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Aus: Ausgabe vom 25.01.2020, Seite 12 / Thema
Fotographie

»Aber wo, wo noch?«

Die lange in Vergessenheit geratene, in Auschwitz ermordete Berliner Porträtfotografin Charlotte Joël (1887–1943) wird wiederentdeckt
Von Cristina Fischer
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Ab 1933 fertigte Charlotte Joël mehrere einfühlsame Porträts von Hilde Benjamin und ihrem Sohn Michael an

Im Jahr 1931 erschien in der Kulturzeitschrift Sport im Bild (die sich keinesfalls nur mit Sport beschäftigte) ein Artikel mit der Überschrift »Eine Frau photographierte« von Artur Gläser. Er war dem Andenken der britischen Fotografin Julia Margaret Cameron (1815–1879) gewidmet und beginnt mit den Worten: »Ich kann euch nicht sagen, Freunde, wie sie aussah: ich kenne kein Bild von ihr. Sie hat uns das Antlitz vieler Menschen in geistvollen Umschreibungen überliefert – sind ihre eigenen Züge niemals überliefert worden? Auch weiß ich von ihrem Leben so gut wie nichts. Denn was geben die spärlichen Auszüge aus Berichten, die ich zusammengetragen fand? Die Bedeutenden gehen heute rasch und unbemerkt dahin. Es ist mühsam, sie wieder zu erwecken.«

Fast achtzig Jahre später finden sich bei Wikipedia recht ausführliche biographische Informationen über Julia Margaret Cameron, auch ein Foto von ihr selbst. Das lässt hoffen für eine Berufskollegin, die 1931 im Zenit ihres Schaffens stand und über die heute fast mit denselben Worten geschrieben wird, die damals Gläser benutzte. »Was bleibt, wenn nichts bleibt«, betitelte Sabine Krusen (Brunnhilde e. V.) vor einigen Jahren einen Vortrag in der Berliner Inselgalerie über Charlotte Joël und brachte damit das Problem auf den Punkt. »Nichts« ist natürlich untertrieben, denn dann hätte es keinen Vortrag geben können. Geschweige denn ein Buch.

Doch dem kürzlich im Wallstein-Verlag erschienenen Band über Charlotte Joël ist ein biographischer Essay vorangestellt, dessen Verfasser, Werner Kohlert, klagt: »Das Leben dieser Frau aus Fundstücken fügen. Aber alles bleibt Torso. (...) Auch ihre äußere Gestalt bleibt im Dunkeln (...), denn es gibt kein Bild von ihr.« Sie wäre, meint er, vergessen worden, »wäre da nicht ihr Werk«. Charlotte Joël ist in erster Linie bekannt durch ihre Porträts von Karl Kraus und Walter Benjamin. Ohne die Prominenz dieser beiden Männer wäre auch »ihr Werk« vergessen.
Über ihr Leben konnte bisher nur wenig ermittelt werden.

Charlotte Joël kam am 13. August 1887 in Charlottenburg, das damals noch nicht zu Berlin gehörte, in einer jüdischen Familie zur Welt. Ihr Vater Georg war Bankkommissionär, er starb nach einem unsteten Leben schon 1900 in Halle/Saale durch Selbstmord. Sein Tod muss die damals 12jährige Charlotte tief verunsichert haben. Ihre Mutter Gertrud begann danach als Apothekenhelferin in der Berliner Arztpraxis ihres Bruders, des namhaften Urologen Dr. Carl Posner, zu arbeiten und war nach dem Krieg beim Städtischen Medizinalamt Berlin angestellt. Posner war nicht nur ein international agierender Wissenschaftler von Rang, sondern auch musisch höchst interessiert, ein Freund Rudolf Virchows und ein begabter Autor, der u. a. mit Theodor Fontane und Lovis Corinth Umgang pflegte. Er hatte sich vom jüdischen Glauben abgewandt und sich evangelisch taufen lassen.

Lotte, wie sie von ihrer Familie genannt wurde, wuchs also in einem kulturell anregenden Milieu auf, vermutlich in Kontakt zu ihrem älteren Cousin Hans Ludwig, der ebenfalls Arzt wurde, und zu ihrer Cousine Helene. Am nächsten stand ihr jedoch ihr sechs Jahre jüngerer Bruder Ernst. Hochintelligent, idealistisch gesinnt und sozial engagiert, trat er bereits während seines Medizinstudiums in Berlin als Leiter der Freien Studentenschaft und als Funktionär einer fortschrittlichen Jugendbewegung hervor. 1915 gab er die politische Zeitschrift Der Aufbruch heraus, wurde deshalb relegiert, und die Zeitschrift wurde von der Militärbehörde verboten. Joël hatte sich während seines Studiums mit dem angehenden Arzt Fritz Fränkel – einem späteren Mitbegründer der KPD –, mit Gustav Landauer, Kurt Hiller und anderen Sozialisten befreundet. Auch den späteren Philosophen Walter Benjamin hatte er kennengelernt. Nach seinem Wechsel an die Universität Heidelberg erweiterte sich sein Freundeskreis u. a. um den Religionsphilosophen Martin Buber, der ihn »das edelste Gesicht der deutschen Jugendbewegung« nannte.

