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Aus: Ausgabe vom 30.01.2020, Seite 5 / Inland
»Präsentismus«

Schuften bis zum Umfallen

Grippe, Rückenleiden, Depression: Immer mehr Menschen schleppen sich krank zur Arbeit
Von Susan Bonath
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»Präsentismus« hat mit schlechten Arbeitsbedingungen und der Angst vor Jobverlust zu tun

Menschen sind keine Maschinen. Sie werden auch mal krank, unsichere Lohnarbeits- und daraus folgende prekäre Lebensverhältnisse tragen ihren Teil dazu bei. Das weiß auch die Denkfabrik der Bundesagentur für Arbeit (BA), das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Dieses sorgt sich deshalb um die Wirtschaft, nicht nur wegen der hohen Zahl der Krankschreibungen. In einer neuen Auswertung beklagt das IAB nun, dass immer mehr Menschen krank zur Arbeit gingen. »Das hat auch mit den Arbeitsbedingungen und der Angst vor Jobverlust zu tun«, mahnen die Forscher darin.

Dieses angebliche »Phänomen« bezeichnet das IAB als »Präsentismus«. Betroffene wollten also etwa präsent sein, um im harten Konkurrenzkampf nicht als »Blaumacher« dazustehen. Zwar seien bereits »krankheitsbedingte Arbeitsausfälle für die deutsche Wirtschaft – nicht nur in der kalten Jahreszeit – ein nicht zu vernachlässigendes Problem«, merken die Forscher an. Denn dadurch bedingte Abwesenheit vom Job könne »mit merklichen Produktivitätsverlusten einhergehen und nicht unerhebliche Kosten für Arbeitgeber und Krankenversicherungen verursachen«.

Doch auch der »Präsentismus« verursache hohe Kosten. Erstens sinke dadurch die Arbeitsleistung. Zweitens verschleppten Betroffene häufig ihre Krankheit und fielen am Ende über größere Zeiträume aus. Immer längere und schwerere Krankheitsverläufe registrierte in der vergangenen Woche zum Beispiel die Kaufmännische Krankenkasse KKH. Dort steige die Dauer der Arbeitsunfähigkeit pro Fall kontinuierlich an. 2019 habe jeder Betroffene im Schnitt 15 Tage gefehlt. Neben Krebspatienten fehlten Menschen mit psychischen Erkrankungen mit mehr als 40 Tagen im Schnitt am längsten, so die KKH.

Die IAB-Forscher untermauern ihre Thesen mit Studien. Bei einer länger zurückliegenden Umfrage habe etwa mehr als die Hälfte (54,6 Prozent) der Befragten angegeben, sich im Jahr 2012 mindestens einmal krank zur Arbeit geschleppt zu haben. Im Schnitt ging jeder dieser Betroffenen 11,6 Tage trotz gesundheitlicher Einschränkung seinem Job nach. Vier Jahre später sagten bereits mehr als zwei Drittel der befragten Beschäftigten (68,6 Prozent), sie seien 2016 ein- oder mehrmals krank am Arbeitsplatz gewesen. Insgesamt kamen auf jeden Betroffenen nunmehr bereits 12,6 Arbeitstage.

Manche Beschäftigte, so philosophieren die IAB-Experten zunächst, gingen womöglich aufgrund des »individuellen Arbeitsethos« krank zum Job. Sie wollten beispielsweise die Kollegen nicht zusätzlich belasten. Eine große Rolle spielten auch die Unternehmenskultur und die Bedingungen im Betrieb. »So könnte krankheitsbedingte Abwesenheit in einer Firma, die die Anwesenheit der Mitarbeiter als sehr wichtig erachtet, besonders argwöhnisch beäugt werden.«

Starke physische und psychische Belastungen, wie hoher Zeitdruck und fehlende Unterstützung durch Kollegen, verstärkten das Problem erheblich. Erwiesen sei, so die IAB-Autoren, dass »Präsentismus« am häufigsten bei Beschäftigten auftrete, die fürchten müssen, ihren Job zu verlieren. Und: Wer mit seinem Arbeitsplatz besonders unzufrieden ist, schleppe sich häufiger mit Grippe, Rückenproblemen, schwerer Depression und anderen Leiden dorthin. Aus der Gruppe letzterer gaben 80 Prozent an, dies regelmäßig so zu handhaben.

Damit sei »Präsentismus in Deutschland mindestens genauso stark verbreitet wie krankheitsbedingte Abwesenheit«, konstatieren die Forscher. Unternehmen müssten mehr dagegen tun, fordern sie, zum Beispiel Vertretungen angemessen regeln und auf in manchen Firmen übliche Boni für Mitarbeiter, die sich das ganze Jahr nicht krank gemeldet hätten, verzichten. Doch das alleine reiche nicht. »Vielmehr ist im öffentlichen Bewusstsein ein generelles Umdenken nötig: Krankheitsbedingte Abwesenheit vom Arbeitsplatz darf nicht stigmatisiert und mit einer verminderten Leistungsfähigkeit gleichgesetzt werden«, so die IAB-Experten. Mit anderen Worten: Der Leistungsdrill, den auch die BA als IAB-Oberinstanz mit ihren erwerbslosen Klienten betreibt, ist kontraproduktiv.

Debatte

  • Beitrag von Michael S. aus H. (30. Januar 2020 um 16:11 Uhr)
    Das trifft sicherlich vor allem für den sehr großen Bereich der Privatwirtschaft zu. Was sehr wenig thematisiert wird, ist der öffentliche Dienst, Behörden und so was. Der Satz, wer mit seinem Arbeitsplatz besonders unzufrieden sei, schleppe sich häufiger mit Grippe, Rückenproblemen, schwerer Depression und anderen Leiden dorthin«, stimmt sicherlich. Was aber auch stimmt, vor allem im öffentlichen Dienst, wo es keine Sorge um den Arbeitsplatzverlust gibt: »Wer mit seinem Arbeitsplatz unzufrieden ist, meldet sich oft unnötig krank«, auch wegen Kleinigkeiten. Dort lässt der Spaß an der Arbeit wegen Geld- und Personalkürzung auch immer mehr nach, aber die Beschäftigten schleppen sich nicht krank zur Arbeit, sondern melden sich hemmungslos krank. Das geht ja bis drei Tage ohne Krankenschein, und man bekommt ja auch 100 Prozent seiner Bezüge weiter. Das wird weidlich ausgenutzt, und Kollegen müssen sie vertreten oder ihre Arbeit mitmachen, meist die Leistungsträger, die sich wiederum selten krank melden. Da wäre ich für die Abschaffung der Krankmeldung ohne Attest und für die Lohnfortzahlung bei Krankheit auf 80 Prozent. Wenn ich von zehn nicht gearbeiteten Stunden acht bezahlt bekomme, ist das doch sehr kulant, oder? Aber gut, wenn ich häufiger krank wäre, würde ich es vielleicht auch anders sehen.