Gegründet 1947 Montag, 24. Februar 2020, Nr. 46
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Aus: Ausgabe vom 20.01.2020, Seite 12 / Thema
Essay

Das Mittlere

Den Kommunismus als das Selbstverständliche, Allernächstliegende, Vernünftige aufrufen. Vorläufige Notizen über Naherwartung und Parousieverzögerung (Teil II und Schluss)
Von Wolf-Dieter Gudopp von Behm
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Mit den Klassikern der Zukunft zugewandt. Marx-Engels-Forum in Berlin

Wenn Moskau nicht mehr Moskau ist und überhaupt alles unübersichtlicher wird, wie soll man da Ansätze einer plausiblen Strategie gewinnen, die zum Sozialismus hinführt? Nützlich ist es, Lenins revolutionäre Arbeit aus der Zeit vor der sozialistischen Staatlichkeit, einer Zeit, in die wir wieder zurückgeworfen wurden, zu studieren. Können wir von »Zimmerwald« oder von der Theorie der revolutionären Partei in »Was tun?« noch lernen?

Die noch aktiven Kommunisten und ihre Parteien waren in den ersten langen Momenten nach dem »Ende« ganz und gar überfordert, und das konnte beim besten Willen nicht anders sein. Bisher lagen die Aufgaben und Probleme einigermaßen im Rahmen des »Normalen«; auch mit Neuem umzugehen, war eher etwas Alltägliches. Aber diese Welt, in der von einem Tag auf den andern alles fremd geworden war – das Leben in ihr hatte man nicht gelernt. Man war nicht vorbereitet. Man war gewohnt, als Teil einer großen Organisation, einer großen internationalen Armee zu agieren, wo bei aller relativen Eigenverantwortlichkeit nicht die ganze Last schwieriger Entscheidung bei einem selbst lag; man konnte sie im Zweifelsfall auf Zuständigkeiten übergeordneter Instanzen verlagern. Die Genossen werden sich schon etwas dabei gedacht haben. Das ist nicht irrational; der Soldat einer Armee wird oft auch gegen sein eigenes Dafürhalten handeln oder eben mitmachen; man darf das Ganze nicht durcheinanderbringen. Was aber, wenn die große Armee nicht mehr existiert? Die verbliebenen Häuflein müssen ohne Rückversicherung selber nachdenken und Entscheidungen treffen.

Ratlosigkeit

Doch, eine spezifische Vorbereitung hat es gegeben: Als seit der Mitte der 80er Jahre »Deutschland einig Vaterland« perspektivisch absehbar war und damit Verhältnisse, in denen die SED keine Staatspartei sein würde, wurde, nicht ohne Moskauer Unterstützung, das vorbereitet, was die PDS und später die Partei »Die Linke« werden würde; ­parallel wurde im Westen, in der DKP, die Strömung der »Neuerer« angeregt, deren Nachfolger mit den »Politischen Thesen des Sekretariats« in Erscheinung getreten sind und als »Netzwerk kommunistische Politik« agieren. In der Frühzeit der PDS konnte man zuweilen vernehmen, dass es darauf ankomme, von links auf die SPD einzuwirken. (…) Ob dieses Ausweichmanöver realistischer ist als das der nationalrevolutionären Tendenz? Jedenfalls bewegt es sich mit qualifizierter gewerkschaftlicher Orientierung im Milieu der Arbeiterbewegung.

Was bleibt der revolutionären Arbeiterbewegung und der Partei des wissenschaftlichen Sozialismus? Ohne Skepsis und Fragezeichen lautet der sicher begründete allgemeine Wegweiser, die unbezweifelbare Basisorientierung: gegen Krieg und Faschismus. Das ist und bleibt das A und O. Indes: Die Vorbereitungen zu Krieg und Faschismus und auch die Gefährder, die dahin treiben, sind nicht immer klar und eindeutig zu erkennen. Auf einem vergleichsweise sicheren Terrain bewegt man sich in und mit der Theorie; auch die Klassiker haben sich in »hoffnungslosen« Situationen an die theoretische Arbeit gemacht. Die Theorie und nur die Theorie gibt die Gewissheit, dass der Kapitalismus gemäß geschichtlicher Notwendigkeit vom Sozialismus abgelöst wird, bei Strafe einer Katastrophe. Und diese Katastrophe gilt es zu vermeiden oder wenigstens abzumildern. Aber ein allgemeines Gesetz lässt sich nicht auf direktem Wege in eine politische Strategie überführen, wiewohl die Kenntnis des Gesetzes und der Respekt vor dem Recht der Geschichte für die strategische Überlegung unabdingbar sind. Dazwischen liegt ein ganzes System theoretischer und politischer Vermittlungen, die in der permanenten komplexen Veränderung der großen wie der kleinen Bewegungszusammenhänge laufend neu ermittelt und angepasst werden müssen.