Spätstarterin

Charlotte Joël erlernte vermutlich an der 1890 gegründeten Photographischen Lehranstalt des Berliner Lette-Vereins den Beruf einer Fotografin. Als sie 1916 zusammen mit ihrer Kollegin Marie Heinzelmann in Charlottenburg, in der Nähe vom Bahnhof Zoo, ihr »Atelier für moderne Photographie« einrichtete, war sie bereits 29 Jahre alt. Ihr Bruder war ihr behilflich, indem er ihr seine Freunde ins Fotostudio schickte. Ihr erstes bekanntes Porträt zeigt Gustav Landauer und stammt vom August 1916. Danach fotografierte sie u. a. Martin Buber, Landauers zweite Frau Hedwig Lachmann und Fritz Fränkel. Wohl mehr zufällig geriet 1918 die blutjunge Marlene Dietrich in ihr Atelier, die gerade die Schule beendet hatte und noch brav, ungeschminkt, aber mit einer riesigen Propellerschleife im Haar vor der Kamera saß.

Nach dem Ersten Weltkrieg gelangen der Fotografin feinfühlige Aufnahmen der Musikerinnen Ursula Hildebrand und Ilse Fromm-Michaels. Mehrmals posierten die Ballettänzerin Mary Zimmermann von der Deutschen Oper Berlin und der Stummfilmstar Erich Kaiser-Titz. Zu einem besonderen Besucher ihres Ateliers, bald einem Dauergast, wurde ab 1921 der österreichische Schriftsteller Karl Kraus. Bis 1930 kam er regelmäßig, fast jedes Jahr, zu ihr, da er insgesamt mehr als hundert Lesungen in Berlin absolvierte. In dieser Zeit war sie seine bevorzugte Porträtistin. Sein Bild in der Öffentlichkeit ist bis heute von ihren Aufnahmen geprägt.

Ernst Joël war inzwischen ein engagierter und angesehener Arzt in Berlin, als Stadtschularzt auch für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen zuständig. Er hatte die erste Fürsorgestelle für Alkohol- und Suchtkranke gegründet und war 1925 an der Entstehung des Gesundheitshauses Kreuzberg beteiligt. Er führte einen leidenschaftlichen Kampf gegen den Alkoholismus und verfaßte u. a. mit Fränkel mehrere Publikationen zum Thema Rauschgiftsucht. Zuletzt bereitete er noch die Aufklärungsausstellung »Gesunde Nerven« vor, die im Oktober 1929 in Kreuzberg eröffnet wurde, was er jedoch nicht mehr erlebte. Er ist angeblich medizinischen Selbstversuchen mit Drogen erlegen, die er zusammen mit Fritz Fränkel und Walter Benjamin unternahm.

Charlotte Joël war in seiner Ausstellung mit zwanzig Kinderfotos auf der Schautafel »Säugling und Kleinkind« vertreten. Sein Tod traf sie bis ins Mark. An Martin Buber, der ihrer Mutter einen Beileidsbrief gesandt hatte, und den sie wenig später bei einem Vortrag wiedersah, schrieb sie verzweifelt: »Wo? Herr Buber – habe ich ihn jetzt zu suchen? In mir selbst, könnte eine Antwort sein. Ja, da war er stets. Aber wo, wo noch? Wo wird er sein, wenn auch ich gestorben bin?«
Sie machte sich bittere Vorwürfe, ihren Bruder nicht von seinen Drogenexperimenten abgehalten zu haben. Es ist einer von nur zwei bisher bekannten Briefen, die etwas über ihr Wesen und ihre Gefühle aussagen. Er macht deutlich, wie sehr sie – eine Anhängerin Schopenhauers – mit dem Verhängnis des Todes, vielleicht auch mit einem gewissen Fatalismus rang.

