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Aus: Ausgabe vom 25.01.2020, Seite 8 / Abgeschrieben

»Wir wollen eure Lügen nicht«

In einer »Erklärung wider den Irrsinn« protestierte am Donnerstag abend ein breites Bündnis von Friedensaktivisten gegen Geschichtsfälschung. Initiiert wurde die Resolution unter anderem von Wolfgang Gehrcke, Christiane Reymann, Ellen Brombacher und Thomas Hecker.

Ausgerechnet in diesem Land soll ein »Denkmal für die Opfer des Kommunismus« errichtet werden. Ein Denkmal für die Opfer des Kapitalismus fehlt. Anstelle dessen wird das Kaiserschloss wieder errichtet, welches auch ein Symbol für die vielen Millionen Toten des maßgeblich von Deutschland mit zu verantwortenden Ersten Weltkrieges ist.

Ein Denkmal für alle Opfer des Faschismus fehlt. Gäbe es eines für die des Kapitalismus, so wären die Opfer von 1933 bis 1945 eingeschlossen. Denn vom durch Hitlerdeutschland entfachten Morden in beinahe ganz Europa profitierte das deutsche Kapital, selbst vom fabrikmäßigen Vergasen in den Todeslagern. Wer über die im Interesse des deutschen Kapitals im 20. Jahrhundert begangenen monströsen Verbrechen fast gar nicht reden will, den Völkermord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden als Phänomen darstellt und die 27 Millionen im Zweiten Weltkrieg umgekommenen sowjetischen Bürgerinnen und Bürger für kaum der Rede wert hält, der sollte sich nicht als moralische Instanz aufspielen. Das wissen die Initiatoren dieses geplanten Denkmals auch. Doch sie fühlen sich stark, nicht zuletzt, weil das Europäische Parlament (EP) dementsprechende Richtlinien formulierte.

In der »Entschließung des EP vom 19. September 2019 zur Bedeutung des europäischen Geschichtsbewusstseins für die Zukunft Europas« heißt es, der Zweite Weltkrieg sei die unmittelbare Folge des zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion abgeschlossenen Nichtangriffsvertrages gewesen. Das ist zum einen geschichtsvergessen und zum anderen eine unerhörte Gleichsetzung der Sowjetunion mit dem Hitlerregime. Dem entspricht in besagter Entschließung die unfassbare Feststellung, »dass es im öffentlichen Raum einiger Mitgliedsstaaten (z. B. in Parks, auf Plätzen oder in Straßen) noch immer Denkmäler und Gedenkstätten gibt, die totalitäre Regimes verherrlichen, was der Verfälschung historischer Tatsachen über die Ursachen, den Verlauf und die Folgen des Zweiten Weltkrieges Tür und Tor öffnet.«

Also weg mit dem Denkmal für die im Kampf um Berlin gefallenen sowjetischen Soldaten im Treptower Park? Da würde gleich Platz geschaffen für ein »Denkmal für die Opfer des Kommunismus«, zu denen ja wohl auch alle gezählt werden müssen, die Hitlerdeutschland vor den Truppen der »totalitären« Sowjetunion »verteidigten«.

In der Entschließung des EP findet sich kein einziges Wort über den gewaltigen Anteil der Sowjetunion an der Zerschlagung der faschistischen Barbarei, kein Wort über die unerhörten Opfer, kein Wort über die von den deutschen Faschisten auf dem Rückzug verbrannte sowjetische Erde (…), kein Wort über die infolge der Blockade von Leningrad Verhungerten, kein Wort über die weit mehr als 600 niedergemachten und niedergebrannten belorussischen Dörfer, kein Wort über all die anderen ungezählten Verbrechen. Die da über die Verfälschung historischer Tatsachen durch Russland reden, verfälschen heuchelnd selbst. Doch wie anders sollten sie rechtfertigen, dass um Russland erneut ein »Cordon sanitaire« gezogen wird, dass deutsche Panzer wieder vor Russlands Grenzen stehen und dass ausgerechnet im 75. Jahr der Befreiung der Völker Europas vom faschistischen Joch – auch über den 8. und 9. Mai 2020 – das NATO-Großmanöver »Defender Europe 2020« mit 37.000 Soldaten stattfindet. Ostern hingegen wird pausiert. Nicht pausieren wird die Friedensbewegung, der wir angehören und an deren Aktionen – gerade gegen »Defender Europe 2020« – wir aktiv teilnehmen. Denn NATO-Staaten proben den Aufmarsch in einem etwaigen gemeinsamen Krieg gegen Russland.