Auch soweit unter den verbliebenen Kommunisten der DKP oder auch der Linkspartei diese und andere wichtige Einsichten noch lebendig sind – es dominiert die strategische Ratlosigkeit. Die alten Grundmuster des Wegs der Revolution, das Erringen einer parlamentarischen Mehrheit und die Verabschiedung einer neuen Verfassung einerseits oder der »bewaffnete Aufstand« andererseits, können offensichtlich nicht als reale Perspektiven anvisiert werden, jedenfalls nicht in den imperialistischen Kernländern. Solange aber der Weg, auf dem die Klassendiktatur der Bourgeoisie gebrochen und der Kampf für den Sozialismus zu seinem Ziel geführt werden soll, unklar ist, hilft auch das Surrogat langer Parteiprogramme nicht weiter; deren Bewegung ist der Leerlauf. Auch eine »antimonopolistische Strategie« oder gar eine ebensolche »Demokratie«, die in einer anderen politischen Landschaft einen gewissen Sinn haben mochte, klebt seit ihrer Taufe am Papier beziehungsweise findet mit ihren zum großen Teil richtigen politischen Forderungen aus einer Endlosschleife nicht heraus.

Auf die eine oder andere Weise geschieht weiterhin das, was soziologisch aus religionsgeschichtlichen Zusammenhängen nach einem großen kollektiven Verlust bekannt, erwartbar und beschreibbar ist und darüber hinaus manchmal auch bewusst operativ gemacht wird: Neben einem allgemeinen Zerstreutwerden und Verschwinden der Anhängerschar erlebt man den Zerfall in diverse Gemeinden, die entweder mit alten Strukturen verbunden bleiben oder aus Frustration sich neu bilden. Da gibt es die von der Herkunft begünstigte Spontantendenz des Gewohnten: das tapfere »Weiter so wie bisher«, wenn auch kleiner und schwächer. Teile der kommunistischen Partei sind in den Jahren des Rückzugs und der Abwicklung des Sozialismus und der von der Katastrophe verursachten verbreiteten Sprachlosigkeit in den Sog einer von mehr als einer Seite begünstigten suizidalen »Entideologisierung« und des ausdrücklichen oder leisen, des bewussten oder unbewussten Verwerfens des Marxismus-Leninismus gezogen worden. Einige ließen sich in den breiten Strom sozialdemokratischer Gewässer treiben, mit Rückbesinnungen auf alte sozialdemokratische Zeiten und Werte. Manche ließen sich mit großen Erwartungen an das neue Russland in undurchschaubaren Netzen internationaler Interessenskonflikte einfangen, in denen sie nur in der Einbildung als willentliche Subjekte agieren können. Selbstverständlich wird in allen diesen Lagern und Richtungen nach wie vor mit ehrlicher Überzeugung Rosa Luxemburg zitiert: »Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei«. Es sieht so aus, als habe man sich auf die eine oder andere Weise eingerichtet in den Verhältnissen einer Parousieverzögerung in Permanenz. Luxemburgs Einsicht trägt man im Herzen.

Ergo: Am Anfang steht die Erkenntnis, dass wir tatsächlich nicht wissen, wie es weitergehen soll, dass sich wenig wiederholt und daher Erfahrungen der Vergangenheit selten fürs Morgen taugen – und dass dies ausgesprochen werden muss. Das ist kein subjektiver Mangel, kein Verschulden, das anklagend jemandem oder einer »Richtung« zugeschrieben werden könnte, sondern ein objektiv begründetes Unvermögen, das dem Neuen der Weltlage und den gründlichen gesellschaftlichen Veränderungen geschuldet ist.

