Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Gegründet 1947 Sa. / So., 28. / 29. März 2020, Nr. 75
Die junge Welt wird von 2267 GenossInnen herausgegeben
Probeabo abschließen und weiterempfehlen Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Aus: Ausgabe vom 03.02.2020, Seite 15 / Politisches Buch
Debatte über ökologische Krise

Vom Zirkulationsmar­xismus

Schrumpfen statt Klassenkampf? Bruno Kerns Plädoyer für einen Ökosozialismus
Von Christian Stache
RTX78WSM.jpg
Ein Fall von »Öko-Keynesianismus«? US-Präsidentschaftsbewerber Bernard Sanders (M.) in Washington (14.11.2019)

Im Zentrum von Bruno Kerns Buch »Das Märchen vom grünen Wachstum« steht die Kritik der »Ideologie technischer Machbarkeit« einer ökologischen Modernisierung des Kapitalismus, wie sie von den Vertretern des »marktwirtschaftlich-grünen Mainstreams« verfochten wird. Die Argumentation des Mitbegründers der »Initiative Ökosozialismus« basiert auf folgender These: Die Entwicklung »grüner« Technologien, insbesondere in der Energiebranche mit erneuerbaren Ressourcen, ist keineswegs so weit fortgeschritten, dass man Produktion und Konsumtion auf dem gegenwärtigen Niveau, nur mit »grüner« Energie betrieben, belassen könnte. Wachsen dürfe die Ökonomie erst recht nicht mehr, zumindest wenn man das Überleben der Zivilisation gewährleisten wolle. Andere »marktkonforme Steuerungsinstrumente« ökologischer Modernisierung, wie Ökosteuern oder Zertifikatehandel, seien dafür noch weniger geeignet. Auch dem »Öko-Keynesianismus« erteilt Kern eine Absage, weil dieser, etwa in Form von »Green-New-Deal«-Vorschlägen, letztlich ebenfalls auf der Fortsetzung des Wirtschaftswachstums fuße.

Vielmehr brauche es eine ökosozialistische Organisation der Gesellschaft und ihres Verhältnisses zur Natur. Das heißt: die Vergesellschaftung und demokratische Kontrolle der Produktionsmittel mit zentraler Planung, zunächst über einen »starken Staat«, dann dezentral und partizipativ, gekoppelt mit einem »konsequenten Rückbau unserer Indus­triegesellschaft« bis auf ein nachhaltiges Niveau, auf dem dann eine sogenannte stationäre Wirtschaft eingerichtet wird.

Für die Initiierung der »industriellen Abrüstung« heute unterbreitet der Autor zahlreiche, überwiegend veritable Vorschläge: vom Abbau von Subventionen für ökologisch schädliche Produktion und Waren über den sofortigen Kohleausstieg, Ausbauverbote für Flughäfen und Straßen bis hin zur Vergesellschaftung der Energieversorgung und zur »organisierten Verknappung des Energieangebots« – dem »Schlüssel für einen Ausstieg aus der Wachstumsgesellschaft«.

Allein diese Überlegungen böten schon ausreichend Anlass für Streit: Kerns Begriffe von »Industriegesellschaft« und »Industrialismus« werden nicht bestimmt und scheinen eher bürgerlicher Wirtschaftssektorenlehre entnommen als kritischer Gesellschaftstheorie. Ferner greift er zwar zu recht die technokratischen Argumente für einen begrünten Kapitalismus an. Sein Beharren auf einer »absoluten Schranke« der Ökologie, als Kritik postmoderner Naturrelativierung richtig, ist aber einseitig. Kern berücksichtigt nicht einmal die Möglichkeit (!) neuartiger »grüner« Produktivkraftentwicklungen.

Diese, nur grob angedeuteten Probleme aus dem Hauptteil des Buchs bekommen eine größere Tragweite, wenn man die rahmenden Kapitel einbezieht. In diesen legt Kern seine Positionen zum Ökosozialismus dar, wärmt ökologisch motivierte – und bereits widerlegte – Kritik an Marx auf und versucht, die Konsumkritik zu rehabilitieren.

Allerdings: Kerns »Thesen« zur »Konsumverweigerung als politischer Strategie« sind kein plumpes Plädoyer für grünliberale Verbraucherpolitik. Sie sind eine knappe, gleichwohl teils differenzierte Erörterung der Vor- und Nachteile von »Konsumverweigerungskampagnen«. Der Autor überschätzt deren Potential jedoch maßlos. Interessant ist auch, welche Fraktionen der Gesellschaft »Maß halten« sollen: Niemand werde gezwungen, zum »Urlaub nach Mallorca zu fliegen«. Die prominente Rolle und positive Bewertung der kulturrevolutionären Konsumentsagung indizieren eine Schieflage in Kerns politisch-theoretischem Arrangement.

In den »Grundzügen« seiner politischen Positionen behauptet er nämlich, »die Hauptursache der Naturzerstörung und der weltweiten Prozesse (…) des ökonomischen Ausschlusses« sei »das kapitalistische Wirtschaftssystem«. Anschließend reduziert er Kapitalismus allerdings auf Konkurrenz plus Wachstumszwang und »Fetischismus«. Kern betreibt also, wenn man so will, ökologischen Zirkulationsmarxismus. An die Stelle der Klassen- und Ausbeutungsverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit in der Produktion tritt bei ihm ein neuer Hauptwiderspruch. Dieser verläuft angeblich zwischen »der Gattung Mensch« und den ökologischen Grenzen sowie zwischen den Lebensweisen in Nord und Süd. Gemeint ist die sogenannte imperiale Lebensweise. »Die unmittelbaren Interessen der abhängig Beschäftigten in den Industrieländern«, so Kern, deckten sich nicht mit dem Interesse am Erhalt der elementaren Lebensgrundlagen. Den Platz des kämpfenden Proletariats nehmen dann »Initiativen«, »relativ autonome lokale Gemeinschaften« und zunächst ein »starker Staat« (genutzt von wem eigentlich?) ein, den Platz des Klassenkampfs eben Strategien des Konsumverzichts. Da überrascht es dann auch nicht, dass Kern zusätzlich entlang des ökologischen Fußabdrucks »das Bevölkerungswachstum« thematisieren will und den Sozialismus »als ethisches Projekt neu zu entdecken« gedenkt.

Bruno Kern: Das Märchen vom grünen Wachstum. Plädoyer für eine solidarische und nachhaltige Gesellschaft. Rotpunkt, Zürich 2019, 240 Seiten, 15 Euro

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Heinrich Hopfmüller: Technik ist sehr wohl soweit Zitat: «Die Entwicklung ›grüner‹ Technologien ... ist keineswegs soweit fortgeschritten, dass man Produktion und Konsumtion auf dem gegenwärtigen Niveau, nur mit ›grüner‹ Energie betrieben, belassen k...
  • Klaus Peters: Aufklärung Was bleibt zu tun? Auf die Umsetzung kommt es an. Am Anfang muss eine umfassende und nachhaltige Aufklärung stehen. Täglich eine Seite, eine Sendung und mindestens zwei Wochenstunden zur Wachstumsprob...
  • alle Leserbriefe

Mehr aus: Politisches Buch

Drei Wochen kostenlos: jetzt probelesen!