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Aus: Ausgabe vom 22.01.2020, Seite 8 / Inland
Umgang mit Kopftuch

»Hetze gegen Muslime werden akademische Weihen gegeben«

Nach Protest gegen Rassismus: Debatte über Frankfurter Univeranstaltung zum Kopftuch hält an. Gespräch mit Nadya Müller*
Interview: Milan Nowak
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Für viele ein rotes Tuch: Die Kopfbedeckung gläubiger Musliminnen

Eine Veranstaltung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main in der vergangenen Woche sorgt für anhaltende Diskussion. Das Thema der vom dortigen Asta organisierten Debatte: »Die Verschleierung; Modeaccessoire, ein religiöses Symbol oder politisches Instrument?« Sie haben dagegen protestiert. Weswegen?

Das war nun schon die dritte Veranstaltung an unserer Uni, in der es um eine Ausstellung zu muslimischer Mode im Frankfurter Museum für angewandte Kunst aus dem letzten Jahr ging. Erneut wurde das Podium einseitig besetzt und das Kopftuch dämonisiert. Eine Referentin vertrat die Aussage, der Islam unterwandere langsam unsere Gesellschaft. Das ist eine These der neuen Rechten.

Wir von »Studis gegen rechte Hetze« wollten aufzeigen, in welchem Kontext diese Veranstaltung stattfindet. Übergriffe, besonders gegen Muslime, nehmen in der Bundesrepublik zu. Rassistische Ressentiments sind in weiten Teilen der Gesellschaft zu finden. Solch eine Diskussion hat daher nichts mit einer netten Plauderei zu tun, vielmehr werden der zunehmenden Hetze gegen Muslime akademische Weihen gegeben.

Im Rahmen einer Störaktion haben Sie bei der Veranstaltung Schilder hochgehalten. Wieso haben Sie nicht einfach mitdiskutiert?

Man kann nicht so tun, als ob es sich hier um einen normalen wissenschaftlichen Diskurs handelt. Eine weitere Referentin argumentierte etwa mit höheren Geburtenraten von Muslimen. Solche Debatten haben reale Auswirkungen für das Leben vieler – insbesondere wenn sich Teile des Podiums für ein Verbot des Kopftuchs in öffentlichen Institutionen aussprechen.

Wir haben auf unseren Protestschildern antimuslimische Gewalttaten der letzten Jahre aufgezählt, darunter den Mord an Marwa El-Sherbini im Jahr 2009 sowie den jüngsten Übergriff auf ein Mädchen, dem das Kopftuch heruntergerissen wurde. Auch auf Kriegspropaganda wollten wir aufmerksam machen, denn die funktioniert ja gerade, indem das Bild eines unzivilisierten anderen gezeichnet wird.

Wie reagierten die Anwesenden auf Ihre Aktion?

Zunächst will ich betonen, dass sie friedlich sein sollte. Wir wollten stören, haben aber niemanden angegriffen. Beim Hochhalten der Schilder wurden wir allerdings lautstark als »Islamisten« und »Faschisten« beschimpft, sowohl vom Podium als auch vom Publikum. Unser Banner wurde mit vollem Körpereinsatz heruntergerissen. Die Stimmung im Raum war sehr aggressiv.

Sogar von einer gewaltsamen Eskalation war die Rede. Was genau ist passiert?

Hinten im Raum begannen Besucher, die Aktion zu filmen. Daraufhin versuchte ein Anwesender, einer Frau mit Kopftuch das Handy aus der Hand zu reißen, und ging sie dabei körperlich an. Als ihr zwei Besucher zur Hilfe kamen, entwickelte sich daraus eine Schlägerei. Inzwischen hatten die Veranstalter die Polizei gerufen, um uns des Raumes zu verweisen.

Wie wurde im Nachhinein auf Ihre Aktion reagiert?

Auf unsere Pressemitteilung reagierten auf Facebook sehr viele – offensichtlich Rechte – mit hetzerischen Kommentaren. Wirklich wütend macht mich aber vor allem die Berichterstattung vieler Medien. Eine FAZ-Journalistin war auf der Veranstaltung selbst anwesend und hat noch am Abend darüber berichtet. In ihrem Bericht kommt aber nicht klar heraus, von wem die Gewalt ausging. Jetzt glauben viele, dass wir das waren. Andere Medien haben das dann einfach übernommen und Dinge hinzugedichtet, die nicht stimmen. Zum Beispiel, dass eine Referentin das Gespräch mit uns gesucht hätte. Sie hat aber eine von uns als »Islamistin« angeschrien – nennt man das ein Gespräch?

Werden Sie Aktionen dieser Art in Zukunft unterlassen?

Wir sind schockiert über die Gewalt und die Reaktionen aus den Medien, stehen aber hinter unserer Aktion. Es gibt schon seit Jahren Veranstaltungen wie diese an unserer Uni. Wir wollen weiter gegen Rassismus vorgehen und unsere Kommilitonen informieren, was hier alles passiert.

Nadya Müller (* Pseudonym) studiert an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und ist bei »Studis gegen rechte Hetze« aktiv

Debatte

  • Beitrag von Hagen Radtke aus Rostock (22. Januar 2020 um 17:04 Uhr)
    Solche Veranstaltungen ziehen leider selektiv Leute an, die sich selbst nur in ihrem Hass auf Muslime bestärken wollen. Schade, dass es dadurch so schwierig ist, wichtige gesellschaftliche Debatten dann öffentlich zu führen. Dass man Sachargumente verschweigen muss, weil sie sonst für die Rechtfertigung von rechten Gewalttaten instrumentalisiert werden, ist für den Diskurs ja schon irgendwie blöd.

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