Zurück zum Anfang

Auf festem Fundament steht die sozialistische Bewegung, die Politik für den Sozialismus, wenn sie sich erneut auf die Grundlegung des Anfangs besinnt, und das heißt in erster Linie auf Marx’ und Engels’ »Manifest der kommunistischen Partei«. Unter Marxisten ist der Bezug konsensfähig. Das Manifest hat, nebenbei, auch deswegen seine epochale Geltungskraft behalten, weil es, obwohl durch und durch aktivierend, auf die Papierfreudigkeit ausgedehnter Ausführungsbestimmungen und genauer Handlungsvorgaben verzichtet. Von hier aus die Erfahrungen der Geschichte der Oktoberrevolution, die heutige Welt und ihre in der Globalisierung disparaten Verhältnisse bedenkend, sollte man zu einer Lichtung gelangen können, die die Richtung des weiteren Wegs erhellt.

Es gibt zahlreiche Organisationen, Gruppierungen und Strömungen, die wissentlich oder unwissentlich für den gesellschaftlichen Fortschritt wirken, und nicht jeder, der für Frieden und Demokratie streitet, ist ein Marxist. Wenn auf Veränderung drängende Volksmassen in Erscheinung treten, werden mitkämpfende Kommunisten immer eine Minderheit darstellen, auch wenn sie im Kampf neue Genossen gewinnen. Ohne einen stabilen bewussten und organisierten kommunistischen Kern, der die Richtung hält, werden »die vielen« unvermeidlich spontan ins Fahrwasser anpasserischer Seichtigkeit abdriften, von ihrem Wollen abgelenkt, von kleinbürgerlicher Halbherzigkeit aufgesogen, von gegnerischen Kräften instrumentalisiert werden und dabei auch wohlmeinende Kommunisten mitziehen. Aus den Erfahrungen in der bürgerlichen Revolution 1848/49 haben Marx und Engels Konsequenzen gezogen.¹ Die Partei des wissenschaftlichen Sozialismus ist eben nicht eine Partei unter (konkurrierenden) anderen. Was sie auszeichnet, wird im Manifest klar gesagt; vor allem sind das die wissenschaftliche Geschichtsauffassung, im Kern die begründete Bestimmung der Geschichtsepoche als der Epoche des notwendigen Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus, und die Frage der Eigentumsverhältnisse, an der sich alles entscheidet. Friedrich Engels: »Die Aufgabe des ›Kommunistischen Manifests‹ war die Proklamation des unvermeidlich bevorstehenden Untergangs des heutigen bürgerlichen Eigentums.«²

Was also tun, um dem tendenziell sich selbst genügenden Aushalten – oder auch Genießen? – der permanenten Verzögerung zu entkommen und die nötige Initiativfähigkeit zu gewinnen? Die theoretisch-praktische Aufgabe der Partei des wissenschaftlichen Sozialismus ist es doch, in der Dialektik der Geschichte die notwendige Tendenz der gesellschaftlichen Entwicklung zu ermitteln und zu begreifen und gemäß den gegebenen und zu verändernden Bedingungen dem geschichtlich Neuen, das nach Verwirklichung drängt, effektive Geburtshilfe zu leisten.

Falsche Fronten

Zur Sache und im Klartext: Wie wäre es, wenn beispielsweise die DKP nicht verschämt, sondern direkt als die Partei des Sozialismus auftreten würde, des Sozialismus als der einzig möglichen Alternative zum destruktiven, verrotteten und perspektivlosen System des Kapitalismus – ohne Wenn und Aber? »Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen.« (»Manifest«) Man soll die Menschen nicht für dumm verkaufen und meinen, das sei ihnen nicht zuzumuten. Sahra Wagenknecht hat, als sie noch öffentlich fragte, wie jemand eigentlich kein Kommunist sein könne, enorm viele Anhänger gefunden. »Was spricht gegen den Kommunismus?« lässt Brecht im Stück »Die Mutter« fragen. »Er ist vernünftig, jeder versteht ihn.« Solchen Sätzen Brechts ergeht es wie denen von Luxemburg: Sie werden gerne zitiert, man hat sie im Kopf und im Herzen, und da bleiben sie in der Regel.

