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Aus: Ausgabe vom 21.01.2020, Seite 5 / Inland
Einzelhandel

Unter Druck gesetzt

Primark Dresden drängt Beschäftigte, das Unternehmen zu verlassen
Von Steve Hollasky
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Für die Geschäftsführung handelt es sich um die »ganz normale Fluktuation«, für die Beschäftigten sind die Aufhebungsverträge wie Entlassungen

»Amazing fashion, amazing prices«, so wirbt auch die Dresdner Filiale des Textildiscounters Primark um Kunden. Weit weniger »großartig«, als es die Reklame verspricht, scheint der Umgang des irischen Unternehmens mit seinem Personal zu sein, wie kürzlich das Nachrichtenportal tag24.de/dresden berichtete.

Demnach wurden Beschäftigte während eines Gesprächs mit der Filialleitung zur Unterschrift unter einen Aufhebungsvertrag gedrängt. Während der ihnen eingeräumten Bedenkzeit von einer Woche wurden sie bereits vom Dienst suspendiert und mussten ihren Schrank räumen.

Im Falle einer Zustimmung winkt den Einzelhandelskaufleuten zwar eine kleine Abfindung. Allerdings bedeutet ein Aufhebungsvertrag juristisch den selbstverschuldeten Verlust des Arbeitsplatzes, was wiederum das Risiko einer dreimonatigen Sperre für Leistungen von der Arbeitsagentur nach sich zieht. Insgesamt zehn Kolleginnen und Kollegen sollen bereits auf diese Weise aus dem Unternehmen entfernt worden sein.

Daniel Herold, Dresdner Bezirksgeschäftsführer Sachsen West-Ost-Süd der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi), bestätigte gestern im Gespräch mit junge Welt die Vorgänge bei Primark Dresden. Inzwischen würden Beschäftigte Rechtsberatung erfragen, wie er berichtete. Auf Presseanfragen hin hatte Primark Dresden in den letzten Tagen noch behauptet, dass es sich bei den Entlassungen um eine vollkommen normale Fluktuation handeln würde.

Über die Ursachen dieser Maßnahmen lässt sich nur spekulieren. Laut tag24.de glauben die Beschäftigten, dass die Dresdner Niederlassung vor enormen Umsatzeinbußen stehen könnte. Hintergrund ist die Eröffnung einer Niederlassung in Prag. Bislang gehören Tschechinnen und Tschechen zum festen Kundenkreis in Dresden. Das könnte sich nun ändern, mit entsprechenden Konsequenzen für den Absatz in der sächsischen Landeshauptstadt.

Auch Verdi befürchtet, dass Primark versucht, ein bestimmtes Maß an »Stellenreduktion« zu erreichen, wie Herold gegenüber jW erklärte. Das könnte bedeuten, dass Primark weiter versuchen wird, Angestellte loszuwerden. Ob das Unternehmen jedoch wirklich zu weiteren Auflösungsverträgen greifen werde, lasse sich derzeit nicht einschätzen, so Herold. Verdi rate, einen solchen Vertrag nicht zu unterschreiben. Selbst im Falle einer Suspendierung solle man am darauffolgenden Tag zur Arbeit erscheinen, um zweifelsfrei klarzumachen, dass man nicht in den angebotenen Aufhebungsvertrag einwillige.

Jörg Lauenroth-Mago, Fachbereichsleiter für den Einzelhandel bei Verdi in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, zeigte sich im Gespräch mit jW vom Vorgehen von Primark »entsetzt«. Man sei stolz auf den mit dem Unternehmen ausgehandelten Tarifvertrag zum Gesundheitsschutz gewesen. Dieser verpflichte das Unternehmen, Führungskräfte zu schulen, um psychische Belastungen der Angestellten gering zu halten. Dass Primark Dresden nun Beschäftigte unter Druck setze, das Unternehmen zu verlassen, »passt damit nicht zusammen«.

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