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Metadaten

Von Helmut Höge
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Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat 6.500 Mitarbeiter und residiert im zweitgrößten Gebäude Berlins, sein Jahresbudget liegt bei 977,883 Millionen Euro (Soll 2020), er leitet monatlich 1,3 Milliarden Metadaten an einen US-Geheimdienst, die »National Security Agency« (NSA) weiter. Der Spiegel schrieb 2013: »Der BND übermittelt in großem Umfang Metadaten aus der eigenen Fernmeldeaufklärung an die wegen ihrer Datensammelwut umstrittene US-Behörde NSA.«

Das Internetforum »geheimdienste-vor-gericht.de« zählte zu den »Tricks des BND« 2016 »die Metadaten-Theorie«, d. h. »die Auffassung des BND, Metadaten seien keine personenbezogenen Daten und fielen daher nicht unter der Bundesdatenschutzgesetz«. Man stellt sich für gewöhnlich unter »Metadaten« irgendwelche kryptischen Computerzeichen vor, die alle irgendetwas bedeuten. Wikipedia weiß es besser: »So werden auch Angaben von Eigenschaften eines einzelnen Objektes (beispielsweise ›Personennamen‹) als dessen Metadaten bezeichnet.«

Objektiver geht’s nicht! Die »einzelnen Objekte«, das sind wir, d. h. der eine oder andere vielleicht nicht (der behält dann zunächst seinen Subjektstatus), aber die Masse macht’s!

Das BND-kritische »netzwerk.org« meldete 2018: »Der Bundesnachrichtendienst erklärt, Telefonmetadaten nicht mehr widerrechtlich in der Datei ›Veras‹ zu speichern. Damit reagiert er auf die ›BND-Generator‹-Aktion von Reporter ohne Grenzen. Seit wann genau der Geheimdienst sich in dieser Frage an das Recht hält, will er nicht verraten.« Dabei ging es um die widerrechtliche Speicherung und Verarbeitung von Metadaten deutscher Bürgerinnen und Bürger in der Datenbank »Verkehrsanalysesystem« (Veras).

Auf Wikipedia heißt es über die »Metadaten«: »Anwendern von Computern ist oft nicht bewusst, dass Daten über nicht unmittelbar erkennbare Metadaten verfügen und dass diese unter Umständen einen größeren Nutzen für Computerkriminelle oder Behörden haben als die Daten selbst.« Die »Objekte« werden individualisiert: Zu den Metadaten zählt zuvörderst der Name des Betroffenen. Zu den Metadaten einer Computerdatei gehören »unter anderem der Datei­name, die Zugriffsrechte und das Datum der letzten Änderung«.

Geheimdienste greifen relevante Informationen aus Datenströmen mit Hilfe von »Selektoren«, festgelegten Suchmerkmalen, ab. Ein Selektor kann laut Wikipedia Metadaten wie einzelne E-Mail-Adressen, Telefonnummern, Keywords, URL, Geokoordinaten, MAC-Adressen betreffen oder die Kommunikation eines ganzen Landes. Die Datenströme kommen aus geheimdienstlichem Abzapfen eines Tiefseekabels unter dem Atlantik (über das ein Großteil der deutschen Überseekommunikation läuft), über Internetknotenpunkten, Satellitenkommunikation bzw. Telefon- und Onlineanbietern.

Für den italienischen Philosophen Matteo Pasquinelli wird mit der Datenexplosion eine neue Steuerungsform möglich: eine »Gesellschaft der Metadaten«. Hierbei könnten mit Metadaten neue Formen der biopolitischen Steuerung zur Kontrolle der Massen und Verhaltenssteuerung etabliert werden, Wikipedia erwähnt »Onlineaktivitäten in sozialen Netzwerken oder Passagierströme in öffentlichen Verkehrsmitteln«. Für Pasquinelli bestehe das Problem nicht darin, »dass Individuen wie in totalitären Systemen auf Schritt und Tritt überwacht werden, sondern vermasst werden und die Gesellschaft als Aggre­gat berechenbar und kontrollierbar werde«.

Man denkt für gewöhnlich: Mensch, sollen die doch all den Scheiß speichern, den man den ganzen Tag »kommuniziert« (früher hat man miteinander geredet, heute muss man kommunizieren!). Die werden an der von ihnen totalitär losgetretenen Datenflut noch ersticken. Der Witz daran ist nämlich, dass die weltweit wichtigsten Geheimdienste die alten Führungsoffiziere, die sich um ihre Informanten persönlich kümmerten, aus dem Verkehr gezogen und dafür Tausende junge Computernerds eingestellt haben. Dieser Paradigmenwechsel wird als »Krise der Geheimdienste« wahrgenommen. Ähnlich ist es in der Naturwissenschaft: Früher gab es die »organismische Biologie« mit ihrer Feldforschung, heute die Genetik mit ihren »Daten« – und auch dabei ist die Rede von einer »Krise«. Geheimdienste und Naturwissenschaften eint, dass sie auf immer mehr Daten hoffen, um ihre Deutungen zu objektivieren.

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