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Aus: Ausgabe vom 27.01.2020, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto Leserbriefe.png

Agrarwende überfällig

Zu jW vom 17.1.: »›Es führt zu hemmungsloser Ausbeutung‹«

(…) Auf den Feldern haben die Landwirte grüne Kreuze aufgestellt, die an das Bauernsterben erinnern sollen. Ihre Ängste sind mehr als berechtigt. Die Landwirtschaftspolitik vor allem unter CDU und CSU hat dazu geführt, dass zwischen 1975 und 2014 von rund 900.000 landwirtschaftlichen Betrieben rund 600.000 wegrationalisiert wurden. Die kleineren Familienbetriebe sind verschwunden – und mit ihnen die Artenvielfalt. Übrig bleiben langfristig nur riesige Agrarfabriken, die für den Weltmarkt produzieren (…). Die bundesweiten Kundgebungen der Bauern zeigen den verzweifelten Wunsch nach Beibehaltung des Status quo, und das heißt Agrargifte wie Glyphosat, Massentierhaltung, Insektenvergiftung, Vogelsterben, CO2-Belastung, Nitrat im Grundwasser – und gleichzeitig auch Bauernsterben. Die Lobby der Bauernverbände hat bisher einen Richtungswechsel zu einer nachhaltigen Landwirtschaft verhindert. Durch ihre Kampagnen soll der Bevölkerung weisgemacht werden, dass Umweltauflagen die Ursache für das Bauernsterben sind. Die eigentlichen Ursachen werden verschwiegen. Wie in Ihrer Zeitung vermerkt, stammen 40 Prozent der Zuwendungen für EU-Landwirte aus Steuermitteln. Wenn Dürren, Hagelschäden oder Überschwemmungen auftreten, was in Zeiten des Klimawandels immer häufiger der Fall ist, hält die Agrarlobby gerne die Hand auf, und die Solidargemeinschaft springt großzügig ein. In der Bevölkerung herrscht die Meinung vor, dass eine Branche, die zu einem hohen Anteil aus Steuergeldern finanziert wird, auch die Verpflichtung habe, das Gemeinwohl zu schützen. Eine Agrarwende hin zu einer (…) nachhaltigen und zukunftsorientierten Landwirtschaft ist überfällig. Dazu braucht es (…) eine andere, neue Agrar- und Subventionspolitik. Und die Landwirtschaft braucht endlich auch gute Preise für umweltschonend erzeugte Produkte. Ein Weitermachen wie bisher zerstörte nicht nur die Artenvielfalt. Es bedeutete auch (…) das Ende aller kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betriebe. (…)

Conrad Fink, Freiberg am Neckar

Vergessene Zäsur

Zu jW vom 21.1.: »Rentenversicherung attackiert Grundrentenpläne« (online)

Dass die Grundrentenpläne der Regierung keine Begeisterungsstürme bei der Rentenversicherung auslösen, kann man nachvollziehen. Aber eine Zäsur bei den Versicherungsleistungen fand bereits (…) 1992 statt, als das Rentenüberleitungsgesetz für in der DDR Rentenversicherte geschaffen wurde, das tatsächlich einen tiefen Einschnitt für die spätere Existenzgrundlage eines Teils künftiger Rentner bedeutete. Mir beispielsweise wird monatlich ein Drittel meiner Rente für 25 Eisenbahnerdienstjahre vorenthalten. Bei Erhalt dieses Drittels könnte ich leicht auf eine Grundrente verzichten. Erst wird man also teilenteignet, um dann von bundesdeutschen Gnaden eventuell eine Grundrente zu bekommen. Nun werden alle möglichen Vorbehalte von seiten der Rentenversicherung vorgebracht, die die Durchführbarkeit der Reform bis Anfang 2021 in Frage stellen. Für Außenstehende sieht das nach einem durchsichtigen Manöver aus, um die Grundrente vielleicht noch ein Jahr nach hinten verschieben zu können. (…)

Christel Harke, per E-Mail

Goldenes Zeitalter

Zu jW vom 22.1.: »Vorschlag«

Im Fernsehtip heißt es zur Sendung »Die kleinen Machos sind zurück«: »Die Teenager von heute (...) scheinen den Machismo stärker zu leben als Hunderte Generationen vor ihnen.« Wenn »eine Generation« circa dreißig Jahre dauert, dann wären hundert Generationen schon dreitausend Jahre. Aber »Hunderte« Generationen? Sechstausend, neuntausend Jahre? Der Verfasser scheint eine profunde Vorstellung von Vor- und Frühgeschichte zu haben. Was ist aus dem Zweistromland, dem Nildelta oder der Megalithkultur an Machismo überliefert? (…) Ich dachte, das sei noch die »goldene Zeit« des Matriarchats gewesen: Bauernkulturen, Kult der großen Mutter etc. Am Ende des Artikels steht: »Es wäre ja auch so einfach, wenn die Kultur schuld wäre – und nicht der Kapitalismus.« Ist es nicht auch etwas einfach, wenn an allem der Kapitalismus schuld ist? Und ist die Kultur (und nach Freud das Unbehagen in ihr) nicht tatsächlich so ziemlich an allem »schuld«, sogar am Kapitalismus? Seit wann gibt es den Kapitalismus? Gab es vorher keine sexuellen Übergriffe? (…)

Jürgen Harms, per E-Mail

Nicht hinnehmbar

Zu jW vom 23.1.: Leserbriefe »Tapferer Kampf« und »Vor der Haustür«

Mit Streiks und Demonstrationen wird in Frankreich vor allem gegen die geplante Anhebung des Renteneintrittsalters von derzeit 62 Jahren auf 64 protestiert. Präsident Emmanuel Macron will durchsetzen, was seine Vorgänger schon vorhatten, sich aber nicht trauten. Das Standardrentenniveau beträgt in Frankreich etwa 75 Prozent vom Durchschnittsverdienst. In Deutschland, wo das Renteneintrittsalter gerade auf 67 Jahre erhöht und sogar schon von 70 Jahren gesprochen wird, liegt das Rentenniveau mit 50 Prozent deutlich niedriger und soll noch weiter abgesenkt werden. Ich bin 1992 in die Rente gegangen, da betrug es einige Prozentpunkte mehr. Dann wurde 2005 die Besteuerung der Rente eingeführt – eine doppelte Besteuerung, weil bisher im Arbeitsleben bereits der Verdienst besteuert worden ist. Wie reagiert der betroffene Deutsche darauf? Er schimpft. Da er aber zur Obrigkeitshörigkeit erzogen worden ist, ohne dass er das vielleicht gemerkt hat, nimmt er das zähneknirschend hin und sagt, wir können ja doch nichts machen. Die Franzosen zeigen uns, dass was machbar ist. Wer sind nun die besseren Demokraten, die Deutschen oder die Franzosen? (…) Wenn das Streik- und Demonstrationsrecht als hohes Gut der Demokratie bezeichnet wird, müssten die Franzosen bessere Demokraten sein als die Deutschen.

Gerhard Schiller, Dresden

Wer die Streikenden unterstützen will, ­bitte unter kurzlink.de/Spenden_CGT

Wenn das Streik- und Demonstrationsrecht als hohes Gut der Demokratie bezeichnet wird, müssten die Franzosen bessere Demokraten sein als die Deutschen.

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