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Aus: Ausgabe vom 25.01.2020, Seite 11 / Feuilleton
Gentrifizierung

Die einzige Chance

Dem Berliner Kino Moviemento droht die Schließung
Von Michael Saager
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Einmal inspizieren, bitte: Techniker des Kinos Moviemento untersucht historischen Filmprojektor

Dem ältesten Kino Deutschlands, dem Moviemento am Kottbusser Damm, geht es schlecht. Zuschauerzahlen sind nicht das Problem, im Gegenteil. Der Berliner Zeitung (27.12.2019) erzählte Betreiber Wulf Sörgel, dass man in den letzten Jahre so viele Zuschauer wie noch nie gehabt habe. Die Plakate im Eingangsbereich, auf denen »Werde Moviemento-Retterin!« steht, haben einen anderen Grund. Der ist vor allem in Kreuzberg und Nordneukölln bekannt wie ein bunter Hund und hört wahlweise auf die fiesen Namen Gentrifizierung oder Immobilienspekulation. Kurz, die 113 Jahre alte Institution soll schließen, weil der Vermieter die Immobilie verkaufen will – für stramme 1,868 Millionen Euro (vor Steuern und Notargebühren).

Gibt es Hoffnung? Im Interview mit dem Neuen Deutschland (22.01.2020) erzählt Sörgel, man sei im Gespräch mit dem Eigentümer, und dass man die Etage mit dem Kino gern selbst kaufen möchte. »Es ist die einzige Chance. Es ist sehr teuer, aber es wird noch teurer, wenn wir es nicht tun.« Von der Hoffnung, dass der Eigentümer mit dem Preis heruntergehen könnte, weil er möglicherweise einen besonderen kulturellen Wert in dem so alten wie quicklebendigen und, was die Auswahl der Filme anbelangt, politisch erfreulich engagierten Moviemento erkennt, spricht er auch. Die gute alte Hoffnung, da ist sie wieder.

Sie ist glücklicherweise nicht alles, es gibt da außerdem noch ein paar eiserne Reserven, einen Freund mit Geld (200.000 Euro), laufende Gespräche mit Stiftungen, mit Florian Schmid, dem Baustadtrat von Kreuzberg, mit Berlins Kultursenator Klaus Lederer natürlich (der Mann ist ja angeblich sowieso auf Mission, kulturelle Institutionen zu retten, aber wem nützen schon Lippenbekenntnisse der Politik?). Vielleicht haut ja die laufende Crowdfunding-Kampagne rein. In einem ersten Schritt sollen darüber 100.000 Euro gesammelt werden – gestern Mittag waren es 91.937 Euro von rund 1.700 Menschen –, die Zielsumme soll wiederum Großinvestoren anlocken. Läuft bisher ganz gut, sagt Sörgel. Er muss es wissen.

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