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Aus: Ausgabe vom 22.01.2020, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Fleischklopfer aus Holz

Nostalgisch drüber: »Bad Boys for Life« mit Will Smith und Martin Lawrence
Von Peer Schmitt
Marcus Burnett (MARTIN LAWRENCE, l.) und Mike Lowrey (WILL SMITH
Geben dem Fiasko des Postcinema ein freundliches Gesicht: Will Smith (r.) und Martin Lawrence

Wenn in der Eröffnungssequenz von »Bad Boys for Life« Will Smith (als Mike Lowrey) und Martin Lawrence (als Marcus Burnett) in einem Sportwagen eines schwäbischen Herstellers nicht nur sämtliche Verkehrsregeln missachten, sondern sogar friedliche Strandbesucher am Ort ihrer Muße terrorisieren, während sie Witze über die Arbeitsteilung von Fahrer und Beifahrer beim Automobilrallyesport machen, dann erinnert das stark an das typisch rücksichtslose Verhalten des reichen vertrottelten Schnösels, dessen Morgensport einst darin bestand, in schnittigen Autos harmlose Leutchen zu überfahren.

Den terrorisierten Badegästen am Strand von Miami ruft Smith zu allem Überfluss ein zynisches »Guten Morgen, ihr reichen, weißen Leutchen« zu. Ausgerechnet Will Smith, schwerreiche Galionsfigur der guten Laune beim großen Ausverkauf des Postcinema, sich über den Müßiggang anonymer »Rich white people« und deren Strandleben lustig machen zu lassen – dazu bedarf es erheblicher Chuzpe.

Um die abgehobene Persona Smith halbwegs zu erden, gibt es Beifahrer Lawrence, der allerdings noch einen drauf setzt: »We’re not just black. We’re cops, too. We’ll pull ourselves over later« (ungefähr: Wir stellen uns dann später selbst einen Strafzettel aus). Die Pointe des ralleyartigen Polizeieinsatzes im privaten Sportwagen ist schließlich die, dass die beiden Bad Boys rechtzeitig ins Krankenhaus müssen, um der Geburt des Enkelkindes der Lawrence-Figur beizuwohnen.

Damit ist die Arbeitsteilung des »Bad Boys«-Polizistenpaares geklärt. Der eine, Smith, ist endgültig drüber. Der andere, Lawrence, hat immerhin noch soziale Bindungen und Verpflichtungen, eine dominante Ehefrau, ein Enkelkind, Kirchgänge etc.

Die »Bad Boys« waren ursprünglich Geschöpfe von Michael Bay (»Transformers«). Der erste Film der Reihe erschien bereits 1995, die Fortsetzung 2003. Das ist eine ganz schöne Weile her. Regie im dritten Film führte das belgische Gangsterfilmduo Adil El Arbi/Bilall Fallah. Und was könnten die beiden Bad Boys anderes wollen, als ihre Pensionsansprüche durchzusetzen? Sie sollen dem Fiasko des Postcinema ein möglichst freundliches Gesicht geben.

Obwohl »Bad Boys for Life« besser in der Genrewirklichkeit des halbwegs atmosphärischen Polizeifilms aufgehoben scheint als vieles andere (etwa der desaströse »Gemini Man«, zu dem es ein paar motivische Parallelen gibt: Will Smith kämpft um und gegen seine imaginäre Nachkommenschaft), ächzt praktisch jede Sequenz des Films unter der Last des »Vorbei«. Von nun an wird alles nur noch schlimmer kommen.

Was liegt da so auf dem Weg? Erstens die Lächerlichkeit einer selbstreflexiven Nostalgie. Keiner der Bad Boys oder ihrer Helfer, Statisten, Kontrahenten usw. gibt zu irgendeinem Zeitpunkt noch vor, eine Rolle im Miami der Gegenwart spielen zu wollen. Die Rollen stammen vielmehr aus dem HipHop-Soundtrack des Films von 1995, den die Protagonisten auch alle kennen und nachsingen. Martin Lawrence korrigiert das Nachsingen besorgt: »You fuckin up the lyrics, which take a long time to learn.«

Zweitens: Ideologisch mit der Nostalgie verwandt ist die zynische Folklorisierung des Feindes (Russen, Araber oder Lateinamerikaner). In diesem Fall handelt es sich um Mexikaner, deren Chefin der mexikanischen Folklorefigur »La Bruja« (Hexe/Magierin) nachempfunden ist.

Drittens: Die Militarisierung des Polizeiapparats, die der Digitalisierung des filmischen Apparats analog ist. Sieht man »Bad Boys for Life« weniger als Komödie, sondern eher als Polizeifilm, dann geht es um Drohnen, Überwachungstechniken, Codebreaking, Computerbildschirme. Um Kiegführung im urbanen Raum. Die anachronistische Smith-Figur des Polizisten im Außendienst foltert indes noch konkret mit einem Fleischklopfer aus Holz. Was anscheinend legitim ist, solange man dabei lächelt wie Smith.

Und viertens: Die Auflösung des naturalistischen filmischen Raums zugunsten eines nicht zuletzt allegorischen Bildraums. Die Entscheidungsschlacht mit der mexikanischen Hexe findet in einer alten Hotelvilla im neokolonialen Stil mit Glaskuppel statt. Dieser architektonische Raum wird im Verlauf der Sequenz aufgeklappt wie ein Puppenhaus, Kamerafahrten gehen durch die Deckenwände hindurch, die Totale wird gedreht, so dass die Vertikale auf der horizontalen Achse liegt. Am Ende befindet man sich unter einem Himmel aus Glasscherben über einem lodernden Höllenfeuer gleichsam im Purgatorium des urbanen Krieges. Scherben. Explosionen.

»Bad Boys for Life«, Regie: Adil El Arbi/Bilall Fallah, USA 2019, 124 Min., bereits angelaufen

Debatte

  • Beitrag von Seny Dagmar R. aus R. (22. Januar 2020 um 22:02 Uhr)
    Die Aneinanderreihung von absurden Szenen und Dialogen mit Bezug zu früheren Filmen sowie die satirische Aufarbeitung der kapitalistischen Gegenwart machen den Film zu einem großen Kinovergnügen.

Regio:

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