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Aus: Ausgabe vom 22.01.2020, Seite 1 / Titel
Befristete Beschäftigung

Von Frist zu Frist

»Flexible Beschäftigungsverhältnisse« werden zum Normalfall. Zahl der »Multijobber« deutlich gestiegen
Von Steffen Stierle
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Heute Hauswirt, morgen Klickarbeiter, am Abend Gebäudereiniger: Mit »Minijobs« reicht es nie zum Leben

Prekarität wird immer mehr zur Normalität, denn längst sind viele der durch die »rot-grünen« Arbeitsmarktreformen ermöglichten »flexiblen Beschäftigungsmodelle« zum Regelfall geworden. So etwa die »sachgrundlose Befristung« von Arbeitsverhältnissen auf Basis des 2001 in Kraft getretenen Teilzeit- und Befristungsgesetzes. Laut einer am Dienstag vorgelegten Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) werden Befristungen heutzutage bei fast jedem zweiten neuen Arbeitsvertrag vorgenommen. 3,2 Millionen Menschen hatten der Untersuchung zufolge 2018 einen befristeten Vertrag – doppelt so viele wie 1996.

Für die Betroffenen bedeutet das permanente Unsicherheit und drastische Einschränkungen bei der Lebensplanung. Die Chancen auf eine Mietwohnung oder einen Kredit sinken deutlich, wenn kein unbefristeter Vertrag vorgelegt werden kann. Die Gefahr, arbeitslos zu werden, ist dann viermal höher. Und jeder dritte befristet Beschäftige arbeitet für einen Niedriglohn. Profiteure sind vor allem große Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten, die sich vielfach missbräuchlich sachgrundloser Befristungen bedienen, wie die DGB-Untersuchung weiter zeigt. So gaben 42 Prozent von ihnen als Gründe für die Nutzung dieses Modells das sogenannte Screening oder die Erprobung von Beschäftigten an. Dafür gebe es allerdings die »hierzulande im europäischen Vergleich ohnehin schon lange Probezeit«, wie DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach am Dienstag gegenüber dem »Redaktionsnetzwerk Deutschland« erläuterte.

Deutlich zugenommen hat zuletzt laut einer Antwort der Bundesanstalt für Arbeit an die Linke-Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann, die jW am Dienstag vorlag, auch die Zahl der Mehrfachbeschäftigten. Demnach gab es Mitte 2019 bundesweit mehr als 3,5 Millionen Multijobber – 3,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. 2004 waren lediglich 1,86 Millionen Menschen gleichzeitig mehreren Erwerbstätigkeiten nachgegangen. Meist ist die Ursache für die Aufnahme mehrerer Jobs finanzielle Not, wie aus einer Erhebung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-­Böckler-Stiftung vom März 2019 hervorgeht. 53 Prozent der befragten Multijobber gaben finanzielle Schwierigkeiten als Grund an. 24 Prozent gaben an, mehrere Jobs zu haben, weil sie keine Vollzeitstelle finden konnten. »Es gebe auch Situationen, in denen Menschen gern einen Nebenjob machen«, beruhigte am Dienstag in Berlin der sozialdemokratische Bundesarbeitsminister Hubertus Heil die Gemüter.

Heute ist klar, die Koalition aus SPD und den Grünen unter Bundeskanzler Gerhard Schröder hat die Arbeitswelt hierzulande nachhaltig und deutlich zu Lasten der Lohnabhängigen verändert. Das Versprechen, die Liberalisierung erleichtere den Übergang in Normalarbeitsverhältnisse, hat sich längst als hohle Phrase erwiesen. Zimmermann gegenüber jW: »Seit der Jahrtausendwende wurde prekärer Beschäftigung zunehmend der Weg geebnet, zum Beispiel wurde Leiharbeit dereguliert, mit der Einführung von Hartz IV Druck auf die Löhne ausgeübt, und unfreiwillige Teilzeitbeschäftigung hat enorm zugenommen.« Das habe dafür gesorgt, dass viele Beschäftigte mehrere Jobs bräuchten, um zu überleben. Trotzdem, findet Arbeitsminister Heil, sei »nicht jede Form von Nebenbeschäftigung schon ein sozialer Skandal«. Tatsache sei aber auch: »Wir haben nach wie vor in Deutschland einen sehr festen Sockel von Niedriglöhnen.«