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Aus: Ausgabe vom 21.01.2020, Seite 8 / Inland
Widerstand gegen steigende Mieten

»Wir brauchen Wohnraum, nicht dieses Bauprojekt«

Verdrängung in Berlin-Neukölln: CDU unterstützt Pläne für Abriss von Karstadt-Gebäude. Ein Gespräch mit Niloufar Tajeri
Interview: Carmela Negrete
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Die Zukunft des Karstadt-Gebäudes scheint nach wie vor ungewiss (2014)

In Berlin, an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln, gibt es Pläne, das große Karstadt-Gebäude abreißen zu lassen und dort einen Neubau hinzusetzen. Anwohner befürchten weitere Mietsteigerungen. Den Protest organisiert unter anderem die »Initiative Hermannplatz«. Was hat es damit auf sich?

Wir sind eine Gruppe von betroffenen Neuköllner Nachbarn, die das Projekt sehr kritisch sehen, weil es zu Verdrängung führen wird. Unsere Initiative hat sich im letzten Sommer gegründet, nachdem der österreichische Immobilienkonzern Signa das Projekt im Bauausschuss vorgestellt hat. Der Konzern plant den Abriss des Gebäudes sowie einen monumentalen Betonneubau, der doppelt so groß sein soll.

Worin genau sehen Sie die Probleme des Vorhabens, das zwar offiziell gestoppt, nun aber wieder aufgewärmt wird? Wieso sollte es zu Verdrängung kommen?

Zuerst wird es eine große Baustelle auf einem der größten Plätze in unserem Kiez geben, der auch gleichzeitig einer der größten Verkehrsknotenpunkte ist und fünf bis zehn Jahre lang lahmgelegt würde. Unter der Baustelle liegt außerdem eine der größten Kreuzungen zwischen den U-Bahnlinien 7 und 8. Auch die mit dem Abriss einhergehende Feinstaubbelastung wird zu Problemen für die Menschen führen.

Zudem muss man wissen, dass das Kaufhaus Karstadt eine große Rolle in der Nahversorgung der Anwohner spielt. Zudem werden die Menschen, die dort arbeiten, ihre Jobs verlieren. Die Gewerbemieten werden in dem Umfeld enorm steigen. Es werden jetzt schon bis zu 37 Euro pro Quadrat­meter verlangt. Auch die Mieten für normale Wohnungen im Umfeld würden nochmals in die Höhe getrieben. Wir sprechen hier von einem Kiez, in dem nach wie vor viele Menschen mit geringen Einkommen leben. Wir brauchen neuen Wohnraum für die Menschen aus unserer Nachbarschaft und nicht dieses Bauprojekt. Wir fordern deshalb eine Stadtentwicklung für die Menschen im Kiez, nicht gegen sie.

Am heutigen Dienstag gibt es eine Kundgebung von Ihnen vor dem Neuköllner Rathaus. Wer ist für die Pläne verantwortlich, und gegen wen protestieren Sie da?

Der Senat ist nicht zuständig, sondern das Stadtentwicklungsamt von Friedrichshain-Kreuzberg. Im vergangenen Jahr gab es dort Gespräche, im August wurde das Projekt zunächst abgelehnt. Jetzt gibt es aber einen Vorstoß der CDU-Neukölln, die sich nach Hinterzimmergesprächen mit Signa einmischt und am heutigen Dienstag einen Antrag mit dem Titel »Neukölln unterstützt das Neubauvorhaben von Karstadt am Hermannplatz« vorstellen wird.

Dabei haben die Verantwortlichen nein gesagt, ein Großteil der Bevölkerung sagt das auch. Mehr als 1.300 Menschen haben unseren Aufruf unterschrieben. Aber die Immobilienaktiengesellschaft Signa macht trotzdem weiter und bekommt Gehör bei lokalen Parteien wie der CDU und der SPD Neukölln, die sich für das Projekt aussprechen. Sie machen Politik für eine extrem mächtige Elite und verschließen die Augen vor den echten Belangen der Menschen hier. Unsere Initiative setzt sich für eine radikal andere Stadtentwicklungspolitik ein. Wir wollen über die Zukunft des Kiezes entscheiden, nicht konservative Parteien als Marionetten von Milliardären.

Wer unterstützt Ihren Protest?

Wir haben auf unserer Webseite eine Liste mit 25 Initiativen und Vereinen, die uns unterstützen. Ganz wichtig ist, zu betonen, dass das Projekt bereits gestoppt wurde. Das planungsbefugte Amt in Friedrichshain-Kreuzberg hat den Neubau letzten Sommer abgelehnt. Aber wir sehen, dass der Investor sehr mächtig und wohlhabend ist. Die Unternehmensberatung »Joschka Fischer and Company« wurde beauftragt, um ihren politischen Einfluss zu nutzen. Stichwort »Social washing« und »Greenwashing«. Sie wärmen etwas auf, was schon abgelehnt wurde. Die Entwicklung der Stadt und des Bezirks muss aber die Interessen aller Kiezbewohner berücksichtigen.

Niloufar Tajeri ist Mitbegründerin der »Initiative Hermannplatz« und wohnt in Neukölln

initiativehermannplatz.noblogs.org

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