Die Welt schreit nach Sozialismus. Die Forderung steht nicht nackt da, nicht ohne Zusammenhang. In Erläuterung ihres Generalsatzes sagt Rosa Luxemburg: Der Weltkrieg, das ist die Barbarei. Durch und durch und von Grund auf internationalistisch sind die Kommunisten als Kommunisten, die Klasseninteressen und die sozialistische Umwälzung im Blick, die erbittertsten Gegner des imperialistischen Krieges. Das Wissen der Konferenz von Zimmerwald ist noch nicht verschüttet: Ihre Kriege sind nicht unsere Kriege. Die Gegnerschaft gegen den Krieg führt notwendig und unausweichlich zur Frage der Macht und der Eigentumsverhältnisse. Die Internationale erkämpft das Menschenrecht! Krieg und Kriegsvorbereitung vertragen sich nicht mit einer freundlichen bürgerlich-liberalen Demokratie; funktionsadäquat führen sie zu Formen faschistischer Herrschaft. Zur Erinnerung: Faschismus ist die Verneinung ebenso der sozialistischen wie der bürgerlichen Demokratie. Es gibt eine weitreichende, aber einfache und in der Geschichte erprobte programmatische Losung, die den Kampf gegen Faschismus und Krieg und gegen die Verhältnisse, denen Krieg und Faschismus entspringen, im Interesse aller – »An alle, alle, alle!« – verbindet. Sie lautet: antifaschistische Demokratie. Das ergibt sich aus der Folgerichtigkeit der Sache. Ohne revolutionäre Phrase und für jeden anständigen Menschen verständlich. Nebenbei wird einsichtig, dass Auffassungen, wonach die »alte« Unterscheidung von links und rechts nicht mehr relevant sei, diesen Weg blockieren und mit ihrer scheinbar friedensfreundlichen »neuen« Verpackung einer »Rot-Braun-Querfront« den Faschismus verharmlosen oder indirekt über die Bande rehabilitieren. Mit dem Ziel einer antifaschistischen Demokratie wird Luxemburgs Ruf nicht vertagt; die politische Machtfrage wird in und mit der Demokratie entschieden. Deren Verteidigung und Gestaltung verlangt die weitere Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse – sozialistische Verhältnisse. Dieser folgerichtig-dynamische Zusammenhang entwickelt sich in, mit und aus seinen Widersprüchen als eine relativ eigenständige geschichtliche Etappe. Die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik liefert in dieser Hinsicht ein interessantes Lehrmaterial, auch wenn die Welt heute anders aussieht.

Die so begriffene antifaschistische Demokratie definiert die Kriterien der Orientierungen, die auf sie zuführen. Es geht nicht um abgrenzbare »Zwischenstufen«, sondern um Annäherungen in Gestalt realer gesellschaftlicher Veränderungen und um Wege der Bewusstseinsbildung. Sie bedürfen einer wachen Begleitung und Lenkung. Der Prozess ent- und besteht aus Vermittlungen. Das Erkämpfen der Demokratie hat es mit Vermittlungen diverser Bedingungen und unterschiedlicher Realisierungsschritte zu tun, und eine kluge Vermittlungskunst ist erheischt, um die denkenden und handelnden Subjekte, die die Veränderung bewerkstelligen werden, zu erreichen und für das Ergreifen ihrer eigenen Interessen zu gewinnen. Das vollzieht sich in allen denkbaren Tempi der Beschleunigung, des Zurückgeworfenwerdens und der scheinbaren Stagnation oder einer Generalpause und mit belebenden und niederschmetternden Überraschungen. Der Hinweis auf das Feld permanenter objektiver und subjektiver – fließender? – Übergänge ist keine Vertröstung, auch kein bedauerndes Inkaufnehmen der Parousieverzögerung. Der Kampf um die Veränderung des Kräfteverhältnisses findet statt, ohne Unterbrechung, und muss in Praxis und Theorie stets von Neuem aufgenommen werden. Da gibt es aufregende ökonomische, technische, politische, gesellschaftliche, wissenschaftliche und, korrespondierend, ideologische Entwicklungen des Imperialismus und unter dessen Bedingungen. Weitreichende Veränderungen werden unter der Überschrift »Charakter der Arbeiterklasse« oder auch mit der Frage nach den geschichtlichen Subjekten – bis hin zur Frage nach dem Gewicht der »Volksmassen« – diskutiert. Aber geschichtliche Formationen, die sich in den Übergängen zwischen den Kapitalismus und den Sozialismus schieben, ein wie immer gekleidetes Drittes, sind nirgends auszumachen. Der Kapitalismus bewegt sich mit seinem imperialistischen Stadium in der Dynamik seiner allgemeinen Krise und wird von ihr geschüttelt und getrieben. Die Systemfrage ist gestellt, und die kommunistische Partei stellt sie ausdrücklich: Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei. Gegen das Verschütten oder Belächeln der Naherwartung hören wir Brecht (»Die Mutter«): »Wer noch lebt, sage nicht niemals! Das Sichere ist nicht sicher. (...) Und aus niemals wird: heute noch.«

