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Aus: Ausgabe vom 22.01.2020, Seite 8 / Ansichten

Schuften im McJob

US-Amerikanisierung des Arbeitsmarktes. Gastkommentar
Von Christoph Butterwegge
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Den Dreck der anderen aufwischen: Zum Mindestlohn, versteht sich

In der »alten« Bundesrepublik waren Niedriglöhne, von denen man selbst bei Vollzeiterwerbstätigkeit nicht leben konnte, außer für Beschäftigte auf »typischen Frauenarbeitsplätzen« und die sogenannten Gastarbeiter eher die Ausnahme. Sprach man in Westdeutschland noch von den »armen Arbeitslosen«, so gab es bald nach dem Anschluss der DDR mehr arbeitende Arme. Vor allem seit dem Jahrtausendwechsel hat sich in Deutschland ein breiter Niedriglohnsektor herausgebildet, der mittlerweile fast ein Viertel aller Beschäftigten umfasst.

Manchmal müssen Lohnabhängige sogar mehreren »Bad Jobs« bzw. »McJobs« nachgehen. Prekäre Beschäftigung und atypische Arbeit sind an die Stelle einer tariflich entgoltenen, sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstelle getreten. Darüber hinaus nimmt die Lohnungleichheit zu. Beschäftigte werden durch Schicht-, Nacht- und Sonntagsarbeit vornehmlich im unteren (Dienstleistungs-)Segment stärker beansprucht. Insbesondere Frauen sind häufig von (Zwangs-)Teilzeit betroffen.

Der breite Niedriglohnsektor ist zum Haupteinfallstor für Erwerbs-, Familien- bzw. Kinder- und spätere Altersarmut geworden. Aufgrund der US-Amerikanisierung des Arbeitsmarktes befinden sich unter den (relativ) Armen hierzulande inzwischen mehr prekär Beschäftigte als Erwerbslose. Zusammen mit den Cloud- bzw. Clickworkern der digitalen Plattformökonomie bilden Multijobber, Paketboten, Fahrradkuriere und Callcenterbeschäftigte ein Prekariat, dessen Mitglieder, einem modernen Subproletariat vergleichbar, oft genug von der Hand in den Mund und trotz Vollzeittätigkeit und vielen Überstunden zumindest am Rande der Armut leben.

Da es den Prekarisierten viel schwerer als den Proletariern im »klassischen« Industriekapitalismus fällt, sich als Kollektiv mit gemeinsamen Interessen zu begreifen, ein gesellschaftskritisches Bewusstsein zu entwickeln und sich zu organisieren, gelingt es ihnen bisher trotz gewerkschaftlicher Unterstützung höchstens ansatzweise, basale Beschäftigtenrechte, Tarifverträge, Sozialstandards, bessere Arbeitsbedingungen und einen höheren Lohn durchzusetzen – zumal die Rückendeckung durch Parlamente, Regierungen und Verwaltungen weitgehend fehlt.

Der von Angela Merkels zweiter großer Koalition eingeführte, heute 9,35 Euro brutto pro Stunde betragende Mindestlohn hat kaum etwas geändert, weil er zwar ein Fortschritt, aber viel zu niedrig und zur Armutsbekämpfung untauglich ist. Er müsste schnellstens auf zwölf Euro erhöht, von sämtlichen Ausnahmen befreit und seine Einhaltung flächendeckend überwacht werden, um die Würde der Arbeit zu gewährleisten.

Christoph Butterwegge hat bis 2016 Politikwissenschaft an der Universität zu Köln gelehrt. Zuletzt veröffentlichte er das Buch »Die zerrissene Republik. Wirtschaftliche, soziale und politische Ungleichheit in Deutschland«.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Roland Winkler, Aue: Gegen die Entwürdigung US-amerikanische Verhältnisse auf dem Arbeits- oder besser Menschenmarkt wurden von Sozialkritikern und Kapitalismuskennern schon vor Kanzler Schröders »Reformen« befürchtet. Dafür wird er bis heute b...
  • Patrick Büttner: McBourgeoissozialismus Ein breiter Niedriglohnsektor hat sich nicht herausgebildet, er wurde geschaffen! Kriege brechen auch nicht aus, sondern es werden Befehle erteilt, Truppen zusammengezogen etc. Was ist denn bitte »die...

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