Unternehmen »Kaufhaus Hoheluft« von Paul Dessauer war die Heinrich Bauer OHG beteiligt. Und dahinter stehen fürchterliche Schicksale: Die Besitzer wurden von den Nazis verfolgt, bevor sie an Alfred Bauer verkauften.

Über die Zeit von 1933 bis 1945 wird bei Bauer offenbar bis heute ungern geredet. Haben Sie das in Ihrer Zeit beim Verlag auch so wahrgenommen?

Es wurde einfach totgeschwiegen. Ist ja auch nicht unüblich. Nazis waren immer die anderen. Nazis waren Monster und nicht der Nachbar von nebenan – und schon gar nicht der Unternehmer. Auf der Firmenwebsite wird die Historie so dargestellt, als habe es zwischen 1933 und 1945 einen unternehmerischen Stillstand gegeben.

Der Bauer-Verlag ist in der Branche für seinen zweifelhaften Umgang mit Mitarbeitern und Betriebsräten bekannt. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Nach über 30 Jahren ­Bauer-Zugehörigkeit kann ich zu Tarifflucht, Aufspaltung von Betriebsräten und prekären Anstellungsbedingungen Bücher füllen. Aber wichtiger sind die Zusammenhänge. Eine Lehre aus dem Faschismus sind auch das Betriebsverfassungsgesetz und die Koalitionsfreiheit wie das freie Zutrittsrecht der Gewerkschaften in den Betrieb. Mit dem exzessiven Ausnutzen rechtlicher Möglichkeiten und einem gewerkschaftsfeindlichen Klima hat Bauer gezeigt, dass aus der Geschichte nichts gelernt wurde. Das andere ist die publizistische Seite: Der Konzern hat etwa den Landser herausgegeben und nach heftiger Kritik zunächst weiterhin verteidigt.

Nach den Berichten über die Verstrickungen im Faschismus will Bauer einen Historiker beauftragen. Soll damit nicht eher die Öffentlichkeit beruhigt werden?

Ich glaube, man ist ehrlich betroffen von den bekanntgewordenen Verstrickungen. Ich hoffe daher, dass das genutzt wird, um jahrzehntelang Versäumtes nachzuholen. Die Frage ist aber, wie das erfolgt. Wir haben mit unserer Initiative das Unternehmen gebeten, nach den Grundsätzen der Freiheit der Wissenschaft bei der Auftragserteilung und -forschung zu verfahren, und vorgeschlagen, dass auch über die Zeit bis 1945 hinaus geforscht werden muss. Etwa, ob auch später noch Nazis im Verlag gearbeitet haben. Das hat sich das Unternehmen nicht zu eigen gemacht. Dabei fanden nach 1945 Nazis schnell wieder Anstellungen, auch als Redakteure. So auch in der Neuen Funk-Wacht von Heinrich Bauer nach 1949. Das steht zumindest in dem Buch von Thomas Bauer »Programmpresse 1923–1941«. Die Bauer Media Group sollte es sich vielleicht mal besorgen.

Kersten Artus ist Journalistin und war über 30 Jahre lang in mehreren Betriebsräten der »Bauer Media Group« tätig, zeitweise als Vorsitzende. Zudem ist sie Vorsitzende von »Pro Familia Hamburg« und war von 2008 bis 2015 Abgeordnete der Fraktion Die Linke in der Bürgerschaft

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