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Aus: Ausgabe vom 28.01.2020, Seite 12 / Thema
Geopolitik

Widerborstiger Verbündeter

Der türkische Präsident weiß um die Vorteile einer Mitgliedschaft im westlichen Kriegsbündnis, will sich dessen Vorgaben aber nicht unterwerfen. Zum schwierigen Verhältnis zwischen NATO und Türkei
Von Jörg Kronauer
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Wie hoch pokert er? Der türkische Staatschef Erdogan (r.) mit seinen Nochalliierten von der NATO, Jens Stoltenberg, Donald Trump und Angela Merkel, am 4. Dezember 2019 in Watford, Großbritannien

Den Seeraum überwachen, Flüchtlinge stoppen und zwischendurch ein wenig den Krieg üben: Das ist das Programm, das die Besatzung der Fregatte »Hamburg« seit einigen Monaten in der Ägäis absolviert. Am 6. September 2019 hatte das deutsche Kriegsschiff seinen Heimathafen Wilhelmshaven verlassen, um sich im östlichen Mittelmeer der »SNMG-2« einzugliedern, der »Standing NATO Maritime Group 2«, einem Marineverband, der zur Zeit in der Ägäis Lagebilder erstellt und die Küstenwachen Griechenlands und der Türkei bei deren Bemühen unterstützt, Flüchtlinge von der unerwünschten Einreise in die EU abzuhalten. Die »Hamburg« hatte sich daran ebenso beteiligt wie etwa an zwischengeschalteten Formationsfahrten mit Kriegsschiffen anderer NATO-Staaten oder auch an kleineren Manövern, bei denen die Abwehr verschiedener Bedrohungen trainiert wurde. Zuletzt waren Übungen geplant, die die »Hamburg« gemeinsam mit einer griechischen, einer italienischen und zwei türkischen Fregatten abhalten sollte: NATO-Alltag im östlichen Mittelmeer. Einmal mehr zeigt sich: In der Praxis funktioniert die Kooperation der türkischen Streitkräfte mit denjenigen anderer Mitglieder des westlichen Kriegsbündnisses reibungslos.

Während die Streitkräfte der Türkei und anderer NATO-Staaten zu Lande, zu Wasser und in der Luft wie seit je kooperieren, eskaliert zwischen ihren Regierungen auf politischer Ebene der Streit. Die Mehrheit der Verbündeten tobt, weil Ankara in Zusammenarbeit mit Moskau gegen ihren Willen Teile Nordsyriens besetzt hat und über die Zukunft des Landes ohne Rücksprache mit dem Westen mitbestimmt. Griechenland schäumt, weil die Türkei ein Abkommen mit der libyschen »Einheitsregierung« über ihre Seegrenzen im Mittelmeer geschlossen hat und darin mehr oder weniger die Existenz griechischer Inseln ignoriert. Die US-Regierung wiederum droht der Türkei sogar mit Sanktionen, weil Ankara ein russisches Luftabwehrsystem kauft. Manche stellen längst die Frage, ob die Konflikte zwischen Ankara und den anderen NATO-Mitgliedern noch toleriert werden können oder ob sie bereits den Rahmen des Erträglichen sprengen. Die Lage ist ernst; aber sie ist nicht wirklich neu. In der langen Geschichte der türkischen NATO-Mitgliedschaft hat es immer wieder neben Phasen enger Kooperation auch solche heftiger Spannungen gegeben, die sich früher oder später freilich beilegen ließen. Wird sich auch der aktuelle Konflikt zwischen der Türkei und dem Rest des Kriegsbündnisses wieder beruhigen?

