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Aus: Ausgabe vom 24.01.2020, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Das ungeminderte Grauen

Der große Stallausmister dreht durch und erfährt Solidarität: Euripides’ »Wahnsinn des Herakles« in einem Berliner Off-Theater
Von Katrin Lange
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Nach zwölf Heldentaten: Herakles (David Hannak, Probenfoto)

Eine Handvoll Rentner mit Krückstöcken, Einkaufswagen und altmodischen Hüten erobert die Bühne des »Acker Stadt Palastes«. Sie betrachten und kommentieren verwirrt das schreckliche Geschehen, ab und an wird der eine oder die andere zu einer dramatischen Person, taucht dann wieder ein in die Gruppe. Manchmal tanzen sie. Wenn dieser »Chor thebanischer Greise« am Schluss die Szene verlässt, ist er spracharm und nur wenig schlauer. Noch bis Sonntag ist in Berlin Euripides’ »Wahnsinn des Herakles« zu sehen, ergänzt durch Heiner Müllers »Herakles 13«-Text – ein lange gehegtes Projekt des Schauspielers David Hannak, produziert mittels entschlossener Selbstausbeutung.

Euripides ist neben Aischylos und Sophokles ein Gründervater des europäischen Theaters, im Unterschied zu seinen beiden älteren Kollegen schrieb er nicht nur über Geschichtsabläufe und soziale Zwänge, in denen Menschen sich bewähren oder vernichtet werden, wenn nicht beides. Er interessierte sich dafür, was in diesen Menschen vorging. In dem Stück kehrt der großartige Monsterbekämpfer und Stallausmister Herakles gerade noch rechtzeitig in seine Heimat Theben zurück, um seine Familie vor der Ermordung durch den Usurpator Lykos zu retten; er bringt Lykos um, Notwehr. Nun könnte alles ziemlich gut sein, ist es aber nicht: Heute würden wir wohl sagen, dass der arme Kerl nach seinen zwölf Heldentaten überanstrengt ist und durchdreht, vielleicht auch unter einem Kriegstrauma leidet. Bei Euripides schicken missgünstige Götter Lyssa, den Wahnsinn. Rasend, tötet der Titelheld Frau und Kinder. Weiß dann, wieder bei Bewusstsein, nicht, wie er weiterleben soll.

Wir müssen Hannak und seinen Gefährten dankbar sein, dass sie uns auf dieses kaum gespielte Werk aufmerksam machen. Denn der Ausgang der Geschichte ist höchst ungewöhnlich. Ungewöhnlich für die Zeit des Dichters, in der sonst bei Katastrophen immer irgendwelche Götter in Maschinen auftauchen und Lösungen diktieren. Ungewöhnlich ebenso für uns: nicht altertümlich – eher zukünftig, utopisch. Human: Die furchtbare Schuld des Herakles, seine Verletzung, ist ertragbar, weil er Solidarität erfährt. Das Grauen bleibt ungemindert stehen – daneben aber steht, ebenso ungemindert, die Freundschaft des Theseus, den er vorm Tod errettete und der dem Verzweifelten eine Heimstatt bietet.

Hannak verzichtet in seiner Inszenierung (Mitarbeit: Oliver Koch) auf jeglichen modischen Schnickschnack. Er respektiert den Text, inszeniert ihn mit Verantwortung. Und lässt, mutig wie Euripides, existenzielle Widersprüche in aller Schärfe nebeneinander stehen. Nichts wird geglättet, geschönt, aufgelöst. Den Zuschauern wird vertraut, sie werden herausgefordert, sollen sehen, wie sie damit klarkommen. Und kommen klar. Einfache, ergreifende Bilder wurden gefunden – die Kinder des Herakles in Totenhemden (Bianca Faber, Josepha Walter, Jerome Winistädt), neben ihnen die Mutter (Jenny Bins) erstarrt wie schon gestorben, der morsche Großvater (Markus Riexinger), hilflos am Boden vor Lykos (Luciano-Gennaro Vogt) kriechend, dennoch widerständig, Theseus, den gebrochenen Herakles (David Hannak) stützend.

Freilich sind uns die Sprachbilder der Antike fremd, auch die Gemessenheit und Würde der Figuren; die Inszenierung bekennt sich zu dieser Fremdheit. Aber zugleich agieren die Darsteller sehr emotional, leidenschaftlich verkörpern sie die gepeinigten Figuren – ein oft aufregender Spagat. Tyrannei, Machtmissbrauch, Gewalt, Mord, die fernen Ereignisse werden durch die Empathie der freischaffenden Schauspieler nacherlebbar; solche Geschicke, solche Gefühle, solche Leute kennen wir. So enthebt uns ein zweieinhalb Jahrtausende alter Text der allgegenwärtigen konsumistischen Verblödung und lässt Geschichte lebendig werden. Wenn das Theater eine Zukunft hat, dann als Raum für derartige Selbstvergewisserungen.

24. bis 26. Januar, 19.30 Uhr, Acker Stadt Palast, Ackerstr. 169, Berlin-Mitte

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