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Aus: Ausgabe vom 28.01.2020, Seite 11 / Feuilleton
Oper

Die ernüchterten Liebenden

Die Traumwelt ist eben nicht niedlich: Benjamin Brittens »A Midsummer Night’s Dream« an der Deutschen Oper Berlin
Von Kai Köhler
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»Der Wald ist eine kahle Fläche«

Shakespeares »Sommernachtstraum« hat seit jeher Komponisten inspiriert; am berühmtesten ist bis heute wohl Mendelssohns Bühnenmusik. Die Erlebnisse zweier menschlicher Paare, die durch einen nächtlichen Wald irren und – bedingt durch Zauberei – immer neue unpassende Konstellationen der Liebe erleben; eine Schar von Elfen mitsamt ihrem streitenden Königspaar Oberon und Titania; ein Kobold als Oberons Helfer; als Gegensatz schließlich eine Schar biederer Handwerker, die voller Kunstliebe und ohne jeden Kunstverstand eine groteske Tragikomödie einstudiert, die später als Stück im Stück aufgeführt wird – all dies bietet tatsächlich viel Raum für Musik.

Man kann auch diese Komödie Shakespeares auf dessen Gegenwart beziehen und politisch entschlüsseln. Benjamin Britten, der das Drama mit seinem Lebensgefährten, dem Tenor Peter Pears, zum Opernlibretto umarbeitete, hatte daran kein Interesse. Shakespeares erster Akt, der unter Menschen spielt und die Konflikte vorstellt, wurde gestrichen. Die Oper beginnt in der Welt der Elfen, phantastisch, jedoch nicht verklärt. Dafür sorgt die Musik, die jeden Gedanken an putzige Traumwelten verhindert.

Britten verwendete ein erweitertes Kammerorchester: zwei Harfen, ein so umfangreiches wie zurückhaltend eingesetztes Schlagzeug, meist solistische Bläser, etwa 30 Streicher. Nirgends wird der Klang massiv. Melodien wirken zart, verzweifelte Ausbrüche wie aus großer Entfernung, die Parodie in den Handwerkerszenen wird nicht grob: Der Komponist mag auch diese Figuren. Musikalische Witze werden sonst leicht peinlich, aber Britten gelingt hier das schwer Mögliche: das Plumpe einer unglücklichen Liebe zur Kunst aufzuzeigen, ohne die Liebhaber zu denunzieren. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin hatte bei der Premiere unter Donald Runnicles am Sonntag in seinem für dieses Werk vielleicht etwas zu großen Haus einen guten Auftritt und machte jede Linie deutlich, ohne zu forcieren.

Für die Inszenierung hält das Werk Fallen bereit. Man kann einerseits ein opulentes Fest der Sinne auf die Bühne bringen und ein munteres Liebestreiben in einem prächtigen Wald veranstalten; publikumswirksam, doch taub für die skeptischen Töne in Brittens Musik. Man kann andererseits und im Einklang mit der heutigen Mode grob destruktiv sein und auf Schock setzen, das Schreckliche des Schrecklichen zeigen. Regisseur Ted Huffman entgeht beiden Gefahren. Es gibt wenige dumme Ausrutscher: etwa wenn er im Schlussakt, wieder in der Menschenwelt, den Herzog, der die Liebespaare vereint, als unzurechnungsfähigen Säufer herumtorkeln lässt. Natürlich wollen wir nicht wieder von Herzögen regiert werden. Aber der Fürst steht hier utopisch für die Souveränität des Menschen und ist daher Vorbild.

Der Wald ist bei Huffman und seiner Bühnenbildnerin Marsha Ginsberg kein Wald, sondern eine kahle Fläche. Das schließt an die Bühne Shakespeares an, der ebenfalls ohne Kulissen arbeitete. Es erlaubt den Figuren maximale Bewegungsfreiheit (und die Figurenführung ist zumeist sehr klug). Die Traumwelt des nächtlichen Elfenwalds wird damit als das sichtbar, was sie ist: als Ort von Kämpfen, damit von Hoffnungen, Freuden, aber auch Bitterkeit. Wer schläft, wer sich in wen verliebt und von wem verraten meint, ist meist Folge von Zauber, also von Machtausübung. Alle anfänglichen Treuebehauptungen werden in dieser Nacht widerlegt; und wenn sich am Ende trotzdem glückliche Paare finden, so haben die doch lernen müssen, dass auf nichts Verlass ist.

Die Inszenierung verdeutlicht den Verlust der Illusionen; die Traumwelt ist eben nicht niedlich. Das Glück als Paar zu suchen bleibt dennoch richtig, und die glücklichen Paare finden die ungelenke Kunst der Handwerker lustig. Deren Spiel führt eine absolute Liebe vor, freilich auf groteske Weise. Pyramus und Thisbe lieben sich trotz der Feindschaft ihrer Familien und verabreden ein heimliches Treffen. Als Pyramus eintrifft, findet er ein blutiges Tuch vor; weil er meint, dass die Geliebte vom Löwen zerrissen sei, bringt er sich um. Thisbe kommt, sieht die Leiche und erdolcht sich ebenfalls.

Nachdem sie die absolute, todbringende Liebe auf der Bühne gesehen haben, begeben sich die durch Machtkämpfe ernüchterten realen Liebenden zu Bett; man wünscht ihnen darin viel Freude. Es liegt darin ein Moment von Resignation wie von handlungsmächtiger Erkenntnis, vermittelt durch Brittens Musik und von der Aufführung nicht denunziert.

Sängerisch war es ein Abend der Frauen. Siobhan Staggs Titania überragte unter den Elfen James Halls Countertenor, der sich im großen Raum der Deutschen Oper nicht durchzusetzen vermochte. Bei den menschlichen Liebespaaren überzeugten die Hermia von Karis Tucker und besonders die Helena von Jeanine De Bique mehr als ihre männlichen Gegenparts. Unter den Handwerkern ragte James Platt hervor, der nicht nur als Darsteller des Pyramus eine wichtige Rolle spielt, sondern, verzaubert in einen Esel, auch für Oberons Machenschaften gegen Titania.

Nächste Aufführungen: 29.1., 1.2., 6.2., 22.2., 19.30 Uhr

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