Frontstaat im Kalten Krieg

In seinen Anfängen war das Verhältnis der Türkei zur NATO überaus eng. Die Vereinigten Staaten hatten die Anbindung des Landes, das im Zweiten Weltkrieg neutral geblieben und erst am 23. Februar 1945 an der Seite der Alliierten in den Krieg gegen das Nazireich eingetreten war, bereits früh forciert: Am 5. April 1946 legte das US-Schlachtschiff »Missouri« zum ersten Flottenbesuch in Istanbul an – ein klarer Hinweis, wohin sich die Türkei im heraufziehenden Kalten Krieg orientieren würde. Am 12. März 1947 erklärte US-Präsident Harry S. Truman, das Land solle US-Militär- und Wirtschaftshilfe erhalten, was dann auch bald geschah. Im Sommer 1950 entsandte Ankara, ohne weiteres bereit, sich in das westliche Bündnis zu integrieren, rund 4.500 Soldaten in den Koreakrieg. Am 18. Februar 1952 trat die Türkei schließlich – gleichzeitig mit Griechenland – der NATO bei, der sie als Brückenkopf gegen die Sowjetunion an deren kaukasischer Südgrenze diente. Im Jahr 1955 nahm Ankara darüber hinaus an der Gründung des Bagdad-Pakts – später: Central Treaty Organization (Cento) – teil, eines Zusammenschlusses mit dem Irak, Iran und Pakistan unter Beteiligung Großbritanniens, der der Eindämmung der Sowjetunion diente. Die Türkei operierte als knallharter Frontstaat im Kalten Krieg.

Herbe Enttäuschungen für Ankara kamen in der ersten Hälfte der 1960er Jahre. Die erste bestand darin, dass Washington als Gegenleistung für den Abzug der sowjetischen Raketen aus Kuba seine »Jupiter«-Raketen aus der Türkei entfernte, obwohl die türkische Regierung sie nur allzu gern im Land behalten hätte: US-Interessen hatten eben Vorrang vor denjenigen der Verbündeten. Die zweite Enttäuschung trat wenig später im Zypern-Konflikt ein. US-Präsident Lyndon B. Johnson schrieb, darauf Bezug nehmend, am 5. Juni 1964 dem türkischen Ministerpräsidenten Ismet Inönü: »Ich hoffe, Sie verstehen, dass Ihre NATO-Verbündeten noch keine Gelegenheit hatten, zu erwägen, ob sie der Verpflichtung unterliegen, die Türkei gegen die Sowjetunion zu schützen«, sollte »die Türkei einen Schritt« unternehmen, »der zu einer sowjetischen Intervention führt, ohne die volle Zustimmung und das Einvernehmen ihrer NATO-Verbündeten«. Klar realisierend, dass türkische Interessen – was immer man von ihnen hielt – im Bündnis erneut nicht zählten, antwortete Inönü am 14. Juni, Johnsons Brief sei »nach Wortwahl und Inhalt enttäuschend für einen Verbündeten wie die Türkei«, der »stets für seine Bündnisbeziehungen mit den USA die ernsthafteste Aufmerksamkeit aufgebracht hat«. Aus Ankaras Sicht stand fest: In der NATO spielte man zwar die Rolle eines Prellbocks gegen die Sowjetunion, konnte aber auf wenig Gegenleistungen hoffen.

In den folgenden Jahren – es war die Zeit der Entspannungspolitik – ging Ankara zu Washington in gewissem Maß auf Distanz und leitete zugleich eine engere Kooperation mit Moskau ein. 1965 etwa verbot die türkische Regierung den USA, von türkischen Basen aus Aufklärungsflüge gegen die Sowjetunion zu starten. Im Oktober 1973 untersagte sie es Washington, türkische Militärstützpunkte im Jom-Kippur-Krieg für Operationen zugunsten Israels zu nutzen. Nach wechselseitigen hochrangigen türkisch-sowjetischen Besuchen in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre folgte im April 1972 dann die Unterzeichnung einer »Erklärung über die Grundsätze gutnachbarlicher Beziehungen«, in der die Türkei und die Sowjetunion sich unter anderem zur Nichteinmischung verpflichteten und dazu, ihr jeweiliges Territorium nicht für Angriffe oder für Subversion gegen die je andere Seite zur Verfügung zu stellen. Nachdem die USA 1975 wegen des türkischen Einmarschs auf Zypern ein Waffenembargo gegen Ankara verhängt hatten – es sollte bis 1978 Bestand haben –, reagierte die türkische Regierung sogar mit der Schließung der US-Militärstützpunkte in der Türkei. Die Sowjetunion leistete ihr parallel ökonomische Unterstützung. Im Frühjahr 1977 stellte Der Spiegel eine Frage, die damals so manchen umtrieb: »Driftet der Staat mit der zweitgrößten Landarmee der NATO aus dem Bündnis?«