Erfolg und Eigensinn

In den 1920er Jahren hatte sich Charlotte Joël einen festen Platz unter den Berliner Fotografen erobert, ihre Bilder erschienen in Zeitungen und Zeitschriften sowie in Kalendern. Für das »Jüdische Jahrbuch von Groß-Berlin« (1926) fotografierte sie den Rabbiner Ismar Freund, Mitbegründer des Preussischen Landesverbands Jüdischer Gemeinden, und Leo Wolff, den damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Berlin. Solche Aufträge sprechen dafür, dass sie sich der jüdischen Gemeinde verpflichtet fühlte, obwohl sie wohl wie ihr Bruder evangelisch getauft worden war.

Auch einer der damals führenden Pariser Couturiers, Paul Poiret, fand sich in den 1920er Jahren bei ihr ein. Sein in ihrem Atelier entstandenes Porträt erschien 1926 in der Zeitschrift Der Querschnitt . Es fehlt leider in der vorliegenden Publikation ebenso wie ihre Aufnahmen von Freund und Wolff oder wie die des 1922 verstorbenen Lyrikers Paul Kraft, der Hamburger Pianistin und Komponistin Ilse Fromm-Michaels und der Diseuse Trude Troll.

Ende der 20er Jahre porträtierte Charlotte Joël mehrmals Walter Benjamin und seine Schwester Dora sowie Theodor W. Adornos spätere Frau Gretel. Außerdem machte sie sich einen Namen mit liebevollen Kinderbildern; sie fotografierte auch Berliner »Exotenkinder«, wie es damals hieß, etwa Tochter und Sohn eines japanischen Diplomaten, kleine Inder und eine zehnjährige Araberin. Etliche ihrer Motive wurden als Ansichtskarten vervielfältigt.

Dabei verzichtete die Künstlerin beinahe auf jede Raffinesse, »auf jegliche Originalität durch extreme Perspektiven oder Verzerrungen (...) Ungewöhnliche Bildausschnitte, Retuschen oder ein dominantes Spiel von Licht und Schatten sind ihr fremde gestalterische Mittel.« (W. Kohlert) Gewöhnlich setzte oder stellte sie ihre Modelle vor einen gleichmäßig dunklen oder hellen Hintergrund, selbst der Faltenwurf eines Vorhangs erschien ihr meist schon störend. Zudem scheint sie sich auffällige Posen und Mienen, jedes Gestikulieren und Kokettieren verbeten zu haben. Es ist erstaunlich, dass sich überhaupt Schauspieler bei ihr einfanden, denn im Vergleich zu anderen Fotostudios dieser Zeit gab es bei ihr keinerlei Effekte, keine Dekoration, keine Lichtreflexe im Haar. Wer auffällige Publicity wünschte, musste ihr Atelier meiden. Wer sich dramatisch, modisch, erotisch, neckisch oder »interessant« dargestellt sehen wollte, musste anderswohin gehen.

Sie zeigte den Menschen bürgerlich, möglichst schlicht, reduziert auf seine charakterliche oder seelische Substanz, soweit sie sich erschließen ließ. Und mit ihrer eingangs erwähnten Kollegin Cameron könnte sie gemeinsam gehabt haben, dass sie langsam und wortkarg arbeitete, womöglich die Geduld ihrer Kunden strapazierte – einige Gesichter zeigen Anzeichen von Ermüdung, Ratlosigkeit oder Resignation. Sie schien den Blickkontakt zu meiden, nahm gern Profile auf. Karl Kraus bildete eine Ausnahme; er flirtete ganz offen mit der Kamera – oder mit der Frau dahinter?

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Zu einem besonderen Besucher ihres Ateliers, bald einem Dauergast, wurde ab 1921 der österreichische Schriftsteller Karl Kraus

Wie gut sie zugleich die modernen Gestaltungsmittel beherrschte, zeigt ihr expressives Porträt des Schauspielers Bernhard Minetti. Er lehnt lässig an der Wand, genau zwischen einer hellen und einer dunklen Fläche; dieser Kontrast wiederholt sich zwischen weißem Hemd und schwarzem Anzug, und die Rhomben des schwarzweiß gefliesten Fußbodens kehren optisch in den Dreiecken vom dunklen Schlipsansatz, im angewinkelten Arm und im Winkel des weißen Einstecktuchs wieder. Eindrucksvoll wird so die Ambivalenz und die Ambition des jungen Mimen bezeichnet, der bereits in Kiel unter Carl Zuckmayer erste Erfahrungen mit avantgardistischem und politischem Theater gemacht hatte. Andere Fotos, wie die der beiden Musikerinnen, sind eher impressionistisch gehalten.