Das Neue im Alten

Wer Lenin liest, unseren anderen großen Jubilar des Jahres 2020, erkennt in der Perversität des Imperialismus die Konturen des Sozialismus. Gerade in der Globalisierung, vor der sich viele ängstigen, weil sie nur deren kapitalistisch verzerrte Fratze sehen und erleben und sich daher auch leicht nationalistischen Einflüsterungen öffnen. Das »Manifest« beschreibt den revolutionierenden Prozess, in dem regionale Einheiten sich zu einer differenzierten Weltgesellschaft verbinden. »An die Stelle der Manufaktur trat die moderne große Industrie, an die Stelle des industriellen Mittelstandes traten die industriellen Millionäre, die Chefs ganzer industrieller Armeen, die modernen Bourgeois. Die große Industrie hat den Weltmarkt hergestellt.« (Manifest) Der Prozess trug die Tendenz zur sozialistischen Weltrevolution in sich. Nun, unter dem geschichtswidrigen imperialistischen Vorzeichen, bringt er Zerstörung, Hunger und Krieg – »Reaktion auf der ganzen Linie« im Weltmaßstab. Der Imperialismus ist stark, aber strukturell unfähig, die Globalisierung zu verwirklichen; das kapitalistische Profitprinzip und die imperialistische Konkurrenz stehen dem entgegen. »Alles Große ist gleichgewichtslabil«, liest man bei Platon. Die Eroberung riesiger Machtgebilde erscheint unmöglich. Hat man es aber geschafft, wird, da man eine bestehende Großstruktur übernimmt, das reale In-Besitz-Nehmen um so leichter sein. Alexander (»der Große«) konnte sein Reich auf dem vorbereiteten Boden des persischen Großreichs bis an den Indus und zum Hindukusch ausweiten. Analoges sieht Lenin im Kampf gegen das Weltreich des Imperialismus.