Nein, er driftete nicht. Ankara hat die NATO damals trotz aller Differenzen nicht verlassen. Der Streit, der Mitte der 1970er Jahre eskaliert war, konnte unter Kontrolle gebracht werden, wenngleich er offengelegt hatte, dass das Verhältnis zwischen den Staaten Westeuropas und Nordamerikas auf der einen und der Türkei auf der anderen Seite von teilweise stark divergierenden Interessen durchzogen, also alles andere als bruchlos war. Die Türkei blieb in den 1980er Jahren ein Brückenkopf der NATO gegen die Sowjetunion, und sie wurde nach deren Zusammenbruch zum Brückenkopf in gleich zwei überaus wichtige Weltregionen hinein: in den Nahen und Mittleren Osten sowie in den Kaukasus und das Kaspische Becken. Als der Konflikt mit dem Irak 1990 eskalierte und 1991 in den Zweiten Golfkrieg mündete, gewann der Luftwaffenstützpunkt Incirlik bei Adana im Süden der Türkei, den die US-Streitkräfte gemeinsam mit dem türkischen Militär bereits vor Ankaras NATO-Beitritt zu errichten begonnen hatten, große Bedeutung für US-Operationen aller Art in Mittelost. Gleichzeitig kam in den 1990er Jahren auf die Tagesordnung, was in westlichen Medien zeitweise als »neues Great Game« in Zentralasien beschrieben wurde: das Bestreben, die Rohstoffe des Kaspischen Beckens per Pipeline durch den Südkaukasus nach Europa zu transportieren. Die Türkei, die damals rege damit beschäftigt war, unter »pantürkischer« Flagge enge Beziehungen zu den turksprachigen Ländern von Aserbaidschan bis Kirgistan zu schmieden, sollte dazu als Landbrücke dienen.

Ihre hohe geostrategische Bedeutung für die NATO hat die Türkei bis heute nicht verloren. Zwar geht der Einfluss der westlichen Mächte in Zentralasien zurück; dort erstarkt China entlang seiner »neuen Seidenstraße«, von der ein Strang weiter durch den Südkaukasus nach Anatolien führt, weshalb im Westen inzwischen zuweilen bereits die Warnung zu hören ist, die Türkei könne sich zum Brückenkopf der Volksrepublik in Südosteuropa entwickeln. Als Landbrücke nach Nah- und Mittelost ist die Türkei für das westliche Kriegsbündnis jedoch weiterhin sehr wichtig. Seit der Eskalation des Machtkampfs gegen Russland kommt noch hinzu, dass sie mit ihrer langen Küste an den südlichen Ufern des Schwarzen Meeres auch für die dortigen Rivalitäten ein äußerst nützlicher Verbündeter ist. Ihr großes geostrategisches Gewicht ist ein Pfund, mit dem die Türkei im Westen wuchern kann – bis heute.

Selbstbewusste Hegemonialpolitik

Aus Ankaras Sicht ist das auch notwendig, denn die Türkei ist längst nicht mehr das Land, das sie in den 1980er und den 1990er Jahren noch war. Sie ist zum einen mächtiger geworden. Ökonomisch schöpfte sie neue Stärke zunächst vor allem aus dem Aufstieg von Unternehmen aus dem islamisch-konservativ geprägten Zentral- und Ostanatolien, für die sich im Verlauf der 2000er Jahre die Bezeichnung »anatolische Tiger« durchsetzte. Ihre Interessen vertrat die AKP (Adalet ve Kalkinma Partisi) von Recep Tayyip Erdogan, eine Partei, deren führende Politiker – etwa Abdullah Gül oder Ahmet Davutoglu – nicht selten aus Zentral- und Ostanatolien stammten oder, wie Erdogan selbst, familiäre Ursprünge in der Peripherie des Landes hatten. Die »anatolischen Tiger« trugen das Wachstum der türkischen Wirtschaft, das zunächst Ende der 1980er, dann wieder in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre rasant in die Höhe schnellte und in den 2000ern, als die AKP die Macht in Ankara erobert hatte, durch die Decke ging. Das türkische Bruttoinlandsprodukt, das im Jahr 2001 noch bei kargen 200 Milliarden US-Dollar gelegen hatte, erreichte im Jahr 2013 erstaunliche 950 Milliarden US-Dollar. Die Türkei hatte neue Wirtschaftskraft gewonnen.

