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Aus: Ausgabe vom 29.01.2020, Seite 10 / Feuilleton

Schrade, Jäger, Piwitt

Von Jegor Jublimov
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Ein Schwarm: Willi Schrade unterhält sich mit Besucherinnen der 2. Arbeiterfestspiele des FDGB in Aue (13.6.1960)

Bis heute ist Willi Schrade, der sich mit Mitte 70 aus dem Beruf verabschiedete, oft auf dem Bildschirm zu sehen. Er galt als der fleißigste Schauspieler der Defa. Seine Filmographie bei Film und Fernsehen umfasst rund 300 Titel. Mit Mitte 20 war er ein Mädchenschwarm, besonders durch »Verwirrung der Liebe« (1959). Als Medizinstudent Dieter hatte er sich zwischen Annekathrin Bürger und Angelica Domröse zu entscheiden. Nach weiteren Hauptrollen, etwa in »Reportage 57« (1959) wieder neben der Bürger oder »Die Entscheidung des Dr. Ahrendt« (1960) mit Erika Radtke als Partnerin, blieb Schrade ein gern gesehener Schauspieler in mittleren und kleinen Parts und in Serien wie »Zur See« (1974), wo er sich besonders durch seine Sportlichkeit auszeichnete. Am Freitag wird er 85.

Als Julia Jäger 1990 ihre erste Hauptrolle in Maxim Dessaus Antikriegsfilm »Erster Verlust« spielte, war auch Willi Schrade als Offizier dabei. 1991 wurde sie für die Rolle der Bäuerin als beste Nachwuchsdarstellerin mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet. Ihr Debüt gab sie aber bereits mit 13 Jahren in dem Defa-Kinderfilm »Moritz in der Litfaßsäule« (1983), einem phantasievollen Alltagsmärchen von Rolf Losansky, in dem Julias Vater Diether Jäger einen Clown spielt. Von ihm hat die Tochter das Talent, und nach ihrem Schauspielstudium in Leipzig kam sie nach kurzer Theaterarbeit zum Film, drehte mit Detlev Buck (»Karniggels«, 1991) und Andreas Kleinert. Für dessen Drama »Neben der Zeit« gewann sie 1996 den Preis als beste Darstellerin auf dem Kairoer Filmfestival. Einen »Oscar« gab es 2009 für Jochen A. Freydanks Kurzspielfilm »Spielzeugland« mit ihr in einer Hauptrolle. Inzwischen arbeitet sie fürs Fernsehen, war bis vor kurzem die Paola Brunetti in den Donna-Leon-Verfilmungen und bringt nun als Dr. Heilmanns Neue frischen Wind in die Serie »In aller Freundschaft«. Das macht sie auch nach ihrem gestrigen 50. Geburtstag zu aller Freude weiter!

Gerade 30 war Hermann Peter Piwitt, als sein erstes Buch 1965 erschien, kein Wunderkind, sondern einer, der über das Leben nachgedacht hatte, bevor er öffentlich schrieb. Der Hamburger hatte bei Adorno und Höllerer studiert, und in Opposition zu seinem Vater, einem Parteigänger der Nazis, war Piwitt immer sehr links. Aus Opposition wurde Überzeugung. Das brachte ihn an die Seite von kreativen Künstlern wie Peter Rühmkorf und Franz Josef Degenhardt – nicht die schlechteste Nachbarschaft. Zu Piwitts Hauptthemen, die er nicht nur in seinen Romanen und Erzählungen, sondern in vielen Pressebeiträgen verbreitete, gehören die Wirkungen der Kolonialisierung, Gentrifizierung, Zerstörung von Landschaften. Sprachlich wie analytisch faszinierend verarbeitet er seine Themen, und damit ist Piwitt, der gestern 85 wurde, heute so wichtig wie eh.

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