Niemand kann vorhersagen, wie weit und zu welchen Untaten die imperialistischen Mächte durch ihre Katastrophenträchtigkeit getrieben werden und mit welchem Erfolg es den Menschen und Staaten, die am Frieden interessiert sind, gelingt, wenigstens den großen Krieg zu verhindern. Und: Wie steht es mit den Möglichkeiten der sozialistischen Revolution, nach der die Welt gebieterisch verlangt? Sie kann nur als eine globale Umwälzung gedacht werden; Sozialismus in einem Land wird es kaum mehr geben können. Angesichts der realen Kräfteverhältnisse sind regionale Revolutionen nur als Glied einer Kette und regionale Sozialismen allenfalls als bedrängte Zufluchtsorte und provisorische Bastionen möglich. Seit der erdnahe Weltraum zu einer militarisierten Zone geworden ist, ist eine Grenzverteidigung im gewohnt-traditionellen Sinn überholt und werden größere Kriege nur noch sehr bedingt und eingeschränkt entlang klassischer Fronten geführt. Die Rede von der notwendigen Weltrevolution klingt nach etwas von vornherein Irrealem und Spinnertem; sie verliert diesen Charakter, wenn man sie nicht als ein einmaliges Ereignis, als eine soziale Explosion auf einen Schlag aufnimmt. Revolutionen sind keine Abenteuer. Der Begriff der Weltrevolution enthält nicht das Bild der Gleichzeitigkeit. Wohl aber schließt er ein ebenso planendes wie flexibles Kommunizieren aller fortschrittskräftigen Regionen und Kräfte und der tatsächlichen oder zu erwartenden revolutionären Herde ein; sein Lebenselixier ist der Internationalismus. Die an revolutionären Prozessen in der einen oder anderen Art beteiligten Organisationen, Bewegungen, Regionen und Staaten werden sich ökonomisch, politisch und kulturell sehr unterscheiden. Auch in der Weise ihres Vorgehens. Aber die imperialistische Globalisierung hat, unbeschadet der ungleichmäßigen Entwicklung, die Lebensweisen soweit einander angeglichen, dass die Menschen wissen können, wovon sie reden, und dass sie in der Lage sind, sich zu verständigen und abgestimmt zu handeln. Das gilt insbesondere mit Blick auf die zunehmende Internationalisierung der Arbeiterklasse.

Der großen Mehrheit aller Menschen ist es irgendwie klar, dass es so, wie es jetzt ist, nicht weitergehen kann und nicht weitergehen darf. Mit diesem »Irgendwie« sind sie leicht Spielball der Mächte, die sie gegen ihre Interessen ausnutzen und in Stellung bringen; an Fachleuten, die wissen, wie man Menschen, auch Massen, an der Nase herumführt, fehlt es nicht. Die Menschen machen aber Erfahrungen, sie können etwas merken, und sie können denken. Das ist der geschichtlich-politische Ort der Kommunisten: Aus dem unreflektierten, unbeholfenen Wissen darum, das es anders werden muss, soll ein sicheres, ein begründetes Bewusstsein werden, das Interessen zu unterscheiden weiß und zu einem zielsicher verändernden Handeln befähigt. Soviel zur subjektiven Seite. Materiell bereitet die deformierte Globalisierung des Imperialismus der angemessenen Form, dem globalen Sozialismus, den Boden. Der Blick auf die gegenwärtige Welt bietet nicht nur negative Ausblicke.

Das ist es, was man mit einer relativen Sicherheit sagen und aussprechen kann. Über den weiteren Verlauf von gesellschaftlichem Fortschritt und Reaktion macht man sich immer Gedanken, aber es hat keinen Sinn, sich in Spekulationen zu ergehen. Das betrifft auch Prognosen über ein künftiges Verhalten der ehedem sozialistischen Großmacht Russland und der von einer kommunistischen Partei regierten Großmacht China. Der bedürftige Blick findet wenig, an das er sich halten kann; die Zukunft erscheint dunkel – angsttreibend. Die unbestimmte Angst ist schwer fassbar und kaum aufzulösen. Mit der Angst vieler Menschen, die sich angesichts von Neuem und undurchschaubarer existenzbedrohender Veränderung einstellt, treibt der Gegner sein zynisches Spiel; er formt aus ihr das Potential eines Irrationalismus, der sich nach Belieben ins Panische steigern oder wieder herunterfahren und so oder so als probates Herrschaftsmittel politisch einsetzen lässt. Was hilft? Empirisch erfahrbare, auch kleine Erfolge, die zeigen, dass man etwas erreichen kann und dass es weitergeht, können Ängste beruhigen und als gesellschaftliche Energien ins Positive kehren. Nicht zu vernachlässigen sind freundliche Eindrücke, die man von lebendigen Individuen gewinnt, die für Veränderung hin zu Demokratie und Sozialismus stehen; Kommunisten verbreiten Angst höchstens beim Gegner. Und immer wieder das rationale Aufrufen des Kommunismus als des Selbstverständlichen und daher Angstvertreibenden. Bert Brecht ist darin schlechthin ein Meister gewesen. Im »Lob des Kommunismus«: »Er ist nicht das Chaos, sondern die Ordnung.« Oder im Gedicht, das auf die in der BRD verordnete Extremismus-Konstruktion antwortet: »Der Kommunismus ist wirklich die geringste Forderung/ Das Allernächstliegende, Mittlere, Vernünftige.« (»Der Kommunismus ist das Mittlere«)