Damit einher ging die Entwicklung neuer außenpolitischer Konzepte, die verschiedene Namen trugen – Davutoglu wählte das Schlagwort »strategische Tiefe«, Kritiker sprachen gerne von »Neoosmanismus« –, aber im Kern vor allem um eines kreisten: um Einflussnahme auf angrenzende Länder der islamischen Welt. Ökonomisch ging dies einher mit der rasanten Expansion türkischer, oft zentral- oder ostanatolischer Unternehmen etwa nach Syrien, in den Nordirak und nach Libyen, wo die Türkei schon bald starken Wirtschaftseinfluss erhielt. Politisch knüpfte die islamistische AKP ihre auswärtigen Beziehungen keineswegs ausschließlich, aber immer wieder mit Hilfe der internationalen Netzwerke der Muslimbrüder. Schrittweise gelang es Ankara – begünstigt auch durch den brachialen Machtwillen des AKP-Minister-, dann Staatspräsidenten Erdogan –, sich im internationalen Staatengefüge eine stärkere Stellung zu erkämpfen. Mittlerweile verfügen die türkischen Streitkräfte sogar bereits über zwei Militärbasen im Ausland, eine im Emirat Katar, eine in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Die Türkei leistet sich eine ausgreifende, durchaus eigenständige Machtpolitik.

Gleichzeitig haben die Differenzen mit der NATO, seit die AKP im November 2002 in Ankara an die Macht gelangte, deutlich zugenommen. Streit gibt es immer wieder um das Verhältnis zu kurdischen Kräften. Die von NATO-Staaten durchgesetzte Flugverbotszone über dem Nordirak hatte schon in den 1990er Jahren die Autonomiebestrebungen der irakischen Kurden begünstigt. Nach dem Irak-Krieg von 2003 konnte sich die kurdische Regionalregierung in Erbil bei ihrem Streben nach größerer Eigenständigkeit, womöglich sogar nach Abspaltung vom Irak, auch weiterhin stets auf westliche Mächte stützen, insbesondere auf die USA und auf Deutschland. Später kam die Kooperation der Vereinigten Staaten mit den YPG in Nordsyrien hinzu. Bis heute bestehe im türkischen Außenpolitikestablishment der Verdacht, die Vereinigten Staaten hegten »einen langfristigen Plan, einen kurdischen Staat an den Grenzen der Türkei zu errichten«, hielt im April 2019 der Büroleiter des German Marshall Fund in Ankara, Özgür Ünlühisarcikli, in einer Kurzanalyse anlässlich des 70. Jahrestag der NATO-Gründung fest. Zugleich war die türkische Regierung immer weniger bereit, ihr Land dem Westen umstandslos als Brücke in den Nahen und Mittleren Osten zur Verfügung zu stellen. Die Weigerung des AKP-dominierten Parlaments im März 2003, den USA den Einmarsch in den Nordirak von türkischem Territorium aus zu erlauben, sprach da Bände.

In den vergangenen Jahren ist Ankara, wirtschaftlich erstarkt und um die Realisierung seiner eigenen außenpolitischen Konzepte bemüht, im NATO-Rahmen immer widerborstiger geworden. So hat die türkische Regierung etwa im Jahr 2016 damit begonnen, die Kooperation des Kriegsbündnisses mit dem vorgeblich neutralen Österreich im Rahmen der sogenannten Partnership for Peace (PfP) zu blockieren, weil Wien darauf bestand, die EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei abzubrechen. Die Folge: Einige NATO-Ausbildungsprogramme mussten abgesagt werden; ein Lehrgang an der NATO-Militärakademie in Rom fand im Jahr 2017 ohne österreichische Beteiligung statt. Im März 2018 lockerte Ankara seine Blockade; Anfang Juni 2019 sagte Außenminister Mevlüt Cavusoglu seiner österreichischen Amtskollegin Karin Kneissl weitere Erleichterungen zu. Mit derlei Aktionen sucht Ankara die Berücksichtigung seiner Interessen zu erzwingen, wenngleich mit zweifelhaftem Erfolg. So auch im Dezember 2019, als Präsident Erdogan ankündigte, er werde einen neuen NATO-Verteidigungsplan für die baltischen Staaten blockieren, sollte das Kriegsbündnis sich nicht der türkischen Haltung zu den Kurden in Syrien anschließen. Der Konflikt konnte recht bald durch eine nicht näher erläuterte »technische Lösung« beigelegt werden. Allerdings hat er, was auch immer man von Ankaras mörderischer Kurden-Politik hält, den alten, bis heute fortbestehenden Umstand in Erinnerung gerufen, dass in der NATO bis heute die großen westlichen Mächte dominieren; die Interessen der übrigen Mitglieder zählen nur dann, wenn sie mit den strategischen Plänen der USA und Westeuropas auf einer Linie liegen. Für die einflussreicher werdende Türkei ist das auf Dauer keine erfolgverheißende Perspektive.