Harte Einschnitte

Vermutlich war der Tod ihres Bruders für Charlotte Joël die schärfste Zäsur in ihrem Leben. Im Folgejahr, 1930, stellte sich Karl Kraus ein letztes Mal vor ihre Kamera. 1933 besiegelte dann die Machtübertragung an Hitler das Ende ihres beruflichen Höhenflugs. Fritz Fränkel emigrierte bereits im März in die Schweiz und dann nach Paris, wo ihn Charlotte Joël noch besuchte. Er drängte sie zu bleiben, »aber sie wollte sich nicht von ihrem Atelier trennen und ihrer Geschäftspartnerin und kehrte wieder nach Berlin zurück«, wie Hilde McLean, Fränkels damalige Frau, später mitteilte.

Im Mai 1934 schrieb Charlotte Joël an Karl Kraus: »Berlin ist völlig leer für mich. Diejenigen Menschen, die mir nach dem Tod meines Bruders überhaupt noch etwas galten, sind auch nicht mehr hier. Ich selber habe mein Atelier noch weiter, es geht ganz leidlich u. ich hoffe, daß ich es halten kann, denn ein neues Leben irgendwo anders aufzubauen, wie so viele meiner Bekannten, hätte ich nicht viel Lust mehr u. nicht den Elan. So mache ich meine tägliche Arbeit u. lebe übrigens an der Zeit vorbei, fast nicht einmal an ihr leidend, denn mein Zeiger ist zurückgewendet.«

»Völlig leer« kann Berlin für sie allerdings nicht gewesen sein, denn in den Jahren ab 1933 entstanden u. a. mehrere einfühlsame Porträts von Hilde und Georg Benjamin und von ihrem neugeborenen Sohn Michael. Der kommunistische Arzt Georg Benjamin, Bruder von Walter und Dora Benjamin, war 1933 in »Schutzhaft« genommen worden und wurde 1936 erneut verhaftet, da er sich am Widerstand der KPD beteiligt hatte. Seine Frau schickte ihm die Fotos des Kindes in die Haft.

Charlotte Joël fotografierte 1937 auch »Mischa« Benjamins Freund Werner Wüste, den späteren Defa-Dokumentarfilmregisseur, der sich heute noch an die Künstlerin erinnern kann. Sein Vater, Ernst Wüste, war damals ebenfalls wegen seines Widerstands als Kommunist im Zuchthaus. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich Charlotte Joël mit diesen beruflichen und menschlichen Beziehungen politisch positionierte, und dass sie solidarisch zu den Menschen stand, die ihr als Freunde und Genossen ihres Bruders teuer waren.

Endstation Auschwitz

Noch bis 1938 scheint die Zusammenarbeit der beiden Fotografinnen im Atelier in der Hardenbergstraße gedauert zu haben, doch spätestens das Novemberpogrom, die sogenannte Reichskristallnacht, machte ihr ein Ende. Marie Heinzelmann zog nach Halensee, wo sie nun allein ein Fotoatelier eröffnete. Charlotte Joël fand Aufnahme bei ihrer zehn Jahre älteren Freundin Clara Grunwald, einer 1933 aus dem Schuldienst entlassenen Montessori-Pädagogin, die in der Klopstockstraße wohnte.

Im November 1941 gingen sie gemeinsam nach Neuendorf im Sande (bei Fürstenwalde) in ein Lager, das von dem mit Clara Grunwald befreundeten Ehepaar Martin und Bertel Gerson geleitet wurde, und in dem früher Juden auf ihre Auswanderung vorbereitet worden waren. Damals lebten dort bis zu zweihundert Menschen in Holzbaracken – unter ihnen die 17jährige Esther Bejarano – und mussten Zwangsarbeit leisten. Charlotte Joël plagte sich täglich bis zu dreizehn Stunden in der Küche. Nebenbei fotografierte sie heimlich ihre Freundinnen; so entstanden zum Beispiel sechzehn Porträtstudien der Bibliothekarin und Künstlerin Clotilde von Schenck zu Schweinsberg, deren lebhafte Mimik und Gestik sie fasziniert haben muss.

Bereits Anfang April 1942 wurden mehr als sechzig meist ältere Juden aus diesem Lager deportiert. Sie waren fast alle »so würdig und gefaßt, daß einem dabei das Herz noch schwerer wurde«, schrieb Clara Grunwald an die Quäkerin Margarethe Lachmund. Ergreifende Szenen hatten sich zuvor abgespielt – zwei Paare hatten geheiratet, um zusammen fortgebracht zu werden, eine alte Dame hatte erreicht, dass ihre Kinder sie begleiteten. Junge Frauen, die tagsüber in der Fabrik arbeiteten, verzichteten auf ihren Schlaf, um nachts für die Abreisenden noch die Wäsche zu waschen. »Du kannst Dir von der Totenstille, die heute herrscht, keine Vorstellung machen«, fügte Clara hinzu, »alle Menschen sind hier, aber du hörst kaum ein Wort«.