Mit der Niederlage und dem Rückzug der Zukunftsseite in der großen weltgeschichtlichen Auseinandersetzung der Epoche ist die Geschichte nicht zu Ende gegangen. Die weltumspannende Partei des Sozialismus kann einen überzeugenden Trumpf vorweisen: Mehrere Generationen lang haben sozialistische Staaten gezeigt, dass das gesellschaftliche Leben ohne kapitalistisches Eigentum nicht zusammenbricht, sondern sich zum Wohl aller entfaltet. Es hat einmal einen deutschen Staat gegeben, der keine »Agentur für Arbeit« brauchte, in dem niemand unter Brücken schlafen musste und der nie Krieg geführt hat! Das ist Trost und Motivation. Theoria cum praxi. Der Praxisbeweis der marxistisch-leninistischen Theorie ist erbracht, und das Gerede, der Sozialismus sei und bleibe eine schöne Utopie, wurde von der Wirklichkeit widerlegt. Der besorgte Gegner sieht das übrigens auch so und kassiert gerade deshalb im neu-alten Deutschland konsequenterweise zugleich die Legitimität der DDR und die des Leninismus.

Epilog

Hegel blickte auf Frankreich: »Solange die Sonne am Firmament steht und die Planeten um sie herumkreisen, war das nicht gesehen worden, dass der Mensch sich auf den Kopf, d. i. auf den Gedanken stellt und die Wirklichkeit nach diesem erbaut.«³ Dass das Erbauen der Wirklichkeit auf dem Boden der wirklichen Voraussetzungen erfolgt – geschenkt.

Anmerkungen

1 Siehe z. B. Marx/Engels, Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850, MEW 7, S. 244–254

2 Vorw. zur 4. dt. Ausg. 1890, MEW 22, S. 55. Vgl. Vorw. 1883, MEW 21, S. 3

3 Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Werke in 20 Bänden, Bd. 12, S. 529

Wolf-Dieter Gudopp-von Behm (geb. 1941) ist Philosoph und hat zuletzt die Bücher »Solon von Athen und die Entdeckung des Rechts« (2009) sowie »Thales und die Folgen. Vom Werden des philosophischen Gedankens« (2015) veröffentlicht. Beide sind bei Königshausen und Neumann in Würzburg erschienen.

Der erste Teil erschien in der Ausgabe 18./19. Januar.

Debatte

  • Beitrag von Heike N. aus B. (21. Januar 2020 um 11:33 Uhr)
    Guten Tag,

    nahtlos an das Manifest anzuknüpfen, als hätte es inzwischen mit dem Realsozialismus nicht die Probe aufs Exempel gegeben, ist lebensfremd. Zum Beispiel im Flugzeugbau wäre so eine Denkweise völlig ausgeschlossen. Keiner würde auf einen unveränderten Konstruktionsplan zurückgreifen, dessen Produkt abgestürzt ist. Der Philosoph Behm dagegen meint in kompletter Verkennung der Lage: »Der Praxistest … ist erbracht«, und meint damit: Alles war o. k., das Ganze noch mal. Ja, um Himmels Willen! Vorher muss doch geklärt werden, warum die sozialistische Gesellschaftsformation nach circa 74 Jahren wieder untergegangen ist. Warum hat ihr Herz, der Motor des Ganzen, die sozialistische Produktionsweise nicht funktioniert? Mit welcher Produktionsweise kann eine sozialistische Gesellschaft überleben? Was ist der Regulator ihrer Produktion? Moralische Appelle, der »sozialistische Wettbewerb« und eine zentrale Kontrolle jedenfalls nicht. Solange der Philosoph nicht endlich ökonomisch wird, das heißt von Produktionsweisen spricht, sollte er papierschonend schweigen.

    Schöne Grüße

    Enrico Mönke

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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