Das Beste aus beiden Welten

Insofern wird im türkischen Establishment schon seit Jahren verstärkt über Alternativen zur NATO diskutiert. Im März 2011 beantragte die Türkei, von der Shanghai Cooperation Organization (SCO) als »Dialogpartner« geführt zu werden; im Juni 2012 gewährte die SCO ihr diesen Status. Bei der Organisation handelt es sich um ein von China und Russland geführtes Bündnis, das sich explizit als sicherheitspolitischer Zusammenschluss begreift und auch Militärmanöver durchführt; ihm gehören neben den beiden Führungsmächten vier Staaten Zentralasiens (Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan, Tadschikistan) sowie inzwischen auch Indien und Pakistan an, weitere Länder wie Iran, Belarus oder Aserbaidschan sind auf unterschiedliche Weise assoziiert. Im Januar 2013 zog Erdogan öffentlich die Vollmitgliedschaft der Türkei in der SCO in Betracht; dies hat er seitdem mehrfach wiederholt. Ob eine türkische SCO-Vollmitgliedschaft mit derjenigen in der NATO vereinbar wäre, mag man bezweifeln.

Ankaras Unzufriedenheit mit der NATO bestätigten auf eine ganz andere Art auch Beobachtungen, die Experten im August 2016 machten. Damals analysierte der türkische Publizist Metin Gurcan für das Onlineportal Al-Monitor die Massenentlassung türkischer Militärs nach dem Putschversuch vom 15./16. Juli 2016. Er konstatierte, innerhalb weniger Wochen seien 149 der insgesamt 325 Generale und Admirale des Heeres, der Marine und der Luftwaffe fristlos suspendiert worden. Die meisten von ihnen hätten »den transatlantischen Bindungen Priorität eingeräumt« und seien Verfechter einer »starken Pro-NATO-Haltung« gewesen. Nun seien sie aus dem Dienst entfernt; nachrücken würden wohl Getreue Erdogans.

Nicht nur diskutiert, sondern auch tatsächlich realisiert hat die Türkei in den vergangenen Jahren den systematischen Ausbau ihrer Kooperation mit Russland – ganz so, wie sie einst in den 1970er Jahren mit der Sowjetunion anbandelte. Die Zusammenarbeit der beiden Staaten geht inzwischen ziemlich weit; sie reicht von gewaltigen ökonomischen Projekten wie der Erdgaspipeline »Turk Stream« bis hin zu gemeinsamen Absprachen über die politische Entwicklung Syriens und zuletzt auch Libyens. Hohe Wellen geschlagen hat Ankaras Entscheidung, das hocheffiziente russische Luftabwehrsystem »S-400« zu kaufen. Washington hat lautstark dagegen protestiert. Zwar hat zuvor mit Griechenland bereits ein anderer NATO-Staat ein russisches Luftabwehrsystem erworben; doch handelte es sich dabei um das »S-300«, das erheblich geringere Fähigkeiten als das »S-400« besitzt. Das »S-400« könnte, so fürchtet die Trump-Administration, die High-Tech-Kampfjets vom Typ »F-35« ausspionieren, die die Türkei beschaffen will; sie hat deshalb die Auslieferung des Fliegers an den NATO-Verbündeten unterbunden. Hinzu kommt, dass die Vereinigten Staaten allen Käufern des »S- 400« Sanktionen androhen, um der russischen Rüstungsindustrie Kunden abspenstig zu machen und sie nach Möglichkeit zu ruinieren; solche Strafmaßnahmen hat sie etwa gegen Mitarbeiter des chinesischen Verteidigungsministeriums verhängt. Muss man nun womöglich auch noch mit neuen US-Sanktionen gegen den NATO-Partner Ankara rechnen?

