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Aus: Ausgabe vom 25.01.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Haus kaputt

Synke Köhlers Debütroman »Die Entmieteten« erzählt von Verdrängung und Mietaktivismus
Von Katharina Bendixen
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Die Differenz macht die Rendite: Es gibt viel zu tun

»Das Recht auf bezahlbaren Wohnraum müsste ein Grundrecht sein.« Diesen Satz sagt Kathleen, als Grozki gerade mit ihr schlafen will. Er kontert: »Das Recht auf Sex müsste ein Grundrecht sein.« Kathleen und Grozki – sie prokrastinierende Doktorandin, er abgehalfterter Musiker – sind die Hauptfiguren in Synke Köhlers Debütroman »Die Entmieteten«. Darin geschieht, was mittlerweile ganz alltäglich ist: Die Mieter eines Q3A-Blocks in Berlin-Prenzlauer Berg erfahren in einem kurzen, sachlichen Brief, dass ihr Block »nicht mehr den geltenden Wohnbedürfnissen entspricht«. Soll heißen: Die Abrissbirne kommt. Viele wohnen dort seit den sechziger Jahren. Manche ziehen dennoch sofort aus, andere wollen die Sache aussitzen und gehen dann doch auf die 10.000 Euro ein, die im dritten Brief angeboten werden. Nur vier Menschen wohnen noch dort, als erst ein Großteil der Fenster und dann die Gasleitungen entfernt werden, als vorsorglich schon mal der Putz von den Außenwänden geschlagen und ganz versehentlich die Heizung abgestellt wird. Neben Kathleen und Grozki – dessen Name nicht umsonst an den russischen Revolutionär erinnert – sind das ein Rentner und ein Journalist, der allerdings aus Bequemlichkeit meistens bei seiner Freundin nächtigt. Die vier haben unterschiedliche Motive, den zunächst geschickten, irgendwann nicht mehr ganz so subtilen Psychotricks von Verena Wilke zu widerstehen, in der Immobilienfirma die Mitarbeiterin, die den Mietern den Auszug schmackhaft machen soll. Verena Wilke ist die fünfte Figur des Romans, sie hat in ihrem schicken Haus am Nikolassee ganz andere Kämpfe auszutragen.

Lücke in der Abwehr

Synke Köhler ist nicht die erste Autorin, die Verdrängung und Mietaktivismus ins Zentrum ihres Romans stellt. 2011 hat Jan Peter Bremer mit »Der amerikanische Investor« einen absurden Roman über dieses Thema geschrieben, vor zwei Jahren kämpften in Madeleine Prahs’ Roman »Die Letzten« drei Figuren einen ähnlichen Kampf wie Synke Köhlers Quartett. Auch in Anke Stellings preisgekröntem Roman »Schäfchen im Trockenen« ist der angespannte Berliner Immobilienmarkt auslösendes Element des Erzählens. Vielleicht aber ist Synke Köhlers Buch derzeit die ernsthafteste und konsequenteste literarische Auseinandersetzung mit dem Thema. Das gereicht dem Roman nicht nur zum Vorteil. Dass »Die Entmieteten« fast ausschließlich in dem zu entmietenden Q3A-Block spielt, macht die Handlung stellenweise etwas unlebendig, und nicht immer sind theoretische Überlegungen so geschickt eingebettet wie der kurze Dialog zwischen Kathleen und Grozki über neue Grundrechte.

Andererseits ist es jedoch folgerichtig, dass Synke Köhler wirklich nichts auslässt: keine der zahlreichen perfiden Aktionen der Immobilienfirma, nicht die Wikipediadefinitionen von Moral und Freiheit und auch nicht die Tatsache, dass Jahr für Jahr sieben Millionen Euro Steuergelder in Form von Wohngeld auf die Konten von Wohnungseigentümern fließen. Köhler lässt zwei ihrer Figuren eine sehr kurze, sehr traurige Zweckbeziehung führen, sie lässt eine fast fünfzigjährige Ehe beinahe enden und einen rationalen Mann schnurstracks in den Wahnsinn marschieren. Dabei greift sie immer wieder auf Kriegsvokabular zurück: Die erste Mietpartei, die auszieht, reißt »eine Lücke in die Abwehr«, und auf dem Fensterbrett werden Spielzeugindianer aufgereiht wie »eine kleine Armee«.

Den Halt verloren

Es herrscht eben Krieg. »Krieg um die Ressource Wohnung«. Deshalb zimmern Kathleen und Grozki im Laufe des Romans auch Kreuze aus den Latten der aufgebrochenen Kellertüren und bepinseln sie mit Sprüchen wie »Opfer der Rendite«. Das ist nur eine von verschiedenen Aktionen, die die beiden Hauptfiguren durchführen, um ihren Wohnblock zu retten. Je weiter der Roman voranschreitet, um so deutlicher wird, dass vor allem für die beiden ihre Wohnung mehr ist als ihr Zuhause. Er ist ihr Refugium, denn draußen, in der Welt, haben sie den Halt längst verloren. Kathleen besitzt nicht viel mehr als den wohlklingenden Titel einer Dissertation und sehr, sehr viele zu lesende Bücher, und Grozki hat nur noch die Erinnerung an seine Zeiten als erfolgreicher Musiker in der DDR.

Immer wieder geht Synke Köhler in die Vergangenheit zurück, erzählt von Kathleens Kindheit und Grozkis Mucken. Ein Höhepunkt ist die Episode, in der Grozki mit seiner Band die Spielerlaubnis beantragt und dabei auch den Bandnamen Nachtasyl verteidigen muss. Es dauert eine ganze Weile und bedarf sogar des Einschreitens des sowjetischen Botschafters in Berlin, bis die Kulturfunktionäre diesen Namen akzeptieren. Der musikalische Durchbruch von Nachtasyl lässt noch länger auf sich warten. »vera! vera! vera kaputt! / es wird kalt. und bald noch kälter / du bist alt und bald noch älter«, so lautet der Text des erfolgreichsten Songs, wobei für »vera« jeder mögliche Name, ja, eigentlich jeder Begriff eingesetzt werden kann. Zum Beispiel: Haus kaputt. Wie dadurch auch Leben zerstört werden, das macht »Die Entmieteten« greifbar.

Synke Köhler: Die Entmieteten. ­Satyr-Verlag, Berlin 2019, 250 Seiten, 23 Euro

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