Noch ein ganzes Jahr blieben die beiden Frauen danach im Lager. Anfang März 1943 berichtete Clotilde Schenck: »Es war große Packerei, heute oder morgen findet die Abreise statt. Charlottchen war sehr blaß und mitgenommen, Clara sah eigentlich gut aus (...)« Clara Grunwald hatte darauf bestanden mitzufahren, da ihre Freundin fest entschlossen war, sich sonst das Leben zu nehmen.

Die »Abreise«, die Deportation über Berlin nach Auschwitz, erfolgte erst im April. Zuvor war noch die Habe der Fotografin bürokratisch-listenmäßig erfasst und vom Staat als »kommunistisches Vermögen« eingezogen worden. Weder von Charlotte Joël noch von Clara Grunwald hat es danach ein Lebenszeichen gegeben. »Beider Haltung während des Umzugs hat allgemeine Bewunderung erregt«, schrieb Clotilde Schenck.

Friedrich Pfäfflin, ehemaliger Leiter der Museumsabteilung des Schiller-Nationalmuseums in Marbach a. N., war durch seine Beschäftigung mit Karl Kraus auf die Fotografin aufmerksam geworden, konnte aber lange Zeit nichts über sie ermitteln. Erst durch die Publikationen über Fritz Fränkel, Ernst Joël und Clara Grunwald sowie mit Hilfe von Sabine Krusen, Werner Wüste und Ursula Benjamin kam allmählich genug Substanz für eine Publikation zusammen. Aus gesundheitlichen Gründen waren seinen Recherchen jedoch Grenzen gesetzt, und letztlich überließ Pfäfflin den biographischen Teil einem Freund, dem früher bei der Defa tätigen Kameramann und Regisseur Werner Kohlert.

Der Bildband enthält mehr als 200 Fotografien, die aus verschiedenen Archiven und privaten Sammlungen zusammengetragen wurden, darunter dem Deutschen Literaturarchiv Marbach, dem Archiv des Antikriegsmuseums (Friedensbibliothek) Berlin, dem Jüdischen Museum Berlin, der Wienbibliothek und dem Leo Baeck Institute New York. Auf diese Weise sind die Porträts von 28 mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten, die Charlotte Joël vor ihre Kamera bekam, erfasst worden. Es hätten jedoch mindestens ein halbes Dutzend mehr sein können, die das Bild, das wir nun von der Künstlerin haben, bereichert hätten.

Leider weist vor allem der biographische Essay einige Ungereimtheiten und auch Fehler auf. Der von Pfäfflin hergestellten Katalogteil und dokumentarische Anhang, obwohl ungemein detailliert, ist nicht in jedem Punkt korrekt und nachvollziehbar. Vier dort genannte Fotomotive von Charlotte Joël fehlen übrigens ohne Begründung im ansonsten auf weitgehende Vollständigkeit orientierten Bildteil.

So ist die am Ende von Pfäfflin gezogene Bilanz, es handle sich aufgrund äußerer Umstände um kein gutes Buch – ein besseres sei ihm leider nicht mehr möglich gewesen – zwar überzogen, aber man wünschte doch, die Herausgeber hätten sich noch etwas Zeit gelassen.
Ihre schöne und wertvolle Publikation regt hoffentlich weitere Nachforschungen an.

Werner Kohlert/Friedrich Pfäfflin: Das Werk der Photographin Charlotte Joël. Porträts von Walter Benjamin bis Karl Kraus, von Martin Buber bis Marlene Dietrich. Wallstein-Verlag Göttingen 2019. 330 S., geb., 208 ganzseit. Fotos, 24,90 Euro

Weiterführende Literatur:
– Margarete Exler: Von der Jugendbewegung zur ärztlichen Drogenhilfe. Das Leben Ernst Joëls (1893–1929) im Umkreis von Benjamin, Landauer und Buber. Trafo-Verlag, Berlin 2005

– Klaus Täubert: »Unbekannt verzogen …« – Der Lebensweg des Suchtmediziners, Psychologen und KPD-Gründungsmitgliedes Fritz Fränkel. Trafo-Verlag, Berlin 2004

– Egon Larsen (Hrsg.): »Und doch gefällt mir das Leben«. Die Briefe der Clara Grunwald 1941–1943. Hentrich & Hentrich, Berlin 2015

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