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Aus: Ausgabe vom 03.02.2020, Seite 15 / Politisches Buch
Antikommunismus

Krawall am Bahnhof

Antikommunistischer Furor: Fallstudie zur Schweiz im Kalten Krieg
Von Ulrich Schneider
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Am Bahnhof Zürich-Enge lauerte 1957 ein aufgehetzter Mob Rückkehrern von den Weltjugendfestspielen in Moskau auf (Aufnahme von 2014)

Es ist ein gängiges Fehlurteil, dass die Schweiz, ein neutraler Staat und Sitz zahlreicher Organisationen der Vereinten Nationen, sich aus den weltpolitischen Konfrontationen des vergangenen Jahrhunderts herausgehalten hätte. Wie verkehrt diese Annahme ist, zeigt das Buch »Heiße Fäuste im Kalten Krieg« von Rafael Lutz an einem exemplarischen Fall. Er weist nach, dass trotz der offiziellen »Neutralität« ein militanter Antikommunismus das innenpolitische Klima in den 1950er und 1960er Jahren prägte.

Der Ausgangspunkt seiner Darstellung ist der 11. August 1957. Eine große Gruppe junger Schweizer kehrte mit einem Sonderzug von den Weltjugendfestspielen in Moskau zurück – die ersten von etwa 350 Schweizern, die daran teilgenommen hatten. An den Außenwänden des Zuges stand in vielen Sprachen das Wort »Frieden«. In Zürich-Enge angekommen, wurden sie jedoch von einem aufgehetzten Mob empfangen. Die Neue Zürcher Zeitung hatte auf ihrer Nachrichtenleuchtwand vor dem Bahnhof den Ankunftstermin der »Moskauwallfahrer« angekündigt – verbunden mit der suggestiven Frage: »Wie wird sie die Züricher Bevölkerung empfangen?« Schließlich erwarteten mehrere hundert Demonstranten die »Landesverräter«. Sie griffen die Ankommenden an, verprügelten sie, steckten zum Teil ihr Gepäck in Brand. Auch Hieb- und Stichwaffen wurden eingesetzt. Im katholischen Basler Volksblatt, das mit den Randalierern in jeder Hinsicht sympathisierte, wurde danach das »sehr diskrete« Verhalten der Polizei gelobt.

Die Rückkehr der zweiten Reisegruppe verlief glimpflicher, da viele Jugendliche – vorgewarnt durch Vertreter der Partei der Arbeit (PdA) – an einem Vorortbahnhof den Zug verließen, während andere über Zürich hinaus fuhren. An diesem Tag hatten sich über tausend antikommunistische Schläger am Bahnhof versammelt. Trotz der Erfahrungen vom 11. August waren nur 22 Polizisten vor Ort.

Nach diesen Vorfällen wurde nicht gegen die Gewalttäter ermittelt, sondern die Überwachung der PdA deutlich ausgeweitet. Seit den 50er Jahren ließ die Bundesanwaltschaft über 900.000 Schweizer überwachen und Dossiers über sie erstellen. Beispiel Otto Waser, ein »zweifellos gefährlicher Kommunist«: Seine Observierung dauerte bis 1989. Vermerkt wurde seine Teilnahme an den Weltfestspielen 1951 in Berlin, 1953 in Bukarest, 1957 in Moskau und 1973 in Berlin. Aktenkundig ist auch, dass er im November 1970 gegen die Todesstrafe für baskische Franco-Gegner demonstriert und im März 1971 »Freiheit für Angela Davis« skandiert hatte.

Rafael Lutz hat auf der Grundlage intensiver Quellenstudien und umfangreicher Befragungen von Zeitzeugen der »Bahnhofskrawalle« eine äußerst lesenswerte Fallstudie aus dem Alltag des Kalten Krieges verfasst. Selbst die NZZ räumte ein, der Autor zeige »das erschreckende Bild einer Schweiz, die in ihrem antikommunistischen Furor mehr als nur eine moralische Leitlinie zu überschreiten bereit war«.

Rafael Lutz: Heiße Fäuste im Kalten Krieg. Antikommunistischer Krawall beim Bahnhof Zürich-Enge 1957. Limmat, Zürich 2019, 127 Seiten, 32 Euro

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