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Aus: Ausgabe vom 25.01.2020, Seite 2 / Ausland
»Goldene Morgendämmerung«

»Es hagelte Faustschläge und Tritte ins Gesicht«

Athen: Deutscher Reporter wird bei Demo von griechischen Faschisten verprügelt und von Polizisten im Stich gelassen. Ein Gespräch mit Thomas Jacobi
Interview: Christian Kaserer
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Thomas Jacobi sprach unmittelbar nach dem Angriff mit Medienvertretern in Athen (19.1.2020)

Am vergangenen Sonntag demonstrierten in Athen Neonazis gegen Migration. Sie waren als Reporter vor Ort und wollten berichten, wurden dann aber von Faschisten angegriffen (jW berichtete). Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit der griechischen Rechten?

2016 haben meine Kollegin Angélique Kourounis und ich einen Film über die griechischen Faschisten, die »Goldene Morgenröte« (jW verwendet die Übersetzung »Goldene Morgendämmerung«), veröffentlicht. »Goldene Morgenröte – eine persönliche Angelegenheit« kam damals international ziemlich gut an und hat auch Preise gewonnen. Für das Nachfolgeprojekt verfolgen wir seit Jahren den Gerichtsprozess gegen die Partei. Das ist für Griechenland ein wichtiges Verfahren, bei dem sich 69 Angeklagte verantworten müssen, etwa weil sie Migranten oder kommunistische Gewerkschafter mit Eisenstangen verprügelt und sogar Menschen totgeschlagen haben. Die »Goldene Morgenröte« könnte dabei als kriminelle Vereinigung eingestuft werden. Die Staatsanwältin plädierte nun aber auf »unschuldig« für 68 der Angeklagten. Das haben die Faschisten als ein Zeichen verstanden, ihre Einsatzkommandos wieder aufmarschieren lassen zu können.

Wie erklären Sie sich, dass gerade Sie dann bei der Demonstration am Sonntag angegriffen wurden?

Die Rechten erkannten mich aufgrund des Films. Ich war gerade dabei zu filmen und sah, wie sie sich auf mich zubewegten und dabei vermummten. Sie fragten mich, ob ich Thomas Jacobi sei, und versuchten, mir die Kamera zu entreißen, an die ich mich jedoch mit allen Kräften klammerte. Ich konnte sie zwar retten, aber nicht verhindern, dass sie meine Taschen und meinen Rucksack leerten und mir Rekorder sowie Handys klauten. Die ganze Zeit über, etwa viereinhalb Minuten, hagelte es Faustschläge und Tritte ins Gesicht. Als die Polizei kam, waren die zehn ach so mutigen Burschen natürlich sofort weg.

Wie haben die Polizisten darauf reagiert?

Einige Kollegen von mir haben versucht, mich verbal zu verteidigen, und rannten zur Polizei. Die Beamten vor Ort sagten allerdings, dass sie nicht dazu da seien, sich einzumischen, und sie daher ein Einsatzkommando rufen würden. Als ich später auf der Polizeistation den Beamten die Angreifer, die ich mit meiner Kamera aufgenommen hatte, zeigte, meinte man nur locker zu mir, ich könne die Bilder ja die kommenden Tage auf einem USB-Stick vorbeibringen.

Dazu muss man wissen, dass das nicht der erste Angriff auf Sie gewesen ist.

Ja, der erste Angriff fand vor fast genau einem Jahr, am 20. Januar 2019, statt. Das war bei einer Demo zum Thema Mazedonien. Grund war der Namensstreit zwischen der griechischen Provinz und dem nördlichen Nachbarstaat und die Einigung unter der damaligen Syriza-Regierung. Dagegen sind die Faschisten aufmarschiert, und ich habe sie gefilmt. Ein Demoteilnehmer hatte mich als einen der Filmemacher erkannt, und noch bevor ich etwas sagen konnte, stand bereits eine Gruppe von Faschisten um mich herum, die auf mich einprügelten und mich bestehlen wollten.

Werden Vorfälle dieser Art Konsequenzen für Ihre Arbeit haben?

Beim ersten Mal ist man erstaunt, dass es Menschen gibt, die so sehr hassen können. Daran gewöhne ich mich vielleicht nie. Aber ich weiß nun, dass diese Leute real sind und gerade in Griechenland, wo der Staat recht schwach auftritt, auch vergleichsweise wenig Hemmungen haben. Meine Arbeit wird das allerdings nicht beeinflussen. Und sollten sie mich auch noch ein drittes oder viertes Mal verprügeln: Antifaschismus ist eine Geisteshaltung und besteht aus mehr, als nur auf Demos zu gehen. Darum geht es übrigens auch bei unserem nächsten Film.

Was genau wird dort zu sehen sein?

Das Projekt heißt »Goldene Morgenröte – was nun?« und stellt die Frage, wie eine Antwort auf diese faschistische Bedrohung aussehen kann. Braucht es den Weg über Gerichte, über die Politik, über die Straße, die Kultur oder die Erziehung? Wir werfen in dem Film einen Blick auf die verschiedenen Ansätze. Daran haben wir nun schon drei Jahre lang gearbeitet, und dieses Jahr sollten wir fertig sein. Zur Zeit warten wir eigentlich nur noch den Prozess gegen die »Goldene Morgenröte« ab und darauf, ob deren Anhänger freigesprochen oder verurteilt werden.

Thomas Jacobi ist Reporter und Auslandskorrespondent unter anderem für die französische Abteilung von Deutsche Welle und die französische Zeitung La Croix

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