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Aus: Ausgabe vom 04.02.2020, Seite 11 / Feuilleton
Liedermacher

Es macht Durst

Götz Widmanns Album »Tohuwabohu«
Von Harald Justin
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Wilder Hund der Szene: Götz Widmann

Im 19. Jahrhundert befand sich die Arbeiterklasse im Würgegriff des Weinbrandteufels. Friedrich Engels geißelte in seinen »Briefen aus dem Wuppertal« die Folgen: sittliche und moralische Verkommenheit und die zunehmende Unfähigkeit, »schöne deutsche Volkslieder« zu singen. Statt dessen erklängen überall »Zotenlieder«.

Heute ist Alkohol immer noch die Volksdroge Nummer eins, aber Wein, Bier und Schnaps teilen sich nun einträchtig die Rolle des Suchtdämons. Dass ganze Landesteile und Städte im Suff darniederliegen, diese Furcht hat sich indes nicht bewahrheitet. Statt dessen herrscht kontrollierte Sucht. Die »schönen Volkslieder« sind immer noch verklungen, und wer jemals auf dem Oktoberfest oder dem Ballermann war, weiß, dass die gegrölten »Zotenlieder« geblieben sind. In anderen Worten: Obwohl Alkohol zum Alltag gehört, gibt es keine intellektuell genusskompatible Musikkultur, die zur Schampus- oder Fuseleinnahme passt.

Vor allem im Schlager und Rock herrscht Stille. Also da, wo einst Paul Kuhn dem Mann am Klavier ein Bier bestellte, Hans-Arno Simon zum »Wodka-Fox« einlud, »Griechischer Wein« besungen und dem Bommerlunder gehuldigt wurde.

Und genau deswegen braucht es einen wie Götz Widmann, der sein Maul aufmacht, seit Jahrzehnten als wilder Hund der Szene gilt. Die Musik ist poppig flott, was den subversiven Charakter der politisch völlig unkorrekten Texte noch verstärkt. Das Timbre von Widmanns Stimme ähnelt dem von Rio Reiser, und er singt, immer mit einem Schuss Selbstironie und Herzblut, von einer kleinen Kneipe, von Hanf und Hopfen, fließendem Bier und zeigt den Nazis den Stinkefinger.

Gut so, das hat Charme und Schalk und macht Durst. Zeilen wie »Wir sind die Zukunft, was wollen wir / saubere Natur, fließendes Bier« möchte man sich nicht verschließen. Von zwölf Titeln qualifizieren sich gleich vier für eine potentielle Bestenliste des kultivierten Alkgesangs. Stößchen – auch zum Gedenken an den 1820 geborenen Friedrich Engels, der nach seinem Tod Weine und andere Spirituosen im Wert von 227 Pfund hinterließ. Der Bonvivant wusste den Trinkgenuss zu kultivieren. Trinklieder verfasste er leider keine.

Götz Widmann: »Tohuwa­bohu« (Ahuga!/Alive)

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