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Aus: Ausgabe vom 30.01.2020, Seite 7 / Ausland
Brasilien

Indigenen droht Auslöschung

Ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt: In Brasilien treibt Bolsonaro die ökonomische Erschließung indigener Territorien voran
Von Hannah Lorenz
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Indigene des Stammes der Yudjá während des viertägigen Treffens in Piaraçu im Bundesstaat Mato Grosso (17.1.2020)

Er wolle »richtige Menschen« aus ihnen machen, sagte Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro. Immer wieder gibt der Staatschef vor, für die indigenen Bürger seines Landes nur das Beste zu wollen. Um sie auf die Höhe der Zeit bringen, will er mit Macht ihre volle Integration in das auf Kapitalverwertung ausgerichtete Wirtschaftssystem vorantreiben.

Etwa 900.000 der 210 Millionen Einwohner Brasiliens werden den Indigenen zugerechnet. Die anerkannten Territorien ihrer mehr als dreihundert Völker liegen fast ausschließlich im ressourcenreichen Amazonasgebiet. Hierzu zählt auch der nördliche Teil des Bundesstaates Mato Grosso. Dort trafen sich im Dorf Piaraçu Mitte Januar für vier Tage 600 Kaziken (indigene Anführer) und weitere Vertreter von 45 verschiedenen Ethnien, um Positionen der Indigenenbewegung zu beraten. Es war das bisher größte Treffen dieser Art. In einem Manifest wenden sie sich energisch gegen die Politik Bolsonaros, die darauf abziele, ihnen ihr Land zu entreißen. »Wir sind gegen alles, was unsere Wälder und Flüsse zerstört.« In dem Appell der »Völker des Regenwaldes«, der sich auch an die internationale Öffentlichkeit richtet, wird die Regierung des »Genozids, Ethnozids und Ökozids« angeklagt.

Während des ersten Amtsjahres des faschistischen Präsidenten und seines ultraliberalen Wirtschaftsministers Paulo Guedes haben die Attacken auf Territorien der Indigenen in Form von illegalem Holzeinschlag, Goldsuche und Fischfang erheblich zugenommen. Von Januar bis September 2019 waren nach Angaben der Nationalen Bischofskonferenz und des zu ihr gehörigen Indigenenmissionsrates Cimi (Conselho Indigenista Missionário) bereits mehr als 150 Gebiete von Übergriffen betroffen. Das Vordringen von Fischerei und Landwirtschaft hat die Entwaldung von Teilen des Amazonas in dieser Zeit beschleunigt. Die Interessen der mit Bolsonaro verbündeten Rinder- und Sojabarone drohen an vielen Orten eine Lebensweise zu zerstören, die zum Schutz der natürlichen Umwelt beiträgt. Bergbauunternehmen, die auf die Erkundung und Förderung von Rohstoffen auch in indigenen Territorien und Schutzgebieten drängen, gefährden mindestens 71 der von Experten auf 120 geschätzten von der Mehrheitsgesellschaft noch isoliert lebenden Gemeinschaften.

Einer Ausweisung neuer Territorien, wie sie die Verfassung den Indigenen des Landes garantiert, schließt die Bolsonaro-Regierung kategorisch aus. Die für Schutzmaßnahmen und Kontrollen zuständige staatliche Indigenenbehörde Funai wurde durch Mittelkürzungen beinahe handlungsunfähig gemacht. Ohne sie nimmt auch die Zahl der Morde an Indigenen und ihren Sprechern durch Handlanger von Grundbesitzern und Holzhändlern und durch illegale Eindringlinge weiter zu. Allein 2018 waren 135 Opfer zu beklagen. Hinzu kommen viele Fälle von Rassismus, Bedrohung, Körperverletzung und sexualisierter Gewalt.

Im Dezember des vergangenen Jahres startete die Regierung eine Gesetzesinitiative, mit der die Verpachtung von Ländereien indigener Gemeinschaften auch ohne deren Zustimmung für Landwirtschaft und Fischfang möglich werden soll. Bisher ist die Nutzung im wesentlichen auf die Subsistenzwirtschaft beschränkt. Nun sollen indigene Besitzer mit Geld geködert werden. »Der Indio« habe sich schließlich verändert, so der Präsident. »Er entwickelt sich. Mehr und mehr ist der Indio ein Mensch wie wir«, ließ er vor wenigen Tagen über die »sozialen Medien« wissen. Sônia Guajarara vom indigenen Dachverband APIB (Articulação dos Povos Indígenas do Brasil) zeigte Bolsonaro umgehend wegen Rassismus an. Der Staatschef würde einmal mehr die »Verfassung zerfetzen«, erklärte Guajarara: »Wir fordern Respekt!«

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