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Aus: Ausgabe vom 23.01.2020, Seite 5 / Inland
Bremen

Alles für die Firma

Angeblich habe Niels Stolberg nur den Konzern retten wollen. Nun muss der Gründer der »Beluga«-Reederei ins Gefängnis. Wegen Untreue
Von Burkhard Ilschner
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Gegen die Folgen von Stolbergs Projekten wurde am Tag der Urteilsverkündung protestiert (Bremen, 15.3.2018)

Ende vergangener Woche hat die Staatsanwaltschaft Bremen dem ehemaligen Gründer und Chef der »Beluga«-Reederei, Niels Stolberg, eine Ladung zum Haftantritt zugestellt. Stolberg, in Bremen lange Jahre als »Vorzeigeunternehmer« hofiert, müsste demnach dieser Tage seine 42 Monate währende Haftstrafe unter anderem wegen Kreditbetrugs und Untreue antreten.

Einer der längsten Wirtschaftsstrafprozesse der Hansestadt an der Weser ginge damit zu Ende: Mehr als zwei Jahre lang hatte Stolberg sich ab Januar 2016 vor dem Bremer Landgericht zu verantworten, nachdem sein Reedereikonzern 2011 in Insolvenz gegangen war. Gegen das im März 2018 ergangene Urteil hatte er zwar Revision beim Bundesgerichtshof eingelegt (jW vom 17.3.2018) – die Karlsruher Richter allerdings verwarfen sie Ende 2019 als unbegründet. Das Urteil wurde damit rechtskräftig.

In rund 15 Jahren hatte Stolberg die von ihm gegründete »Beluga Shipping« zum Weltmarktführer der Schwergut- und Projektfrachtschiffahrt aufgebaut, dabei seine mehr als 70 Schiffe umfassende Flotte allerdings nahezu ausschließlich unter verschiedenen Billigflaggen fahren lassen, die von den Gewerkschaften regelmäßig als ausbeuterisch eingestuft werden. Er inszenierte sich mit Aufsehen erregenden Vorhaben wie einem »klimaschonenden« Segelhilfsantrieb für mittelgroße Schiffe oder Containertransporten über die polare Nordostpassage. Er ließ sich in der hanseatischen Kaufmannschaft würdigen als Pionier und ebenso wagemutiger wie erfolgreicher Unternehmer. In der Öffentlichkeit predigte er unter dem Etikett »Beluga Spirit« die Förderung von Bildung für junge und benachteiligte Menschen, Hilfe für Hilflose und Förderung von Nachhaltigkeit sowie kultureller Identität, Vielfalt und Toleranz. Zwar finanzierte er entsprechende Projekte – beispielsweise für Tsunamiopfer in Asien – mit reichlichen Spenden, verschwieg aber wohlweislich, dass er einen Teil seines Geldes auch mit dubiosen Rüstungsgeschäften und Waffentransporten in Krisengebiete verdiente. »Vieles deutet darauf hin«, analysierte 2013 Radio-Bremen-Reporter Rainer Kahrs, »dass der BND beteiligt war. Wahrscheinlich hat der BND Stolberg ausgewählt, weil er in der Schiffahrt gut vernetzt war und viele Informationen hatte.«

Nach einem Prozess mit vielen zwischenzeitlichen Überraschungen (jW vom 23. August 2017) verurteilte das Landgericht Bremen im März 2018 Niels Stolberg wegen Kreditbetrugs in 18 Fällen, Bilanzfälschung und Untreue in besonders schwerem Fall: Die Finanzkrise 2008 hatte das Schwergutgeschäft nur mäßig tangiert, Stolberg setzte auf weitere Investitionen und orderte mehrere Dutzend Neubauten. Das Geld dafür erhoffte er sich von externen Investoren, maßgeblich der Private-Equity-Firma »Oaktree Capital«, die er 2010 zu »Beluga« holte. Die Partnerschaft endete allerdings schnell, denn die Manager der US-amerikanischen »Heuschrecke« entdeckten finanzielle Unregelmäßigkeiten, warfen Stolberg hinaus – und meldeten für die diversen »Beluga«-Unternehmen Zug um Zug Insolvenz an.

Und sie schalteten die Staatsanwaltschaft ein. Stolberg und einige seiner Manager wurden nach mehrjährigen und umfangreichen Ermittlungen vor Gericht gestellt. Während die Mitangeklagten mit Bewährungsstrafen glimpflich davonkamen, wurde der Konzernchef zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt: Das Gericht lastete ihm an, Schiffsverkäufe erfunden, Bilanzen gefälscht und überhöhte Kosten simuliert zu haben. Er hatte insbesondere die Norddeutsche Landesbank (Nord-LB) und die damals noch selbständige Bremer Landesbank (BLB) mit fingierten Rechnungen und Scheinverträgen über geplante Schiffsneubauten getäuscht, sich Kredite in insgesamt dreistelliger Millionenhöhe verschafft und so die Eigenkapitalquote minimiert. Der während des Prozesses an Krebs erkrankte Stolberg selbst hatte zwar versucht, diese Finanztricks als »branchenüblich« zu entschuldigen, das ließ die Strafkammer aber nicht gelten. Auch der Hinweis, dass er sich nie persönlich bereichert habe, sondern nur den Konzern habe retten wollen, half ihm nicht.

Der Weserkurier titelte zwar vor Weihnachten noch, Stolberg habe »Milde verdient«. Rainer Kahrs sieht das anders: »Er selbst stellt sich als Opfer dar, aber für mich ist er keins, und ich habe auch kein Mitleid mit ihm.« Auf der Facebook-Seite des »Verbands Deutscher Kapitäne und Schiffsoffiziere« (VDKS) kommentierte ein User die Meldung vom angeordneten Haftantritt Stolbergs mit den Worten: »Wurde auch Zeit!«

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