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Aus: Ausgabe vom 30.01.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Tellkamp im Tumult

Von Michael Bittner
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»So lieben wir unser beschauliches Dresden« – Frauenkirche in Pfütze

Kaum einen Satz hört man von den Sprechern der Ultras des Fußballvereins Dynamo Dresden häufiger als diesen: »Mir sin und bleim unbolidisch!« Zu Pegida sagt man nichts, schon weil montags auch viele in Schwarz-Gelb spazierengehen. Mancher sächsische Kulturbürger hält es ebenfalls lieber mit der »Neutralität«, wann immer sich die Gelegenheit böte, nicht nur Geist, sondern auch Mut zu zeigen. Drei Jahrzehnte der Indoktrination durch die herrschende Staatspartei nach der Maxime »Kümmert euch nicht um Politik und wählt CDU!« haben gewirkt.

So begründete nun auch der »Förderverein«, der das prächtige Lingnerschloss auf dem Dresdner Elbhang verwaltet, mit seinem »Neutralitätsgebot« die Absage einer Lesung des Nationalschriftstellers Uwe Tellkamp. Die Zeitschrift Tumult, in deren Veranstaltungsreihe die Lesung stattfinden sollte, gilt als rechtsradikal. Mit solchen Leuten wollen die Schlossherren lieber nichts zu tun haben. Aber offen sagen kann man das nicht, ohne sich dem schrecklichen Verdacht auszusetzen, man habe eine politische Haltung. Da hilft die Zuflucht zu der Feigheit, die sich »Neutralität« nennt. Dass es eine Literatur, die nicht politisch wäre, gar nicht gibt, hat sich glücklicherweise bis nach Dresden noch nicht herumgesprochen. Sonst müsste das Lingnerschloss alle Lesungen absagen. Wie leicht entfleucht selbst dem vorsichtigsten Autor eine Meinung!

Über »linke Gesinnungsdiktatoren und Hypermoralisten« empörte sich in der Affäre pflichtschuldig die AfD. »Es ist ein unhaltbarer Angriff auf die Meinungsfreiheit, wenn weltbekannte Schriftsteller keine öffentlichen Lesungen mehr halten dürfen.« Das stimmt, aber was hat das mit Uwe Tellkamp zu tun? Der Mann, an dessen Weltgeltung nur in Deutschland kein Zweifel besteht, trotzt dem Leseverbot am 7. März im schon ausverkauften Kulturhaus Loschwitz. Ob er nach dieser Lesung im Gefängnis übernachten wird oder in seiner Villa, bleibt abzuwarten. Sogar die Vereinsmeier vom Lingnerschloss versichern inzwischen, Tellkamp sei durchaus noch immer willkommen, nur bitte ohne politischen »Tumult«. So lieben wir unser beschauliches Dresden: Ein bisschen Hass darf’s schon sein, wenn nur das kostbare Porzellan dabei nicht zu Bruch geht.

Die lang erwartete Veröffentlichung des neuen Kolossalromans von Tellkamp wurde übrigens gerade zum wiederholten Mal verschoben. Gerüchten zufolge graust es den Angestellten bei Suhrkamp vor dem Schund. Aber der Verlag kann das Manuskript nun leider nicht mehr dahin befördern, wo es am besten aufgehoben wäre. Das wäre ja Zensur! Dabei würde so eine robuste Form des Lektorats sicher auch auf Zustimmung stoßen – wenigstens bei allen Freunden guter Literatur.

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