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Aus: Ausgabe vom 29.01.2020, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Homophobie

Von Markus Bernhardt
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Die Idiotien der Schwulen- und Lesbenfeinde einfach wegknutschen. Gay-Pride-Parade in Paris 2016

Es sind teils sehr eigentümliche Wortschöpfungen, die im bundesdeutschen Medienbetrieb Anwendung finden, wenn es um Lesben und Schwule, aber auch Bi-, Trans- oder Intersexuelle geht. Wird etwa eine kriminelle Tat beschrieben, die von Homosexuellen verübt worden ist oder deren Opfer sie wurden, ist noch heutzutage oft von einer Handlung im »Homosexuellenmilieu« zu lesen.

Obwohl »hómoios« auf altgriechisch nichts anderes als »gleich« bedeutet, wird die Ableitung »Homo« – geht es um vermeintliche sexuelle Minderheiten – faktisch nicht selten als Begriff zur Ab- und Ausgrenzung benutzt. Weitverbreitet und doch nur bedingt zutreffend ist etwa der Begriff der Homophobie. Dabei ist er alles andere als geeignet, die Feindschaft einer Mehrheit gegenüber einer sexuellen Minderheit zu beschreiben und diese sachgerecht zu fassen. »Homophobie« entspricht eher der Verniedlichung einer Feindschaft bzw. Ablehnung, denn eine solche kann der Begriff gar nicht fassen, handelt es sich doch bei einer Phobie um eine begründete oder unbegründete Angst oder sogar Angststörung, die zu unangemessenen Vermeidungsstrategien oder Ausweichreaktionen führt. Ist heutzutage von Homophobie die Rede, geht es hingegen meist um Diskriminierung, Hass und Gewalt, die gegen Lesben und Schwule gerichtet ist.

Treffsicherer wäre es allemal, statt dessen von Lesben- und Schwulenfeindschaft zu sprechen, wenn es um eine Haltung geht, die im Zweifel am Ende auch zu gewalttätigen Übergriffen führen kann.

Der Begriff der Homophobie ist zudem geeignet, auch die politische, gesellschaftliche und kulturelle Verfolgung und Ächtung von Schwulen, Lesben und anderen gesellschaftlichen Minoritäten in diesem Bereich zu vernebeln. Es war nicht die Angst vor schwulen Männern, die der Verfolgung nach Paragraph 175 StGB in der Nazizeit und der Bundesrepublik Deutschland Vorschub geleistet hat. Es ging maßgeblich um Hass auf das andere, teils auch um offenen Vernichtungswillen.

Auch heutzutage, wo die Zahl der Gewalttaten gegen Schwule und Lesben selbst im als tolerant geltenden Berlin wieder ansteigt, lassen sich Übergriffe nicht vor dem Hintergrund einer diffusen Angst der Täterinnen und Täter vor vermeintlich oder tatsächlich homosexuellen Mitbürgerinnen und Mitbürgern erklären. Es geht auch hier um Hass. Allein zwischen Januar und September 2019 ist es in der Bundeshauptstadt zu 261 (im Vorjahreszeitrum: 184) registrierten Straftaten gekommen. Die teils äußerst brutalen Übergriffe fanden dabei in den zentralen Berliner Bezirken Mitte, Tempelhof-Schöneberg und Friedrichshain-Kreuzberg statt und keineswegs nur in den Randbezirken wie Lichtenberg oder Marzahn-Hellersdorf, die in den 1990er Jahren als Hochburgen neofaschistischer Gewalttäter galten.

Angemessen dürfte der Begriff der Homophobie vielmehr dann sein, wenn von Menschen die Rede ist, die vor eigenen Begehrlichkeiten Angst haben. Schließlich muss, wer sich homophob geriert, nicht zwangsläufig selbst heterosexuell sein. Meist ist das genaue Gegenteil der Fall: Homophob äußert und verhält sich nicht selten ausgerechnet derjenige, der von der eigenen Person und der eigenen sexuellen Neugier oder Ausrichtung abzulenken versucht. Es sind also maßgeblich Projektionen, die Ablenkung eines eigenen innerpsychischen Konfliktes auf eine andere Person oder Gruppe, die bei einer so verstandenen Homophobie zum Tragen kommen.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • N. N.: Lichtkranz Oberflächlich stimmt es, dass die Mehrheit der Bevölkerung heterosexuell und die Minderheit anders ist. Sie werden gegenübergestellt, und der Hass wird geschürt. Religionen, insbesondere die monotheis...

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