Gegründet 1947 Montag, 6. April 2020, Nr. 82
Die junge Welt wird von 2267 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 25.01.2020, Seite 8 / Ansichten

Kooperation statt Kampf

IG Metall will Pakt mit Konzernen
Von Daniel Behruzi
Jahres_PK_IG_Metall_64098218.jpg
IG-Metall-Chef Jörg Hofmann setzt auf Lohnverzicht statt Klassenkampf

Die IG Metall kehrt zurück zum Krisenkorporatismus. Während des abrupten Wirtschaftseinbruchs 2008/2009 hatte die Gewerkschaft nach ihrer Lesart durch Zugeständnisse und Vereinbarungen mit den Konzernen mit dafür gesorgt, dass Massenentlassungen in den Stammbelegschaften weitgehend ausblieben. Gegen Ende des Konjunkturbooms, in der Tarifrunde 2018, ging sie etwas mehr auf Konfrontation: Mit 24stündigen »Power-Streiks« setzte die IG Metall ein vergleichsweise gutes Tarifergebnis durch, inklusive der Möglichkeit zur Arbeitszeitverkürzung für besonders belastete Beschäftigtengruppen. Doch wer das als Beginn einer kämpferischen Wiederbelebung deutete, sieht sich eines Besseren belehrt. Angesichts der aktuellen Konjunktur- und Strukturkrise, die insbesondere die Automobilindustrie erfasst hat, bietet die IG Metall den Unternehmen eine Art Burgfrieden an: Noch vor Ablauf der Friedenspflicht will sie mit den Unternehmern in Gespräche über einen neuen Tarifvertrag eintreten – ohne dafür eine konkrete Lohnforderung zu formulieren.

Ihre Bedingung: Die Unternehmen sollen sich unter anderem dazu verpflichten, über »betriebliche Zukunftstarifverträge« zu verhandeln. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann will damit »mehr Demokratie in wirtschaftlichen Angelegenheiten« schaffen und die Firmen dazu bewegen, in zukunftsfähige Produkte zu investieren, statt mit der »Abrissbirne« Personal abzubauen, wie es aktuell vielerorts geschieht.

Ob sich das wegen einer »Gesprächsverpflichtung« mit der IG Metall ändert? Wohl kaum. Was derartige Zusagen wert sind, haben jüngst die Metaller in Ostdeutschland erlebt, die immer noch auf die in der vergangenen Tarifrunde zugesagte Vereinbarung zur Einführung der 35-Stunden-Woche warten. Bei Verhandlungen über »Zukunftstarifverträge« auf Betriebsebene dürfte es noch ganz anders zugehen. Denn mit der Drohung, Arbeitsplätze abzubauen oder zu verlagern, sind die Belegschaften erpressbar. Etliche Konzerne – zum Beispiel Daimler und natürlich Opel – nutzen das bereits, um den Beschäftigten Sparprogramme zu diktieren.

Allein in den vergangenen sechs Monaten haben die Autokonzerne nach Berechnungen der IG Metall rund 30.000 Leiharbeiter auf die Straße gesetzt. Sichtbare Gegenwehr? Fehlanzeige. Statt dessen will die Gewerkschaft nun die Neuauflage des Krisenkorporatismus von 2008/2009. Es ist unwahrscheinlich, dass dadurch massenhafte Arbeitsplatzvernichtung verhindert wird. Denn ein schneller Aufschwung wie nach 2009 ist nicht zu erwarten. Wenn das Kapital aber die verlangten Profitmargen längerfristig gefährdet sieht, folgt sehr schnell das »De-Investment«. Durch Lohnverzicht und freundliches Bitten werden die Konzerne nicht zu einem sozial verantwortlichen Umgang mit ihren Beschäftigten zu bewegen sein.

Ähnliche:

  • Unternehmen antworten mit Personalabbau auf die Krise, und die I...
    25.01.2020

    Friedlich in die Krise

    Angesichts des Abschwungs will IG Metall ohne konkrete Lohnforderung in Tarifrunde. Verhandeln will sie schon vor Ende der Vertragslaufzeit
  • »Sozialpartnerschaft«: Vorstände deutscher Konzerne vertrauen au...
    10.01.2020

    Schurken in Chefetagen

    Unternehmer machen vor Tarifrunde Stimmung gegen IG Metall. Exporte um fast drei Prozent gesunken. Weltbank senkt Wirtschaftsprognose

Mehr aus: Ansichten

*** Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung: www.jungewelt.de/testen ***

Drei Wochen kostenlos probelesen!