Das wäre riskant. Ankara ist sich der nach wie vor hohen strategischen Bedeutung der Türkei als Brückenkopf für die übrigen NATO-Mächte in Richtung Osten vollauf bewusst und pokert in den Auseinandersetzungen mit anderen Bündnismitgliedern hoch. Ein Beispiel bietet der Streit um die Besuche von Bundestagsabgeordneten auf dem Luftwaffenstützpunkt Incirlik; dort hatte die Bundeswehr im Januar 2016 begonnen, Soldaten zu stationieren. Ankara verwahrte sich gegen Truppenbesuche deutscher Parlamentarier in Incirlik – und hielt in dem Konflikt bis zum Ende durch: Im Jahr 2017 zog die Bundeswehr ihre Einheiten ab, obwohl sie inzwischen begonnen hatte, die Behelfsunterkünfte für die deutschen Soldaten in Incirlik durch gemauerte Einrichtungen zu ersetzen und eine eigene Flugfläche für deutsche Kampfjets zu errichten; auch war die feste Installation eines 34 Millionen Euro teuren Gefechtsstands geplant – man hatte eigentlich auf Dauer bleiben wollen. Weil Ankara nicht mehr bereit war, im Streit mit Berlin nachzugeben, wurde daraus nichts. Was nun aber, wenn Ankara auf etwaige US-Sanktionen ebenso hart reagierte, vielleicht sogar – wie in den 1970er Jahren – die Schließung von Incirlik für die US-Truppen fordern oder gar den vollständigen Abzug US-amerikanischer Militärs verlangen würde? Das wäre nun wirklich keine Kleinigkeit – schließlich haben die US-Streitkräfte auf der Luftwaffenbasis wohl 50 Atombomben vom Typ »B 61« deponiert.

Was tun? Die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) befasste sich bereits im Mai 2018 mit der Frage, wie man auf die immer selbstbewusstere Machtpolitik der kontinuierlich erstarkenden Türkei reagieren könne. Sie kam zu dem Schluss, die NATO solle jegliche Eskalation nach Möglichkeit vermeiden – denn sonst drohe schlimmstenfalls Ankaras Austritt, und der werde ernste Folgen haben. Er werde nicht nur »den politischen Zusammenhalt des Bündnisses fundamental in Frage stellen«, sondern es auch »operativ einschneidend schwächen«; geostrategisch sei »die Lage der Türkei« nun mal »von unschätzbarer Bedeutung für die Allianz«. Die nukleare Abschreckung der NATO werde im Falle eines türkischen Austritts klar »beeinträchtigt«, »laufende NATO-Operationen und die Verteidigungsfähigkeit insgesamt« würden geschwächt – denn die türkischen Streitkräfte seien an gleich mehreren NATO-Einsätzen aktiv beteiligt. Nicht zuletzt würde ein türkischer NATO-Austritt »das antiwestliche Lager politisch stärken«, warnte die SWP. Denn »die Türkei wäre gezwungen, den Verlust an strategischen Vorteilen, die ihr das Bündnis geboten hat, durch den Beitritt zu anderen Allianzen zu kompensieren«. Das »antiwestliche Lager«: Damit waren natürlich vor allem Russland und China, aber durchaus auch die von ihnen getragene SCO gemeint.

Die Frage stellt sich freilich: Pokert die türkische Regierung nur hoch, ohne es letztlich auf einen Austritt aus der NATO ankommen zu lassen, oder wird sie diesen im Fall der Fälle auch wirklich realisieren? Vorteilhaft wäre der Austritt für sie nicht unbedingt. Denn mit seiner aktuellen Politik gelingt es Ankara, sich das Beste aus beiden Welten zu sichern: die Mitgliedschaft im militärisch schlagkräftigsten Kriegsbündnis der Welt, gleichzeitig aber auch die enge Kooperation mit einem von dessen schärfsten Rivalen – Russland. Womöglich handelt es sich bei dem türkischen Kokettieren mit einem Austritt denn auch nur um eine Art »Feiglingsspiel«: Wer zuerst zuckt, hat verloren. So war es wohl in den 1970er Jahren. Allerdings ist die Türkei seit damals erheblich stärker und mächtiger geworden.

Jörg Kronauer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 5. Dezember über China und die Uighuren: »Terror in Xinjiang«

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