Die Vorbereitungen von Kriegen beginnen immer mit der Lüge. All jenen, die für das Wiederaufleben des Kalten Krieges die Hauptverantwortung tragen, sagen wir: Wir wollen eure Lügen nicht, wir wollen eure Kriege nicht, nicht eure Sanktionen und auch nicht die Handelskriege. Die NATO, sie gehört aufgelöst. Und wir brauchen ein kollektives Sicherheitssystem unter Beteiligung Russlands. Stoppt den neuen Kalten Krieg gegen Russland, damit kein heißer Atomkrieg daraus wird, den keine und keiner von uns überlebte.

Debatte

  • Beitrag von Florian B. aus Leipzig (24. Januar 2020 um 21:47 Uhr)
    Könnt ihr bitte mal die vollständige Erklärung verlinken? Besten Dank.
    • Beitrag der jW-Redaktion (27. Januar 2020 um 10:50 Uhr)
      https://cooptv.wordpress.com/2020/01/25/den-kalten-krieg-stoppen-damit-es-kein-heisser-wird-eine-erklaerung-wider-den-irrsinn/
  • Beitrag von Thomas P. aus Berlin (24. Januar 2020 um 23:59 Uhr)
    Ergänzung: 1) In der Aufzählung der faschistischen Verbrechen in der Sowjetunion fehlt das Ungeheuerlichste: der Hungertod, der Kältetod sowie die Erschießung von über drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangen im »Gewahrsam« der Wehrmacht in der Zeit von Juli 1941 bis März 1942. Dies war also bis Frühjahr 1942 die erste und bei weitem größte faschistische Mordaktion, und zwar durch die Hitler-Wehrmacht. »Erst« ab Herbst 1942 übertraf die Zahl der ermordeten Juden in Europa schließlich um mehr als das Doppelte.

    Über diesen millionenfachen Massenmord an den gefangenen Rotarmisten ist bis heute gerade in der deutschen Öffentlichkeit fast nichts bekannt, und das ermöglicht immer wieder breite Empörung auch in der Presse, wenn der Mythos von der »anständigen« Wehrmacht in Frage gestellt wird (z. B. die Reaktionen auf die Ausstellung »Die Verbrechen der Wehrmacht«).

    Es wäre gut, wenn man dieses ungeheuerliche Wehrmachtsverbrechen noch nachträglich in die Erklärung einfügen könnte.

    2) Auch sollte man die miltärisch hervorragenden Siege der Roten Armee (Moskau 1941, Stalingrad 1942/43, Charkow 1943, Kursker Bogen 1943, »Bagration«/Minsk (Zerschlagung der »Heeresgruppe Mitte«) 1944 , die substantiell zur Zerschlagung des Hitlerfaschismus führten, viel deutlicher in den Vordergrund stellen.
  • Beitrag von Thomas H. aus Berlin (25. Januar 2020 um 09:55 Uhr)
    Erstunterzeichnerinnen und Erstunterzeichner:

    Prof. Dr. Moritz Mebel (Berlin), Wolfgang Gehrcke (Berlin), Ellen Brombacher (Berlin), Gina Pietsch (Berlin), Hans-Henning Adler (Oldenburg), Dr. Wolfram Adolphi (Potsdam), Ali Al-Dailami (Gießen), Heinz-Werner Bartels (Klocksin), Justo Cruz (Berlin), Dr. Diether Dehm (MdB), Ramona Dittrich (Stolberg), Rim Farha (Berlin), Prof. Dr. Edeltraut Felfe (Greifswald), Prof. Dr. Heinrich Fink (Berlin), Ilsegret Fink (Berlin), Lothar Geisler (Essen), Heiderose Gläß (Löbau), Reinhold Gläß (Löbau), Heike Hänsel (MdB), Stefan Hartmann (Leipzig), Thomas Hecker (Berlin), Heidrun Hegewald (Berlin), Andrej Hunko (MdB), Stephan Jegielka (Berlin), Ulla Jelpke (MdB), Kristine Karch (Düsseldorf), Prof. Dr. Hermann Klenner (Berlin), Torsten Koplin (Neubrandenburg, MdL), Wolfgang Krieger (Bremen), Dr. Marianne Linke (Stralsund), Sabine Lösing (Göttingen), Zaklin Nastic (MdB), Dr. Alexander S. Neu (MdB), Christiane Reymann (Berlin), Ulrich Sander (Dortmund), Jan Schalauske (Marburg, MdL), Susanne Schaper (Chemnitz, MdL), Heidemarie Scheuch-Paschkewitz (Schwalm-Eder, MdL), Regina Silbermann (Chemnitz), Heinz Stehr (Elmshorn), Anita Tack (Potsdam), Bea Trampenau (Buchholz in der Nordheide), Dr. Reiner Zilkenat (Hoppegarten).

    Die Erstunterzeichnerinnen und Erstunterzeichner sammeln bis zum 8. Mai 2020 weitere Unterstützerinnen und Unterstützer, Kontakt: Thomas Hecker, thomas.hecker@email.de

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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